Küsnacht
Comeback eines Klassikers: Rollt der Microlino bald durch unsere Strassen?

Kickboard-Erfinder Wim Ouboter will den legendären Kabinenroller aus den 1950er-Jahren zurückbringen.

Thomas Schär
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Michael Trost

Das unternehmerische Credo von Wim Ouboter ist so simpel wie erfolgreich: die Förderung der urbanen und portablen Mobilität. Und: Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit dürfen nicht zulasten des Funfaktors gehen. Im Gegenteil. Dass das möglich ist, hat Ouboter schon einmal bewiesen, Ende der 1990er-Jahre mit dem inzwischen weltberühmten Mini-Scooter, einer Weiterentwicklung des Trottinetts.

Ihre Stellung als weltweite Marktführerin bei den Kickboards, wie die Mini-Scooter auch genannt werden, verdankt die von Wim Ouboter 1996 ins Leben gerufene Firma Micro Mobility Systems dem durchschlagenden Erfolg bei Kindern und Jugendlichen rund um den Globus. Heute stellt Ouboter aber ein zunehmendes Interesse vonseiten der Erwachsenen an den Geräten aus dem Hause Micro Mobility Systems fest.

Zusammenarbeit mit ZHAW

Erst jetzt werde sein Konzept vom Markt verstanden, sagt der 56-jährige Küsnachter: «Unsere Mini-Scooter waren nicht für Kinder gedacht, sondern für Leute, die mit dem öV auf dem Weg zur Arbeit sind.» Die Produkte neuester Generation, wie der hybride Mini-Scooter (mit Elektromotor), werden verstärkt auf das ursprüngliche Zielpublikum ausgerichtet. «Es geht um die erwachsene Mobilität», betont Ouboter, «wir sind kein Spielzeughersteller.» Seine Firma stehe für Qualität und Langlebigkeit, «aber nicht für Billigprodukte». Jüngster und wichtigster Ausdruck dieser Rückbesinnung auf die Wurzeln, die in gewisser Weise auch einen Aufbruch zu neuen Ufern darstellt, ist der Microlino. «Um den Leuten wirklich zu zeigen, was genau unsere Vision ist», sagt Ouboter, «mussten wir ein grösseres Fahrzeug entwickeln, mit mehr Sex-Appeal.» Zur Firmenkultur gehört auch die Maxime «Reduced to The Max». Alle überflüssigen Schnörkel werden weggelassen und dafür das Wesentliche herausgearbeitet. Das aus dem Konzept hervorgegangene Leichtfahrzeug für den urbanen Einsatz namens Microlino feierte am diesjährigen Genfer Auto-Salon seine Premiere – als Prototyp.

Der Retro-Kabinenroller wurde in den letzten zwölf Monaten in Zusammenarbeit mit Studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur entwickelt und in China hergestellt. Die Knutschkugel mit dem Jö-Effekt ist nicht nur ultraklein, sondern auch ultraleicht: Sie wiegt lediglich 400 Kilogramm und hat nur das Nötigste mit an Bord. Im Vergleich zu einem normalen Pw verfügt der Microlino über 60 Prozent weniger Teile. Ein Infotainmentsystem, Klimaautomatik oder Sitzheizung sucht man hier vergebens. Elektronikschnickschnack mache Akkuautos nur teuer und schmälere die Reichweite, meint Ouboter. Dafür braucht der Microlino auch nur ein Drittel der Fläche eines regulären Parkplatzes.

Die legendäre Isetta

Das Design lehnt sich an das Rollermobil der italienischen Firma Iso Rivolta aus dem Jahre 1954 an, die legendäre Isetta. BMW liess das Gefährt unter der Bezeichnung BMW Isetta von 1955 bis 1959 in Lizenz in Deutschland produzieren. Dazu gehört auch der Ein- und Ausstieg von der Fahrzeugfront her. Wie beim historischen Vorbild öffnet sich der Wagen wie ein Kühlschrank. Der Wagen steht auf vier Rädern, die hinteren sind eng nebeneinander platziert. Damit enden die Gemeinsamkeiten: Im Microlino ist ein Elektromotor mit Batterie eingebaut. Die Ladung der Akkus im Wagenboden sorgt für eine Reichweite von rund 100 Kilometern.

Schon 950 Bestellungen

Ouboter räumt ein, «dass, wer früher als erfolgreich gelten wollte, nicht mit einem solchen Gefährt herumgefahren ist». Heute scheinen Wim Ouboter und sein Team – zu dem auch seine beiden Söhne Oliver und Merlin gehören – den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Die weltweite Resonanz auf die Lancierung des Microlino ist jedenfalls bemerkenswert. In der kurzen Zeit haben sich laut Ouboter bereits unzählige Medienkontakte ergeben, acht TV-Stationen berichteten über das Projekt. Seit dem Ende des Automobilsalons sind laut Ouboter rund 950 Bestellungen für den Microlino in Küsnacht eingegangen. Ende 2017 will Ouboter mit der Produktion bei der Partnerfirma Tazzari in Imola in Norditalien beginnen. Der Preis dürfte sich irgendwo zwischen 10 000 und 12 000 Franken bewegen. Mit seinem ambitionierten Plan steht Ouboter nicht alleine da: Überall auf der Welt tüfteln Überzeugungstäter und Bastler an Hightech-Versionen von Oldtimern oder an zeitgemässen Entwürfen klassischer Mikroautos. Matchentscheidend wird für Ouboter sein, was schon bei der Entwicklung des Mini-Scooters galt: «Wir müssen das Original sein, eine klare Botschaft haben und gute Qualität anbieten.» Dass der Microlino der Erste sein wird im Rennen um den besten Startplatz in der Innenstadt, ist für ihn klar. Die klassische Automobilindustrie jedenfalls werde nicht auf den Zug aufspringen, «denn die ist sich irgendwie zu nobel für diese Fahrzeugklasse».