«Fall Carlos»
«‹Carlos› ist stigmatisiert, ob man ihn nun als Monster oder armen Kerl sieht»

«Carlos» triumphiert zwar über das Zürcher Obergericht, das ihn unrechtmässig aus seinem Sondersetting in den geschlossenen Vollzug versetzte. Aber für ihn ist dadurch nichts gewonnen, glaubt Josef Sachs, Leiter der psychiatrischen Dienste Aargau.

Simone Matthieu
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Josef Sachs, der Leiter des Departements Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau, empfiehlt eine strenge Führung und klare, stabile Strukturen für «Carlos».

Josef Sachs, der Leiter des Departements Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau, empfiehlt eine strenge Führung und klare, stabile Strukturen für «Carlos».

Annika Buetschi

Herr Sachs, was sagen Sie dazu, dass «Carlos» vom Bundesgericht aus dem geschlossenen Vollzug geholt wurde und jetzt voraussichtlich wieder vor dem Antritt einer Massnahme steht? Muss er wieder bei null anfangen?

Josef Sachs: Das glaube ich nicht. Wenn er etwas gelernt hat in der Zeit des Sondersettings, das ja offenbar gut verlief, dann verlernt er das nicht einfach so. Aber es ist natürlich nur sehr schwer vorhersehbar, wie er reagieren wird.

Was glauben Sie?

Er hat die Erfahrung gemacht, wie gut der Druck der Öffentlichkeit für, aber auch gegen ihn wirkt und dass er selber Druck ausüben kann. Was aber stets am Ende für ihn greifbar blieb, war die Instabilität des Staates. Ich denke, dass diese ganze Situation bei «Carlos» vor allem eine Botschaft hinterliess: Es ist nichts sicher und nichts definitiv. Ein Erlebnis, das er vermutlich bereits in seiner Kindheit und Jugend gemacht hat und das wohl auch mit dazu beitrug, dass er straffällig wurde.

Es könnte sein, dass «Carlos» entlassen werden muss, wenn kein geeigneter Platz für ihn gefunden wird.

Das wäre sicher nicht optimal. Was er jetzt braucht, ist eine strenge Führung. Wenn er auf freien Fuss kommt, ist zu befürchten, dass er seine alten Kumpels wieder aufsucht. Wobei auch dieses alte Umfeld für ihn nicht mehr so sein wird wie zuvor.

Wie meinen Sie das?

«Carlos» war in den Medien, seine Leute wissen das. Er ist stigmatisiert. Er kann in der Schweiz praktisch nirgendwohin, wo man nicht früher oder später herausfände, wer er ist. Und dann ist er mit Vorurteilen konfrontiert, mit Erwartungen. Egal ob diese positiv oder negativ sind, ob man ihn nun als Monster oder als armen Kerl sieht: Er kann sich nicht normal entwickeln.

Sein Sondersetting wurde oft auch wegen der teuren Kampfsportausbildung, die er erhielt, kritisiert. Ist es heute nicht pädagogischer Standard, dass man an Ressourcen andockt, egal wie klein diese sind, anstatt immer nur die Fehler in den Fokus zu rücken?

Man sollte Kampfsport nicht grundsätzlich verbieten. Aber ein Kampfsport, der auf Angriff ausgerichtet ist, ist in einem solchen Fall nicht zu empfehlen. Wenn er sich an der Selbstverteidigung orientiert, dann ist das etwas anderes, aber Thaiboxen kann zum Angreifen angewendet werden.

Was braucht «Carlos» jetzt, um weiterzukommen?

Das Wichtigste: Er sollte über lange Zeit stabil und wirksam betreut werden. Eine unmotivierte Veränderung ist Gift für ihn. Ob zu Hause oder in einem Heim, das ist gar nicht so entscheidend, wichtig ist nur, dass ein Setting gesucht wird, das man aufrechterhalten kann. Deshalb ist natürlich dieses Damoklesschwert, das jetzt über den Vollzugsbehörden hängt – wenn sie nicht innert weniger Tage etwas für «Carlos» finden, müssen sie ihn freilassen – sehr ungünstig. Man ist unter Druck, ein geeignetes Setting aufzustellen – aber ob das dann auch langfristig das Richtige ist?