Alten-Pflege
Care Migration: Ein Arbeitsmarkt mit vielen Rechtslücken

Ein neues Fremdwort für Altenpflege bürgert sich ein: Care Migration. Gemeint sind Betreuerinnen, die zumeist aus Osteuropa kommen und alten Menschen in der Schweiz helfen, den Lebensabend in den eigenen vier Wänden zu verbringen.

Matthias Scharrer
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Mehrere tausend Care-Migrantinnen betreuen in der Schweiz alte Menschen zu Hause – Tendenz steigend, sagen Fachleute. zvg

Mehrere tausend Care-Migrantinnen betreuen in der Schweiz alte Menschen zu Hause – Tendenz steigend, sagen Fachleute. zvg

Porträt: «Ich habe sie immer bis zum sterben begleitet»

Kurz nach Mittag findet Ildiko Taba (Bild) Zeit für ein Telefongespräch. «Von eins bis zwei habe ich immer Mittagspause», sagt die Ungarin. Ihre Arbeitgeberin lege sich dann jeweils zum Mittagsschlaf hin. Seit zehn Jahren betreut Taba in der Schweiz Demenzkranke in deren eigenem Zuhause. «Ich habe sie immer bis zum Sterben begleitet», sagt sie. Schon als Kind habe sie miterlebt, wie ihre Grosseltern zu Hause starben. Für Taba war von klein auf klar: «Wir müssen dort helfen, wo wir können.» Sie stammt aus einem 3500-Seelen-Dorf südlich von Budapest, in dem noch das Deutsch der Donauschwaben gesprochen wird. Dass sie im Ausland Arbeit suchte, hatte wirtschaftliche Gründe: Die Arbeitslosenquote in ihrer Heimat ist hoch. Und die Eltern konnten Taba und ihre fünf Geschwister finanziell nicht unterstützen. Nachdem die gelernte Sozialarbeiterin zunächst in Deutschland gearbeitet hatte, wo sie «eher Haushälterin als Betreuerin war», kam sie mit 27 Jahren in die Schweiz. «Mein Berufsalltag ist immer wieder anders, je nach Zustand der Patienten», sagt sie. Drei Demenzkranke habe sie bisher in der Schweiz bis zum Tod betreut. Ihre jetzige Arbeitgeberin sei körperlich noch fit, deren Mann berufstätig. «Wir sitzen zusammen, gehen einkaufen, malen Mandalas oder machen im Garten etwas», schildert Taba ihre Arbeit. «Ich wohne im gleichen Haus. Diese Leute brauchen einfach Sicherheit.» Abends habe sie nichts zu tun. Und nachts könne sie durchschlafen, da ihre Arbeitgeberin auch durchschlafe. Aus dem Hintergrund ist deren Stimme zu hören. «Ich komme gleich, bin nur kurz am Telefon», ruft Taba ihr zu. Die Care-Migrantin zeigt sich zufrieden mit ihrer Arbeit: «Ich fühle mich nicht ausgenützt. Bisher hat jeder meine Arbeit geschätzt. Vielleicht hatte ich Glück.» Auch die Bezahlung sei mit netto 135 Franken pro Tag plus Reisespesen gut. Nach vier Wochen reise sie normalerweise für vier Wochen zurück nach Ungarn. «Ich brauche auch ein Privatleben», sagt Taba. Länger am Stück zu arbeiten, ginge nicht - und wäre ungesund.

«Seit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit 2011 wird viel darüber berichtet. In den Berichten wird Care Migration oft entweder als Win-win-Situation oder als ausbeuterisches Arbeitsverhältnis beschrieben. Das verunsichert», sagt Jasmine Truong. Zusammen mit der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung hat sie deshalb die Informationsplattform www.careinfo.ch aufgebaut. Auf Deutsch, Ungarisch und Polnisch sind dort Informationen zu korrekten Arbeitsbedingungen zu finden. Zudem soll die Internet-Plattform Care-Migrantinnen dazu dienen, miteinander in Kontakt zu kommen.

«Es ist ein Arbeitsmarkt mit vielen Rechtslücken», sagt Truong. «Wenn Care-Migrantinnen auf privater Basis in Haushalten angestellt sind, sind sie nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt.» Die Folge: Arbeitszeit, Freizeit und Ruhezeit sind nicht geregelt. Care-Migrantinnen, die über eine Personalverleihagentur arbeiten, sind hingegen dem Arbeitsvermittlungsgesetz unterstellt – mit entsprechend kurzen Kündigungsfristen. «So oder so sind die Arbeitsbedingungen prekär. Die Arbeitsunsicherheit ist gross und lange Arbeitstage werden am Arbeitsplatz Privathaushalt begünstigt», sagt Truong, die das Thema Care-Migration seit gut zwei Jahren erforscht.

Rund um die Uhr im Haus

In der Regel wohnen die Care-Migrantinnen rund um die Uhr im gleichen Haushalt wie die von ihnen Betreuten. «Typischerweise bleiben sie für vier Wochen, dann kehren sie für vier Wochen in ihr Heimatland zurück und kommen danach wieder. In der Zwischenzeit übernimmt eine Wechselpartnerin die Betreuung», so Truong weiter. Gesicherte Zahlen über das Ausmass der Care-Migration gebe es nicht. «Fachleute gehen von mehreren tausend Care-Migrantinnen in der Schweiz aus, Tendenz steigend», sagt Truong.

Mit der Informationsplattform wolle sie auch eine konstruktive Diskussion über Care-Migration und Altenpflege lancieren. Zum Auftakt melden sich Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch und Care-Migrantin Ildiko Taba auf der gestern lancierten Website zu Wort: «Die Care-Migrantinnen übernehmen eine zentrale und anspruchsvolle Aufgabe in unserer Gesellschaft», sagt Mauch – und benennt die Kehrseite der Medaille: «Häufig wenig geregelte Arbeitsbedingungen, Überlastung der Care-Migrantinnen durch die Rund-um-die-Uhr-Präsenz und das daraus resultierende Risiko für die betreuten Personen.» Care-Migrantin Taba (siehe Porträt) berichtet: «Allein aus meinem Heimatdorf pflegen 200 Frauen Betagte und Demenzkranke in Deutschland, Österreich und der Schweiz.»