Karin Hindenlang kennt sich mit Tieren aus. Die Biologin ist Geschäftsführerin der Stiftung Wildnispark Zürich, die den Tierpark Langenberg betreibt. Neben vielen anderen Tieren leben dort in Langnau aktuell auch sieben Wölfe. Einen ihrer Artgenossen will Hindenlang letzten März in freier Wildbahn gesichtet haben.

«Ich war am westlichen Albishang zu Fuss unterwegs, als ich mit dem Feldstecher einen Wolf entdeckte», erzählt Hindenlang. Die Sichtung habe sie gefreut, denn: «Ich empfinde es als Bereicherung, dass Wölfe in der Schweiz wieder heimisch sind und sich ausbreiten.» Die Beobachtung behielt sie nicht für sich. Hindenlang informierte die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung und meldete die Sichtung auch der Vereinigung Raubtierökologie und Wildtiermanagement Kora, die ihren Sitz in Muri bei Bern hat.

Fund im Schwyzertobel

Wie Recherchen der «Zürichsee-Zeitung» zeigen, kam im selben Zeitraum eine weitere interessante Entdeckung hinzu: Eine Jägerin fand im Schwyzertobel, das am Albishang oberhalb des Tierparks liegt, auffälligen Tierkot. «Die gefundene Losung passte von Grösse und Zusammensetzung zu Wolfskot», sagt die Jägerin, die anonym bleiben möchte. Die Losung habe Rehhaare und einzelne Knochenstücke enthalten. Auch sie meldete ihren Fund der Fischerei- und Jagdverwaltung. Gemeinsam entschied man, eine Probe an die Fachstelle Kora zu schicken. «Das machen wir nur selten. In diesem Fall hat uns aber Karin Hindenlangs Meldung dazu bestärkt», sagt Jürg Zinggeler von der Fischerei- und Jagdverwaltung auf Anfrage. Kora liess die Losung in einem Labor der Universität Lausanne analysieren.

Erinnerungen an Schlieren

Inzwischen ist das Untersuchungsergebnis bekannt: «Der Kot stammt von einem Fuchs», teilt Zinggeler mit. Schliesst der Fachmann damit aus, dass sich ein Wolf am Albishang aufgehalten haben könnte? «Nein, auszuschliessen ist das nie.» Er erinnert an den Wolf M43, der im Juni 2014 in Schlieren von einem Zug erfasst worden war. Dessen Wanderroute habe durch den Sihlwald geführt.

Als unwahrscheinlich erachten allerdings sowohl Jürg Zinggeler als auch Karin Hindenlang, dass sich ein Wolf oder gar ein ganzes Rudel im Sihlwald dauerhaft niederlässt. «Dafür ist das Gebiet zu klein», sagt Hindenlang und verweist auf eine Untersuchung der Universität Zürich. Wie die Wissenschaftler herausfanden, bietet der Kanton Zürich nur in den Gebieten um Tössstock, Schnebelhorn und Hörnli idealen Lebensraum für den Wolf.

Die letzten genetisch nachgewiesenen Wolfsspuren wurden jedoch im Norden des Kantons gefunden. In Laufen-Uhwiesen hat der Wolf M75 Anfang März ein Schaf gerissen. Dies belegt, dass Jungwölfe auf der Abwanderung aus ihren Rudeln auch für sie nicht ideale Lebensräume im Kanton durchstreifen können. Was auch für Hindenlangs Beobachtung sprechen würde. Denn sie hält trotz negativer Kotanalyse an ihrem Standpunkt fest und sagt: «Ich bin nach wie vor überzeugt, einen Wolf gesehen zu haben. Sonst hätte ich es nicht gemeldet.»