Aline hat noch nie eine Schere in der Hand gehalten und Loris kann seine Finkli nicht selber anziehen. Die fremdsprachige Olivia versteht ihre Gspänli kaum und Damian trägt noch Windeln. Anna kann dagegen schon erste Sätze schreiben.

Dass manche Kinder im Chindsgi anfangs mehr Hilfe brauchen als andere, ist nicht neu. Doch mit der Harmonisierung der obligatorischen Schule, dem Harmos-Konkordat, sind die Unterschiede paradoxerweise grösser geworden. Und sie werden noch grösser.

Bis zur Umsetzung von Harmos im Jahr 2020 werden die Kinder drei Monate jünger sein als noch vor ein paar Jahren. Das liegt an der Verschiebung des Stichtags für die Einschulung, er wird schrittweise vom 30. April auf Ende Juli verschoben. Ab 2020 werden manche Kinder eintreten, die eben erst 4 Jahre alt geworden sind. Das kommt schon heute vor, ist aber die Ausnahme.

Zwar kann der Eintritt in begründeten Fällen um ein Jahr verschoben werden. Aber das wollen nicht alle Eltern, teils aus beruflichen Gründen oder weil sie sich die Gebühren für die Kinderkrippe sparen wollen. Ausbaden müssen das die Kindergärtnerinnen – und die Schule, die im Einzelfall zu sonderpädagogischen Massnahmen greifen muss, um auf die besonderen Bedürfnisse der Jüngsten einzugehen.

Am Anschlag

Die Kindergärtnerinnen rufen schon lange nach Unterstützung. Denn die zunehmende Belastung bleibt nicht ohne Folgen. Laut einer Umfrage sind immer mehr Kindergärtnerinnen am Anschlag. Und die Besetzung offener Stellen war schon einfacher.

Manche Gemeinden haben reagiert und stellen den Lehrpersonen Klassenassistenzen zur Seite. Doch nicht alle können sich das leisten. Der Pfäffiker EVP-Kantonsrat Hanspeter Hugentobler hat deshalb eine flächendeckende Einführung von Klassenassistenzen auf Kindergartenstufe gefordert, zumindest für das erste halbe Jahr.

Unterstützt wurde seine Parlamentarische Initiative aber nur von der SP, EVP, AL und von einem Teil der GLP. Vier Stimmen fehlten Ende November bei der Abstimmung im Rat, um den Vorstoss an die zuständige Kommission zu überweisen. Nein stimmten damals unter anderem FDP und SVP.

Marc Bourgeois (FDP, Zürich) sagt: «Ich sehe das Problem mit der früheren Einschulung. Aber dieses Giesskannenprinzip bei den Klassenassistenzen hätte 30 Millionen Franken im Jahr gekostet.» Wie eine günstige Alternative aussehen könnte, hat er nun in einem Postulat formuliert. Zusammen mit Anita Borer (SVP, Uster) und Christoph Ziegler (GLP, Elgg) fordert er die Regierung dazu auf, zu prüfen, ob die Volksschulverordnung so geändert werden könnte, dass die Einschulung von Kindergärtlern auch um ein halbes Jahr zurückgestellt werden kann.

Wie das gemeint ist, erklärt Bourgeois am Beispiel seines Sohnes. Für den Kindergarten sei der Bub intellektuell und sozial reif genug. Er bekunde aber noch Mühe, alleine auf die Toilette zu gehen. Liesse man ihn ein halbes Jahr später einschulen, also nach den Sportferien, wäre er wohl so weit. Und würde der Kindergärtnerin keinen zusätzlichen Aufwand bereiten.

Bourgeois glaubt nicht, dass seinem Sohn das verpasste halbe Jahr fehlen würde. «Kinder holen das schnell auf.» Im Zweifelsfall könne er ja ein Kindergartenjahr anhängen. Bourgeois rechnet maximal mit ein, zwei Kindern pro Klasse, die für eine solche Zwischenlösung infrage kommen dürften. Organisatorisch müsse das machbar sein.

«Nicht vom Kind aus gedacht»

«Es freut uns, dass der Handlungsbedarf erkannt ist», sagt Ursina Zindel, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. «Nur ist dieser Vorstoss leider nicht vom Kind aus gedacht. Er zeugt von Ignoranz bezüglich der pädagogischen Arbeit auf der Kindergartenstufe und deren Bedeutung für die schulische Entwicklung des Kindes.»

Die Bildungspolitik müsse Rahmenbedingungen schaffen, die dem Entwicklungsstand des Kindes entsprächen. Die Idee mit den halbjährlichen Eintritten sei kontraproduktiv. «Die ersten Monate sind für alle eine grosse Herausforderung. Die Kinder lernen, wie der schulische Alltag funktioniert, sie erwerben Handlungskompetenzen und erlangen Selbstständigkeit in der neuen Umgebung, es werden Freundschaften geschlossen, Rituale eingeführt.

Viele unterschätzen, wie wohlüberlegt man in dieser Phase vorgehen muss und dass der Lehrplan vorgibt, welche Kompetenzen zu erlernen sind.» Für ein Kind sei es nicht einfach, ein halbes Jahr später in ein bestehendes Klassengefüge hineinzuwachsen. «Es wird merken, dass es etwas verpasst hat. Es kann Unruhe entstehen.»

Personal und Halbklassen

Auch organisatorisch stelle sie sich das schwierig vor. Gute Klassengrössen und -zusammensetzungen zu bilden, sei schon heute sehr anspruchsvoll. Zindel sagt: «Wenn man allen Kindern einen guten Start in die Schulkarriere ermöglichen will, führt kein Weg an mehr Ressourcen vorbei – sprich: personelle Unterstützung, Teamteaching und Halbklassenunterricht auf Kindergartenstufe.»

Auch Regierungsratskandidat Hugentobler ist vom neuen Vorschlag wenig begeistert. «Ich freue mich ja, wenn auch andere Parteien die Kindergärtnerinnen entlasten wollen», sagt der Pfäffiker Schulpräsident. «Aber ich befürchte, dass mit dieser Idee der Kindergarten zu einer Art Jekami wird.» Dann noch zu behaupten, diese Massnahme koste nichts, sei einfach Augenwischerei.

Volksschulzeit verlängern

Die Situation in den Kindergärten und der Volksschule generell lasse sich nur mit mehr Ressourcen verbessern, sagt Hugentobler und geht noch einen Schritt weiter: «Wenn die Eltern ihre Kinder früher der Volksschule anvertrauen, wird man sie irgendwann einmal um ein Jahr verlängern müssen – ob mit einem zusätzlichen Jahr am Ende der obligatorischen Schulzeit oder mit einem dritten Kindergartenjahr.»

Ja, und dann müsse auch die Grundstufe, die das Stimmvolk 2012 verworfen hat, wieder ein Thema werden. «Ein fliessender Übergang in den ersten drei Jahren der Volksschule würde helfen, individueller auf die Entwicklungsunterschiede der Kinder einzugehen.»