Streit
Corbusier-Haus drohte der Abbruch, nun dem Kanton eine Millionenklage

Museumsgründerin Heidi Weber erwägt, auf Schadenersatz zu klagen. Denn die Stadt zahlte ihr nur 70 Prozent der Baukosten von 1967 und ignoriert die Wertsteigerung des Corbusier-Hauses. Kunsthändler und Auktionator Simon de Pury schätzt dessen heutigen Wert auf 70 Millionen Franken.

Pascal Ritter
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Das Corbusier-Haus auf der Blatterwiese ist Heidi Webers Lebenswerk.

Das Corbusier-Haus auf der Blatterwiese ist Heidi Webers Lebenswerk.

KEYSTONE

Traurige Szenen spielten sich im Corbusier-Haus ab. Arbeiter trugen Mitte Mai Skulpturen, Möbel und kistenweise Aufzeichnungen des Star-Architekten und Künstlers Le Corbusier heraus, um sie einzulagern. Museumsgründerin Heidi Weber räumte nach einem halben Jahrhundert ihr Lebenswerk.

Sie war es, die Le Corbusier dazu bewegt hatte, das Haus als Gesamtkunstwerk auf der Zürcher Blatterwiese zu errichten. Sie war es, die das Haus seit 1967 betrieb, bis der Baurechtsvertrag 2014 auslief und der Pavillon an die Stadt fiel.

Aus Empörung über die Stadt, die sich in ihren Augen nicht an Vereinbarungen hielt, will Heidi Weber ihren Fundus an Corbusier-Kunst und dessen Skizzen und Briefwechsel nun in Schanghai oder Santiago de Chile zeigen statt am Ufer des Zürichsees. Die «Schweiz am Sonntag» machte die Räumung des Museums letzte Woche publik. Recherchen zeigen nun: Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Heidi Weber wollte das Haus abtransportieren

Ein Jahr bevor das Corbusier-Haus am 13. April 2014 in den Besitz der Stadt überging, plante Heidi Weber, das Haus abzubrechen und abzutransportieren. Denn schon damals zeichnete sich ab, dass sich die Stadt und Heidi Weber nicht einig werden. Obwohl der Wert des Hauses seit seiner Fertigstellung im Jahr 1967 stark gestiegen ist, war diese nur bereit, 70 Prozent der ursprünglichen Baukosten zu tragen. Dies entspricht der Summe von einer Million Franken, welche die Stadt Heidi Weber später dann auch bezahlte. Um ein Haar wäre es anders gekommen.

Im August 2013 liess Heidi Weber den Wert des Bauwerks vom Kunsthändler und Auktionator Simon de Pury schätzen. Dieser bemass den Wert des Pavillons in einem Gutachten, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, auf 45 bis 70 Millionen US-Dollar. Die Schätzung begründete er mit einem «internationalen Markt für Pavillons von Stararchitekten», der sich entwickelt habe. Gesucht seien «Spitzenexponate der grössten Architekten, Maler und Bildhauer.» Gemäss de Pury ist das Zürcher Corbusier-Haus «die ideale Trophäe» für ehrgeizige Kulturprojekte in Abu Dhabi, Doha, Kowloon, Sankt Petersburg, Kiew, Baku, Mexico oder Brasilien.

Zudem kämen Oligarchen oder andere ‹High Net Worth Individuals› als Käufer infrage. Die Diskrepanz zwischen den achtstelligen Summen, die de Pury schätzte und der Million, welche die Stadt zahlen wollte, war Heidi Weber zu gross. Sie bereitete den Abbruch vor, denn auch das bescheinigte de Pury: Das Corbusier-Haus «braucht kein Fundament und kann problemlos abgebaut und ähnlich einer begehbaren Skulptur anderswo wieder aufgebaut werden.»

Im März 2013 orientiert Weber das Hochbaudepartement der Stadt Zürich in einer Abbruchanzeige über ihre Pläne. Dieses reagierte prompt. «18 Stunden später meldete sich die Stadt und verbot jegliche Veränderung am Haus», erinnert sich Heidi Webers Sohn Bernard. Sofort liessen die Behörden das Haus ins Inventar der schutzwürdigen Bauten aufnehmen. Ein Jahr später verfügte der Kanton, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen.

Kanton droht Millionenklage

Um diesen Verwaltungsakt dreht sich das neueste Kapitel im Streit zwischen Heidi Weber und den Behörden. Die Museumsgründerin erwägt, den Kanton auf Entschädigung zu verklagen. Ihr Anwalt Ruedi Lang sagt auf Anfrage: «Meiner Mandantin ist durch den Entscheid des Kantons ein materieller Verlust entstanden. Sie konnte nicht mehr frei über das Haus verfügen. Dafür soll sie auch entschädigt werden.»

Schwerer als der materielle Schaden wiegt für Heidi Weber, dass ihre Leistung von Stadtpräsidentin Mauch in ihren Augen zu wenig wertgeschätzt wird. So heisst das am Mittwoch wieder eröffnete Museum fortan nur noch «Pavillon Le Corbusier» und nicht mehr «Heidi Weber Museum – Centre Le Corbusier» wie in den 50 Jahren zuvor.