Zürich

Chancengleichheit: Die Stadt will die Frühförderung ausbauen

Kitas spielen eine wichtige Rolle bei der Frühförderung von Kindern.

Kitas spielen eine wichtige Rolle bei der Frühförderung von Kindern.

Fremdsprachige Kinder sollen nicht schon den Anschluss verlieren, bevor sie überhaupt zur Schule gehen.

Oft sind die Unterschiede zwischen den Kindern bereits gross, wenn sie in die Schule kommen: Während die einen schon ein bisschen lesen und rechnen können, sprechen manche kaum Deutsch, da beide Eltern aus dem Ausland stammen. Viele Städte und Gemeinden im Kanton Zürich haben deshalb in den vergangenen Jahren die Frühförderung forciert, um für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

Vor einigen Monaten hat die Stadt Winterthur beschlossen, die Frühförderung weiter auszubauen. Das Gleiche hat nun auch die Stadt Zürich für die Frühförderung vor dem Kindergarten vor. Der Stadtrat erklärte gestern an einer Medienkonferenz anhand eindrücklicher Zahlen, weshalb dies aus seiner Sicht notwendig ist.

Mehr als die Hälfte der Eltern sind Ausländer

In Zürich leben rund 23'000 Kinder unter vier Jahren. Bei 47 Prozent von ihnen stammen beide Elternteile aus dem Ausland. «Das ist eine sehr hohe Zahl», sagte Raphael Golta (SP), Vorsteher des Sozialdepartements. «Deshalb ist die Sprache für uns ein so zentrales Thema.»

Lediglich ein Drittel der Vorschulkinder wächst ausschliesslich mit der deutschen Sprache auf. Die Mehrheit spricht zwei oder gar drei Sprachen. Die Stadt Zürich hat deshalb in den vergangenen Jahren ein Programm lanciert, das sich vor allem an sogenannt «sozial belastete Familien» richtet. Deren Kinder sollen einen möglichst einfachen Einstieg in die Schule haben. Dieses Ziel soll mit einem Strauss von Massnahmen und Angeboten erreicht werden.

Beispielsweise versuchen bereits die Geburtskliniken, werdende Eltern für Angebote wie die vorschulische Deutschförderung zu sensibilisieren. Auch Hebammen informieren sie darüber. Eine wichtige Rolle spielen zudem Mütter- und Väterberatungen in den jeweiligen Quartieren. Und in einigen Stadtzürcher Kindertagesstätten (Kitas) wurde ab 2013 ein spezielles Programm lanciert, um die deutsche Sprache bei Kindern mit Migrationshintergrund zu fördern. Das Projekt, das in Schwamendingen startete, ist mittlerweile auf die ganze Stadt ausgedehnt worden. Über 100 der rund 300 Kitas bieten heute eine integrierte Deutschförderung an.

Fragebogen hilft bei der Einschätzung der Sprachkenntnisse

Ein wichtiges Instrument ist zudem ein Fragebogen, den alle Eltern zugeschickt bekommen, bevor ihre Tochter oder ihr Sohn in den Kindergarten eintritt. Sie werden dabei um eine Einschätzung der Sprachkenntnisse ihres Kindes gebeten. Dadurch können Kindergärten und weitere Einrichtungen frühzeitig und gezielt auf Eltern von Kindern zugehen, die noch über ungenügende Deutschkenntnisse verfügen.

Den Fragebogen gibt es auch in mehreren Sprachen zum Download im Internet. Wohl auch deshalb ist der Rücklauf mit rund 90 Prozent ausgesprochen gross. «Das Interesse der Eltern, ihren Kindern einen guten Start in den Kindergarten zu ermöglichen, ist überwältigend», sagte Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher des Schul- und Sportdepartements.

Vielfalt der Angebote genügt in einigen Quartieren noch nicht

Wie gut aber funktionieren all diese Massnahmen wirklich? Eine extern in Auftrag gegebene Evaluation stellt dem Projekt zwar grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus, macht aber auch Schwächen aus. So ist aus Sicht der Experten die Vielfalt der Angebote noch nicht in allen Quartieren genügend. Und in vielen Fällen erreichen die Angebote jene Familien, die es besonders nötig hätten, nach wie vor zu wenig gut. Auch Leutenegger sagt, es müsse noch mehr getan werden. Vor allem die Schnittstelle zwischen Kindergarten und Schule habe man noch zu wenig angeschaut. «Jedes vierte Kind kann kaum Deutsch, wenn es in die Schule kommt.»

Das heutige Förderprogramm soll deshalb ausgebaut werden. Unter anderem sollen sich die verschiedenen Angebote besser untereinander vernetzen. Zudem ist vorgesehen, die Zahl der kostenlosen Hebammen zur nachgeburtlichen Versorgung zu erhöhen. Geplant ist auch, dass Mütter- und Väterberatungen ihr Angebot erweitern. Zum Beispiel sollen sie Mütter bereits während der Schwangerschaft beraten.

Zudem setzt der Stadtrat weiterhin stark auf die Förderangebote in den Kitas. Ob damit wirklich auch alle Eltern erreicht werden, ist indes fraglich. Was ist zum Beispiel mit Eltern, die ihr Kind nicht in die Kita bringen? Leutenegger zuckte etwas ratlos mit den Schultern. «Dann wird es schwierig», räumte er ein. Wie viel darf es kosten? Golta schickte aber nach, dass in der Stadt Zürich mittlerweile die meisten Kinder eine Kita besuchen würden.

Wie viel darf es kosten?

Bis 2025 will der Stadtrat zusätzliche 2,7 Millionen Franken in gute Startchancen für Kinder investieren. Die Ausgaben würden ab dann 5,7 Millionen pro Jahr betragen. Der Gemeinderat muss das Geld im Rahmen der Budgetberatung genehmigen. Leutenegger liess an der Medienkonferenz immer wieder durchblicken, dass die Massnahmen nicht zu viel kosten sollen. «Es darf keine separate und teure Förderkultur geben», sagte er etwa. «Man soll mit wenig Mitteln viel erreichen – also Geld gezielt einsetzen und nicht möglichst viel reinbuttern.» Dass die Massnahmen aber nicht nur ein Kostenfaktor sind, darüber waren sich Leutenegger und Golta einig. Kinder, die gut Deutsch sprechen, sind auch schulisch besser, wie Studien belegen. Dies erleichtert ihnen später den Eintritt ins Berufsleben.

Auch die öffentlichen Finanzen profitierten von der Frühförderung, sagten die beiden Stadträte. Wenn man ohne sie sprachliche Defizite erst später in der Schule mit sonderpädagogischen Massnahmen ausbügeln müsse, werde dies auf lange Sicht teurer. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Frühförderung auch ökonomisch einen positiven Effekt hätten, sagte Golta. «Aber es ist schwierig, ihn zu quantifizieren.»

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