Als Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind Sie quasi der höchste Friedensförderer Europas. Schon als Kind galten Sie in der Schule in Adliswil als Friedensstifter. Sie sind Ihrer Berufung also gefolgt.

Thomas Greminger:  Ja, das könnte man wohl so sagen. Ich erinnere mich: Die Lehrer setzten neue Schüler gerne neben mich. Mit meiner sozialen Ader diente ich wohl als Integrationsförderer. Andererseits war ich auch jemand, der voranging, ein Alphatier. Musste in der Primarschule ein Team geformt werden, war ich der Captain. Später, im Gymnasium, war ich der Partyorganisator.

Nach dem Studium sind Sie in der Diplomatie gelandet. Wie kam es dazu?

Internationale Beziehungen zu gestalten und zu Frieden und Stabilität beizutragen, war schon früh ein Berufsziel von mir. Das basiert auf meinem Wertesystem, in dem soziale Gerechtigkeit einen hohen Stellenwert einnimmt. Das ist meine Triebfeder. Was mir in meinem Job auch hilft, ist das Glück, dass ich viel Energie habe. Mich zu entmutigen, ist schwierig. In einem Job, in welchem sich vieles nicht auf einfache Weise lösen lässt, ist das von Vorteil.

Ausdauer brauchen Sie und die OSZE insbesondere im seit 2014 andauernden Konflikt zwischen der Ukraine, Russland und den Milizen. Sie brachten die Parteien zwar zu einem Waffenstillstandsabkommen, doch dieses wird ständig gebrochen.

Das stimmt. Wöchentlich sterben Menschen, auch Zivilisten. Immerhin gelingt es der OSZE im Rahmen der Sonderbeobachtermission, den Konflikt unter Kontrolle zu halten. Er ist bis jetzt nicht eskaliert. Und die Opferzahlen sind dieses Jahr so tief wie noch nie.

Ein Kriegsende scheint aber nicht in Sicht zu sein.

Das Problem sind die strukturellen Faktoren. Es sind immer noch viele schwere Waffen im Einsatz. Und an der Kontaktlinie kämpfen die Soldaten wie im Ersten Weltkrieg – sie positionieren sich teilweise nur hundert Meter voneinander. Der politische Wille für ein Kriegsende ist momentan überhaupt nicht vorhanden. Das verunmöglicht wirkliche Besserung, was auf Dauer unbefriedigend ist.

Nun sind Sie etwas mehr als ein Jahr im Amt. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?

Ich denke, es ist mir gelungen, die OSZE wieder stärker als Dialogplattform zu positionieren, in einer Zeit, in der sich die Ost-West-Beziehungen täglich verschlechtert haben. So konnte ich zum Beispiel dazu beitragen, dass die Russen sich wieder vermehrt am militärisch-politischen Dialog beteiligen.

Was bedeutet das konkret?

Das heisst, dass die Russen auch Militärs an den Verhandlungstisch bringen und nicht nur Diplomaten. Das ist enorm wichtig. Wir haben heute weniger direkte Kontakte zwischen den Militärführern als zur Zeit des Kalten Kriegs. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel im Baltikum immer häufiger Beinahe-Zwischenfälle zwischen Kampfflugzeugen oder -schiffen der Nato und der Russen. Wenn man Missverständnisse verhindern und Vertrauen aufbauen will, braucht es Kontakte zwischen den Militärs. Wenn sie nicht überzeugt sind, können die Diplomaten noch lange miteinander reden.

Kürzlich sagten Sie, Sie stellten ein historisches Vertrauenstief zwischen Ost und West fest, wie wir es seit 1980 nicht mehr hatten. Wie äussert sich das?

Es gibt fast keine Foren mehr, wo man ehrlich miteinander spricht. In der OSZE haben wir beispielsweise den Ständigen Rat, in welchem sich jeden Donnerstag die 57 Botschafter der Teilnehmerstaaten treffen. Doch dieses und andere Foren wurden weitgehend zu Plattformen, wo man sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf wirft. Was man sagt, ist eher für die Medien aufbereitet, als für die Problemlösung konzipiert. Daneben gibt es, wie gesagt, in der Luft, auf hoher See und an Land immer mehr Provokationen.

Heisst das, dass Europa bald eine grosse militärische Krise bevorsteht?

Das ist schwierig zu sagen, eine Voraussage wäre spekulativ. Fakt ist aber, dass es viele Indikatoren gibt, von denen jeder beunruhigend ist. Vor vielen Jahren hatte man sich auf vertrauensbildende Massnahmen geeinigt. Zum Beispiel, dass eine Armee militärische Grossmanöver anderen Staaten ankündigt. Heute werden sehr viele Manöver in Grenznähe gemacht, und man legt sie so an, dass man sie vertraglich nicht ankündigen muss. Regeln werden nur noch pro forma eingehalten. Ein anderes Problem: Der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa, der in Europa nach dem Kalten Krieg zum konventionellen Abrüsten geführt hat, wird nicht mehr umgesetzt. Das mag morgen noch nicht gefährlich sein, aber es öffnet Tür und Tor für ein neues konventionelles Wettrüsten. Bezeichnend für die Situation sind auch der Fall Skripal in England oder die Chemiewaffeneinsätze in Syrien.

Sie sind solchen Themen ständig ausgesetzt und sind wohl stets auf Achse. Wie schalten Sie ab?

Am besten auf dem Velo. Ich fahre in Wien gerne der Donau entlang oder gehe in den Wienerwald biken. Diesen Ausgleich brauche ich, denn meine Arbeitstage sind durchgetaktet bis zum Gehtnichtmehr. Die Hälfte der Zeit bin ich im Ausland, die andere am Hauptsitz in Wien. Dort habe ich meist von morgens bis abends Sitzungen. Dazu gehören auch regelmässige separate Arbeitsfrühstücke mit den Botschaftern Russlands, der USA und der EU zum Meinungsaustausch.

Sie wurden für drei Jahre gewählt, die Amtszeit könnte 2020 nochmals um drei Jahre verlängert werden. Wollen Sie das?

Ich müsste dafür natürlich von 57 Ministern wieder gewählt werden. Momentan wäre ich einer zweiten Amtszeit nicht abgeneigt, denn ich sehe, dass ich etwas bewegen kann.