Kinderbücher
Christina Aebi erweckt Kinderwelten zum Leben

Illustrieren und Gestalten ist ihre Leidenschaft. In ihrem Atelier in der Winterthurer Altstadt gibt Christine Aebi Einblick in die Welt, in der ihre Kinderbücher entstehen. Schnell wird klar: Das Kind in ihr ist nie ganz verloren gegangen.

Sandra Schieder
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Christine Aebi in ihrem Winterthurer Atelier.

Christine Aebi in ihrem Winterthurer Atelier.

pd

Der Samstag war als Kind ihr Lieblingstag. Umgeben von bunten Bändern, Stoffen, Klopapierrollen und Zündholzschachteln verbrachte sie dann ihre glücklichsten Stunden. Bastelmaterialien, die sie früher in den Schubladen ihres Kinderzimmers gelagert hatte, dienen heute zur Inspiration und Umsetzung von Ideen in ihrem Atelier in der Winterthurer Altstadt.

Ein rund 15 Quadratmeter grosser, heller Raum mit einem weissen Tisch, auf dem sich in Schuhschachteln eingeordnete Arbeitsmaterialien befinden, die Regale gefüllt mit Büchern, an den Wänden dünne Schnüre, an denen mit Wäscheklammern befestigte Bleistiftzeichnungen hängen, in der Ecke eine kleine Küchennische mit Wasserkocher. Die heute 49-jährige Kinderbuchillustratorin Christine Aebi strahlt ruhige Gelassenheit aus, ihr Atelier ein hektisches Durcheinander.

Doch bevor sie sich in Winterthur niedergelassen hat, absolvierte sie die Kunstgewerbeschule in Biel, machte eine gestalterische Grundausbildung in Luzern und studierte Malerei und Grafik an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Dort lernte sie in ihrer ersten Wohngemeinschaft Lilly Axster kennen, mit der sie im letzten Jahrzehnt vier Kinderbücher veröffentlicht hat. Begonnen hat die Zusammenarbeit der beiden am Theater der Jugend in Wien, wo Axster als Regisseurin und Autorin arbeitete und Aebi Bühnenbilder für Theaterinszenierungen entwarf. Heute ist Aebi für die Illustration verantwortlich, Axster für den Text.

Jedes ihrer vier Bücher wurde mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Keines spricht mit erhobenem Zeigefinger. Die Themen reichen von der Scheidung der Eltern, über den Umzug in eine andere Stadt, bis hin zu Fragen zur Sexualität, wie in ihrem aktuellen Buch «DAS machen?».

Dieses war auch für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert, welcher vergangenen Sonntag verliehen wurde. Aus 110 Einreichungen gelang es den beiden Autorinnen, mit fünf anderen auf die Shortlist für den Preis zu kommen. «Ich bin ein wenig enttäuscht, dass wir nicht gewonnen haben, aber es ist eine grosse Ehre, überhaupt auf dieser Shortlist zu stehen», sagt Christine Aebi.

Neben ihrer Tätigkeit als Kinderbuchillustratorin unterrichtet Aebi an der Schule für Gestaltung in St. Gallen. «Am glücklichsten bin ich, wenn ich Menschen mit Themen und Inhalten anregen und sie dadurch ins Gespräch bringen kann.» Das Talent, Menschen ins Gespräch zu bringen, sowie der Blick für das Wesentliche und die Fähigkeit, den Kern der Dinge herauszuschälen, wurden ihr bereits im Studium nachgesagt. Heute schreibt sie damit Bücher.

«Ein Kinderbuch zu machen, bedeutet jahrelange Arbeit ins Blaue, ohne zu wissen, ob es irgendwann irgendjemanden interessiert.» Erzählt sie von ihrer Arbeit, erinnert das an ein Kind, das mit strahlenden Augen von seinem ersten Schultag erzählt. Für diese Arbeit brennt sie, in dieser Arbeit steckt ihr gesamtes Herzblut. «Es ist für mich wie atmen», sagt sie. Etwas, das sie tun muss.

Sieht man sich ihre Arbeiten an, wirken sie auf den ersten Blick vielschichtig, widersprüchlich und individuell. Jede ist von Hand gezeichnet. Für die heutige Zeit ist das ungewöhnlich. Mit dem Computer zu arbeiten, habe sie «immer wenig interessiert».

Um eine Doppelseite zu illustrieren, benötigt Christine Aebi rund zwei Wochen, an denen sie täglich mehrere Stunden arbeitet. Zudem ist der Stil ihrer Arbeiten schwierig einzuordnen. Manche behaupten, sie habe einen ganz eigenen Stil. Andere sind der Meinung, in ihren Arbeiten lasse sich kein Stil erkennen. «Ich finde, meine Arbeiten knüpfen an Traditionen an, aber mein Stil ist sperrig», sagt sie.

Viele würden sie als Träumerin bezeichnen. Sie selbst bezeichnet sich als eine Person, die die Fähigkeit hat, Fantasien und Visionen in der Vorstellung zu gestalten und auch umzusetzen: «Man kann mich in eine Wüste stellen, wo nichts ist, und ich kann etwas daraus machen.» Viel braucht sie nicht für ihre Arbeit. Kreativität und Vorstellungskraft hat sie, auch die Gabe, sich in die Gefühlswelt von Kindern hineinzuversetzen. Alles, was sie sonst noch benötigt, sind ein paar Stifte, weisse Blätter für Skizzen, Raum und Zeit. Das alles findet sie in ihrem Atelier. Jenem Ort, an dem sie Welten erschafft.

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