Strategiewechsel

Cannabisabgabe: «Das Bedürfnis, sich zu berauschen, wird bleiben»

Die Produktion von Cannabis würde in einem regulierten Markt durch den Staat kontrolliert. Derzeit erwägen mehrere Städte gezielte Abgabe-Versuche. archiv

Die Produktion von Cannabis würde in einem regulierten Markt durch den Staat kontrolliert. Derzeit erwägen mehrere Städte gezielte Abgabe-Versuche. archiv

Der Zürcher Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen, sagt, es werde noch lange dauern, bis der Staat Cannabis kontrolliert abgibt.

Nachdem es die Stimmbürger 2008 ablehnten, Cannabis zu legalisieren, kam die Debatte über einen straffreien Konsum vor einigen Monaten wieder in Fahrt: Mehrere Städte, darunter Bern, Basel, Genf und Zürich, denken über nach, Gras versuchsweise abzugeben. Doch sind diese Projekte bereits jetzt umstritten. Toni Berthel, der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen (EKSF), verteidigt die neue Strategie in der Cannabis-Politik.

Herr Berthel, Kritiker sehen die angedachten Projekte zur Cannabis-Abgabe als eine Legalisierung durchs Hintertürchen. Worum geht es bei diesen Städteprojekten wirklich?

Toni Berthel: Von einer Legalisierung kann bei diesen Versuchen keine Rede sein. Es handelt sich um wissenschaftliche Projekte. Dabei sollen Modelle getestet werden bei denen unter klaren und verbindlichen Regeln Cannabis verabreicht wird. Ziel dabei muss es sein, Wege zu finden, um den Cannabis-Konsum zu senken.

Konkret: Worin besteht der Unterschied zu einer Legalisierung?

Eine Legalisierung würde bedeuten, dass beispielsweise jeder Kiosk und jede Apotheke berauschende Hanfprodukte verkaufen dürfte. Auch der Anbau, die Verarbeitung, der Verkauf oder der Konsum wären erlaubt. Dazu wäre aber eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes notwendig.

Warum ist das bei diesen Projekten nicht der Fall?

Dabei würde Cannabis nur für eine bestimmte Zeit kontrolliert an eine bestimmte Teilnehmergruppe abgegeben. Wobei deren Konsum eng begleitet und wissenschaftlich untersucht würde. Dies ist wie bei den Versuchen zur Heroinabgabe in den 90er Jahren unter gewissen Umständen auch im Rahmen der geltenden Gesetzgebung möglich.

Die Stadt Zürich denkt dabei offenbar vor allem an Jugendliche mit Suchtproblemen. Wenn der Staat Altersgenossen Gras abgibt, könnten andere Jugendliche aber daraus schliessen, dass Kiffen gar nicht so schlimm sei.

Dass die kontrollierte Abgabe zu einer Verharmlosung der Droge führt, glaube ich nicht. Es geht hier ja nicht nur um die Abgabe von Gras. Meines Wissens zielt das angedachte Zürcher Modell darauf ab, problematisch konsumierende Jugendliche zu einem anderen Verhalten zu bewegen. Es würden also Kiffer ausgewählt, die bereits körperliche, seelische oder soziale Probleme haben. Und es braucht viel, bis sich jemand als «kranker Jugendlicher» outet.

Dann werden sich aber wohl kaum Freiwillige für dieses Projekt melden, wenn sie ihr Hasch auch auf dem Schwarzmarkt kaufen können, ohne sich diese Blösse geben zu müssen.

Da wäre ich mir nicht sicher. Ich habe als Psychiater selbst mehrmals erlebt, dass Cannabis-Konsumenten fragten, ob es einen Weg gäbe, sich diese Substanz legal zu beschaffen. Die Nachfrage nach Plätzen in solchen Programmen dürfte also bestehen.

Wie erklären Sie sich das?

Das Konsumverbot bedeutet für die Kiffer ja auch Stress. Sie müssen regelmässig einen Dealer aufsuchen, der die Ware liefert, es kostet viel, und bei Haschisch weiss man etwa nie, ob bei der Verarbeitung des Hanfharzes noch andere Substanzen beigemischt wurden. Dabei ist sich der Konsument immer bewusst, dass er etwas Verbotenes macht, was ein Stressfaktor ist.

Wie viele solche problematischen Kiffer gibt es im Kanton Zürich?

Die Zahlen werden nur schweizweit erhoben. Man geht davon aus, dass hierzulande heute rund 190 000 Personen regelmässig kiffen. Davon weisen rund vier Prozent ein problematisches Konsumverhalten auf. Das sind diejenigen, die angegeben haben täglich zu kiffen.

Befürworter der Cannabis-Legalisierung vergleichen Gras oft mit Alkohol oder Tabak. Gegner bezeichnen es als schädlicher und verweisen auf die psychischen Folgen. Wer hat recht?

Es ist schwierig, diese Suchtmittel zu vergleichen. Alkohol ist nach wie vor jene Substanz, die in der Schweiz das meiste Leid und die grössten gesundheitlichen Schäden verursacht. Beim Cannabis ist das Suchtpotenzial zwar tiefer als bei Alkohol und Tabak, aber es kann langfristig zu Konzentrationsschwächen führen und bei entsprechender Veranlagung Psychosen fördern.

Sowohl Alkohol als auch Cannabis wurde in der Schweiz in den letzten Jahren weniger konsumiert als noch vor zehn Jahren. Wie kommt das?

Zum einen spielt sicher die Präventionsarbeit eine Rolle, die geleistet wurde. Seit den Zeiten der offenen Drogenszene ist die Gesellschaft sensibilisiert für die Gefahren von Rauschmitteln. So entstand das Vier-Säulen-Prinzip das neben Repression auch Prävention, Therapie und Schadensminderung vorsieht. Zudem ist in jüngster Zeit ein Megatrend zu einer gesünderen Lebensführung spürbar. Die Leute wollen schlank sein, gesund essen. Und dazu gehört auch ein bewusster Umgang mit Drogen. Sich zuzudröhnen ist nicht mehr in.

Was ist am heutigen Weg, der den Konsum lediglich mit Ordnungsbussen bestraft, also das Problem?

Egal, wie streng das Gesetz ausgelegt wurde: Der Cannabis-Konsum ging deswegen kaum zurück. Es etablierte sich aber ein unkontrollierter krimineller Markt um diese Substanz. Die Geschichte zeigt, dass auch beim Alkohol solche Kollateralschäden nur in den Griff zu kriegen waren, indem man regulierte. Dazu müssen alle Schritte kontrolliert werden – vom Anbau bis zum Konsum. Denn das Bedürfnis, sich zu berauschen, gehört zum Menschen. Und das wird auch so bleiben.

Um den Schwarzmarkt zu beseitigen müsste man aber alle Konsumenten entkriminalisieren. Zielen also die Regulierungs-Projekte längerfristig doch auf einen gänzlich legalen Konsum ab?

Grundsätzlich wäre dies sicher sinnvoll. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Erst gilt es herauszufinden, ob solche Versuche einen positiven Effekt auf das Konsumverhalten haben. Ich erwarte, dass die ersten Projekte im Herbst ausgearbeitet sind. Dann müssen sie auf politischer Ebene aber erst noch bewilligt werden. Bis Behörden erstmals kontrolliert Gras an Kiffer abgeben, dauert es noch lange.

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