Überraschende Wende im «Fall Carlos»: Nach Jahren in Heimen, Psychiatrien, Massnahmezentren, Gefängnissen und Zeiten im Sondersetting muss der 18-jährige Straftäter nun demnächst wieder auf eigenen Füssen stehen.

Zwar erhält der unter dem Pseudonym Carlos bekannt gewordene Jugendliche noch bis Ende September eine Art Coaching, «um ihm eine eigenständige Lebensführung in Freiheit zu ermöglichen», doch das Sondersetting sei per sofort beendet, teilte gestern die Zürcher Oberjugendanwaltschaft mit.

Nachdem Carlos Ende Februar aus dem Massnahmenzentrum Uitikon entlassen worden war, hatten die Zürcher Justizbehörden ein neues Sondersetting mit der Sozialfirma Riesen-Oggenfuss aufgegleist. Doch nach rund vier Monaten kommen die Jugendanwaltschaft und die Betreuer zum ernüchternden Schluss, dass das Sondersetting für Carlos «keine erzieherischen oder therapeutischen Wirkungen mehr entfaltet».

«Alles ausprobiert»

Es sei sicher nicht alles optimal verlaufen, sagte Patrik Killer, Leitender Jugendanwalt, auf Anfrage. «Wir haben jedoch alles Erdenkliche probiert, haben Tag und Nacht und auch am Wochenende gearbeitet.» Letztlich habe dann aber das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht mehr gestimmt. «Wir können nicht mehr dahinter stehen und müssen auch an die Interessen der Steuerzahler denken», erklärte Killer.

19 000 Franken hatte das aktuelle Sondersetting für Carlos den Staat pro Monat gekostet. Finanziert werden musste damit eine 1:1-Betreuung rund um die Uhr, ein Privatlehrer, Kost und Logis, die psychologische Begleitung und die Standortbestimmung. Nach der massiven öffentlichen Kritik am ursprüngliche Sondersetting (damals noch inkl. Thai-Box-Training) für monatlich 29 000 Franken wurde das Kostendach zu Beginn dieses Jahres entsprechend gesenkt.

Es sei nach wie vor nicht klar, wie gefährlich Carlos sei, schrieb die Oberjugendanwaltschaft noch Ende Februar dieses Jahres. Eine Entlassung aus der Massnahme sei daher «nicht zu verantworten». Erschwerend komme hinzu, dass der Jugendliche überhaupt nicht kooperiere und jede Mitarbeit kategorisch verweigere.

Wie renitent sich Carlos im aktuellen Sondersetting verhalten hat, wollte Killer allerdings nicht sagen. «Wir sind da ans Amtsgeheimnis gebunden.» Offen lässt er auch, wie gefährlich der junge Straftäter, dessen Massnahme offiziell Ende September Enden dürfte, heute noch ist.

Andererseits gibt Killer unumwunden zu: «Unsere jugendstrafrechtlichen Möglichkeiten sind aus- geschöpft.»

Kapitulation der Behörden

Haben also jetzt die Zürcher Behörden im Fall Carlos schlicht kapituliert? Jugendanwalt Killer geht auf diese Frage nicht explizit ein. Aber: «Wir müssen uns nichts vorwerfen lassen.» Er sei der Meinung, dass es gut gewesen sei, alles zu probieren. «Ich empfinde die Sondersettings auch aus heutiger Sicht nach wie vor als richtige Massnahme», sagt Killer.

Für den Jugendpsychologen Philipp Ramming ist auf jeden Fall klar: «Aufgrund des grossen Medienhypes um den Fall Carlos stehen die Behörden natürlich stark unter Beobachtung und hohem Druck.» Irgendwann einmal sei aber auch in solchen Fällen das Ende der Fahnenstange erreicht. «Und dann können auch Behörden und Fachleute mit ihrem Latein am Ende sein.» Der Abbruch des Settings sei deshalb sicher gut abgestützt.

Ob Carlos nach dem Ende der Massnahme tatsächlich auf eigenen Füssen wird stehen können, bleibe für ihn eine offene Frage, sagt Ramming. «Offenbar muss aber - zumindest was seine Gefährlichkeit angeht - von den Betreuern und den Behörden zwischenzeitlich eine Neubeurteilung erfolgt sein.»

Und hinsichtlich der massiven öffentlichen Kritik, die an den Behörden im Zusammenhang mit dem Fall Carlos geübt wird, meint Ramming: «Der Fall Carlos ist so oder so ein Fall bei dem man nachher immer gescheiter ist als vorher.»