Zürich

Christoph Blocher warnt im Albisgüetli vor einem «stillen Staatstreich»

An der 25. Albisgüetlitagung hob SVP-Übervater Christoph Blocher rhetorische Schützengräben aus. Innert Stunden sei sie ausverkauft gewesen, die Albisgüetli-Tagung, sagt ein Zürcher SVP-Funktionär mit stolz geschwellter Brust.

Für 70 Franken erhalten die Parteigänger nicht nur einen Teller Hackbraten und ein Caramel-Köpfli. Sondern ihren Übervater Christoph Blocher, und das in Überlänge. Das Caramel-Köpfli sei nicht besonders, aber die Reden, die seien gut, so ein Kantonsrat, der seit Jahren dabei ist.

Über tausend Personen fasst der Saal des Schützenhauses. Die Reihen füllen sich langsam. Auf den Tischen liegen SVP-Schöggeli und SVP-Biberli auf bedruckten SVP-Servietten, gesponsert von der Werbeagentur, die sonst Messerstecher- und Minarett-Plakate kreiert. Auf einer Leinwand laufen kleine Werbefilme der Sponsoren.

Blocher an der Albisgüetliveranstaltung

Christoph Blocher an der Albisgüetliveranstaltung

Die Albisgüetli-Tagung. Zum 25. Mal findet sie dieses Jahr statt. Eigentlich zum 26., aber das erste Mal zählt nicht, das ging damals in die Hose. Das Konzept: Die Zürcher SVP lädt ein, neben Blocher spricht ein Bundespräsident. In den letzten Jahren hat das nicht mehr oft hingehauen. Nur 2011 traute sich Micheline Calmy-Rey auf die Bühne des Schützenhauses. Dieses Jahr steht mit Ueli Maurer zum ersten Mal einer aus den eigenen Reihen am Rednerpult. Nach 25 Jahren bezahlten die Gäste dieses Jahr zum ersten Mal 70 Franken für parteilichen Einheitsbrei.

Kavallerie-Musik und Kriegsrhetorik

Es ist 19.30 Uhr: Nach Klängen der Kavallerie-Musik setzt Blocher zu seiner Kriegsrhetorik an. Er warnt vor den Angriffen auf die Schweiz. Vor dem französischen Senat, der in einem Bericht die Schweizer Politiker als «schwach» bezeichnet habe. Er spricht von den Feinden des Landes und fragt rhetorisch: «Sitzen im Bundesratszimmer die Landesverräter?»

Blocher vergleicht sich auch mit Zwingli, der in Marburg dem grossen Martin Luther gegenübersass. Der abgewählte Bundesrat schwärmt von den Eidgenossen von anno dazumal, die nach der verlorenen Schlacht bei Marignano so gut verhandelt hätten. Dass die Niederlage im 16. Jahrhundert die Schweiz vom Status einer kleinen Grossmacht zurück in die Provinz katapultierte, verschweigt er. Je weiter die Vergangenheit zurückliegt, desto schöner die Farben, in denen Blocher sie malt.

Zum Kampf und Widerstand ruft Blocher schliesslich auf, bevor sein Manuskript auf den letzten Seiten ausfranst. Nun warnt er noch vor der Volksabstimmung über die Familienpolitik, die den Familien die Kinder wegnehme. Dann lobt er seinen eigenen Kampf gegen Abzocker, schimpft über die Schule.

Fast eine Stunde hat der grosse alte Mann der Zürcher SVP geredet. Die Mägen seines Publikums knurren. Während die einen noch gebannt nach vorn schauen, ist die Aufmerksamkeit längst aus den Gesichtern der anderen gewichen. Sie klatschen auf Kommando. Ausser zum Schlussapplaus, nach einem «Viva la Svizzera!». Dann steht das Publikum auf und tobt.

Humanitäre Tradition und Wehrpflicht

Kaum ist der Hackbraten vom Teller verschwunden, tritt Ueli Maurer ins Scheinwerferlicht. Zweimal heisst es zu Beginn: «Christoph Blocher hat es vorhin gesagt ...» Dann gewinnt seine Rede an Eigenständigkeit. Es spricht nicht bloss ein Parteisoldat, sondern ein Bundesrat. Maurer erinnert an die humanitäre Tradition der Schweiz und wirbt in ruhigen Worten für die Wehrpflicht: «Unser Staatswesen hängt an der Militärdienstpflicht», sagt er. Maurer beschwört das Recht, geisselt die Macht. Und findet trotzdem zurück ins SVP-Weltbild: Je eigenständiger ein Land sei, desto besser. Er lobt den grossartigen kleinen Staat, der seine Geschicke selber bestimme. Applaus, Applaus.

Jetzt kommts: das Caramel-Köpfli. Und danach die grosse Tombola-Verlosung um die Hauptpreise. Und die Ländlermusik dudelt.

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