Alten-Pflege

Care Migration: Ein Arbeitsmarkt mit vielen Rechtslücken

Mehrere tausend Care-Migrantinnen betreuen in der Schweiz alte Menschen zu Hause – Tendenz steigend, sagen Fachleute. zvg

Mehrere tausend Care-Migrantinnen betreuen in der Schweiz alte Menschen zu Hause – Tendenz steigend, sagen Fachleute. zvg

Ein neues Fremdwort für Altenpflege bürgert sich ein: Care Migration. Gemeint sind Betreuerinnen, die zumeist aus Osteuropa kommen und alten Menschen in der Schweiz helfen, den Lebensabend in den eigenen vier Wänden zu verbringen.

«Seit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit 2011 wird viel darüber berichtet. In den Berichten wird Care Migration oft entweder als Win-win-Situation oder als ausbeuterisches Arbeitsverhältnis beschrieben. Das verunsichert», sagt Jasmine Truong. Zusammen mit der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung hat sie deshalb die Informationsplattform www.careinfo.ch aufgebaut. Auf Deutsch, Ungarisch und Polnisch sind dort Informationen zu korrekten Arbeitsbedingungen zu finden. Zudem soll die Internet-Plattform Care-Migrantinnen dazu dienen, miteinander in Kontakt zu kommen.

«Es ist ein Arbeitsmarkt mit vielen Rechtslücken», sagt Truong. «Wenn Care-Migrantinnen auf privater Basis in Haushalten angestellt sind, sind sie nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt.» Die Folge: Arbeitszeit, Freizeit und Ruhezeit sind nicht geregelt. Care-Migrantinnen, die über eine Personalverleihagentur arbeiten, sind hingegen dem Arbeitsvermittlungsgesetz unterstellt – mit entsprechend kurzen Kündigungsfristen. «So oder so sind die Arbeitsbedingungen prekär. Die Arbeitsunsicherheit ist gross und lange Arbeitstage werden am Arbeitsplatz Privathaushalt begünstigt», sagt Truong, die das Thema Care-Migration seit gut zwei Jahren erforscht.

Rund um die Uhr im Haus

In der Regel wohnen die Care-Migrantinnen rund um die Uhr im gleichen Haushalt wie die von ihnen Betreuten. «Typischerweise bleiben sie für vier Wochen, dann kehren sie für vier Wochen in ihr Heimatland zurück und kommen danach wieder. In der Zwischenzeit übernimmt eine Wechselpartnerin die Betreuung», so Truong weiter. Gesicherte Zahlen über das Ausmass der Care-Migration gebe es nicht. «Fachleute gehen von mehreren tausend Care-Migrantinnen in der Schweiz aus, Tendenz steigend», sagt Truong.

Mit der Informationsplattform wolle sie auch eine konstruktive Diskussion über Care-Migration und Altenpflege lancieren. Zum Auftakt melden sich Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch und Care-Migrantin Ildiko Taba auf der gestern lancierten Website zu Wort: «Die Care-Migrantinnen übernehmen eine zentrale und anspruchsvolle Aufgabe in unserer Gesellschaft», sagt Mauch – und benennt die Kehrseite der Medaille: «Häufig wenig geregelte Arbeitsbedingungen, Überlastung der Care-Migrantinnen durch die Rund-um-die-Uhr-Präsenz und das daraus resultierende Risiko für die betreuten Personen.» Care-Migrantin Taba (siehe Porträt) berichtet: «Allein aus meinem Heimatdorf pflegen 200 Frauen Betagte und Demenzkranke in Deutschland, Österreich und der Schweiz.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1