Gesundheit

Camp Zweisimmen: Kollektiver Kampf gegen Kilos von Kindern

Im Camp in Zweisimmen stehen gesunde Ernährung und viel Bewegung auf dem Programm.

Im Camp in Zweisimmen stehen gesunde Ernährung und viel Bewegung auf dem Programm.

Der Kanton veranstaltet jedes Jahr ein Ferienlager für Kinder mit Übergewicht. Bereits zzum fünften Mal fand das Lager statt. 29 Mädfchen und Knaben nahmen am diesjährigen Bootcamp teil. Das Lager bietet jedoch keine Erfolgsgarantie.

Mit Schulkollegen Fussball zu spielen, findet Marco nicht lustig. Weil der 13-Jährige 25 Kilo zu viel auf den Rippen hat, kichern die andern, wenn er dem Ball nachhechelt. Im Lager für Übergewichtige in Zweisimmen, das der Kanton dieses Jahr im Juli zum fünften Mal durchführte, war es anders. Niemand grinste oder machte Sprüche, als sich der junge Brasilianer sportlich betätigte. Alle anderen dort - 29 Mädchen und Burschen - waren auch übergewichtig.

«Es war lustig», berichtet Marco, «wir haben viel gemacht, geschwatzt und gelacht.» Er nahm zum ersten Mal an einem solchen Camp teil. Weil es ihm so gut gefallen hat, will er nächstes Jahr wieder dabei sein. Noch jetzt zehrt er vom Erlebnis. «Wir haben Handynummern ausgetauscht und schreiben uns.»

Spass zu haben ist zwar ein wichtiges Ziel des Adipositas-Camps, aber nicht das einzige. Die Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren verbindet vor allem eines: Sie wollen abnehmen. Deshalb erfahren sie hier Elementares über gesunde Ernährung und lernen, das eigene Essverhalten zu reflektieren. In der Küche und im Service müssen sie selber Hand anlegen. Manch einer schält so erstmals in seinem Leben ein Rüebli oder eine Kartoffel. An den Vor- und Nachmittagen steht Sport auf dem Programm. Abends hat man Zeit, sich auszutauschen.

«Das ist gut investiertes Geld»

Das einwöchige Camp kostete für die Teilnehmenden 400 Franken. Das deckt die Hälfte der Vollkosten, wie Lagerleiterin und Sportlehrerin Angie Batschelet sagt. 340 Franken pro Kopf steuert der Kanton bei, 60 der Bund. Macht bei 30 Teilnehmenden 12 000 Franken zulasten der öffentlichen Hand - ein Klacks im Verhältnis zu den Milliarden-Budgets von Bund und Kanton.

Trotzdem ist die Frage erlaubt, ob es Aufgabe des Kantons ist, solche Lager zu führen. GLP-Kantonsrätin Denise Wahlen (Zürich) zögert keine Sekunde. Als Ernährungstherapeutin hat sie Erfahrung mit Jugendlichen, obwohl sie selber kein Adipositas-Camp leitet. «Das ist sehr gut investiertes Geld.» Die Chance sei gross, dass bei den Jungen etwas hängen bleibe, weil im Camp gesunde Ernährung und Bewegung als etwas Lustvolles erlebt werden könnten.

Selbst wenn es nur wenigen dauerhaft weiterhelfe, übersteige der Nutzen die Kosten bei weitem, wenn man Adipositas-Folgeschäden wie Altersdiabetes in Betracht ziehe. Wahlen glaubt, dass sie auch ihre als sparfreudig bekannte Fraktion vom Sinn dieser Ausgabe überzeugen könnte, sollte sich die Frage im Parlament je stellen. Bisher war das nicht der Fall.

Wichtig: Einbindung der Eltern

Bei Marco ist auf jeden Fall das gute Erlebnis hängen geblieben. Er hat auch einige gute Vorsätze gefasst. Er wolle jetzt auch im Alltag mehr Fussball spielen und mehr Früchte, Gemüse und Salat essen. Denn das habe er jetzt «mega gerne». Batschelet weiss, dass solche Begeisterung ein blosses Strohfeuer sein kann. Um möglichst viel Wirkung zu erzielen, gibt es eine Vor- und Nachbereitung zum Camp. So wird ein Kind nur dann zugelassen, wenn es zusammen mit einem Elternteil an einem persönlichen Vorgespräch teilgenommen hat. Obligatorisch ist auch die Teilnahme von Eltern und Kindern am Lager-Abschlussfest, das diesmal am 14. September stattfindet.
Die Einbindung der Eltern ist

matchentscheidend, weil die Kinder bei der Ernährung von ihnen abhängig sind. «Die Eltern entscheiden über das Angebot an Esswaren im Haushalt», so Batschelet. In der Regel steuere das Angebot die Nachfrage, will heissen: Was vorhanden ist, wird gegessen. Besonders in Frustsituationen. Batschelet: «Fast immer ist das Zuviel-Essen eine Kompensationshandlung.» Dies gelte es den Jugendlichen bewusst zu machen und ein anderes Verhalten einzuüben. «Wichtig ist, eine Beschäftigung zu finden, die einen herausfordert, aber nicht überfordert.» Das könne irgendetwas sein - eine Sportart oder Gesangsstunden. Jede und jeder müsse selber herausfinden, was ihr oder ihm gut tue.

Keine Erfolgsgarantie

Auch wenn Übergewichtige im Camp unter sich sind - eine Erfolgsgarantie ist das noch nicht. Wegen der unterschiedlichen Voraussetzungen bestehe in der Gruppe immer die Gefahr von Ausgrenzung und Absonderung, sagt Batschelet. Beim jüngsten Camp kannten sich zwei Drittel bereits von früheren Lagern. Der Rest war neu. Die fünfjährige Erfahrung als Lagerleiterin habe sie gelehrt, wie wichtig es sei, von Anfang an den Zusammenhalt und die Kooperation ins Zentrum zu stellen. Die Adipositas-Lager sind personalintensiv. Die Lagerleitung umfasst 10 Erwachsene: Vier Sportleiter, zwei Ernäherungsberaterinnen, zwei Heilpädagoginnen, eine Praktikantin und die Lagerleiterin.

Jeder zweite ist später leichter

Eine Statistik über den Langzeiterfolg der Teilnehmenden gibt es noch nicht. Laut Batschelet ist aber etwas Derartiges geplant. Fest installiert ist hingegen die Befragung nach einem Jahr: Alle teilnehmenden Jugendlichen erhalten vom Kanton einen Fragebogen, auf dem sie Auskunft geben sollen, wie es ihnen geht und wie sich ihr Gewicht verändert hat. Laut Batschelet gab die Hälfte des letztjährigen Lagers an, sie fühle sich fitter als vor dem Camp. Knapp die Hälfte habe vermeldet, ihr Körpergewicht habe abgenommen. Und weitere drei Viertel hätten angegeben an, ihre Bewegungsgewohnheiten hätten sich verbessert.

Klar ist auch für Batschelet, dass es nebst den Erfolgsgeschichten auch die Geschichten des (vorläufigen) Scheiterns gibt. Auf gutem Weg ist laut Batschelet eine 16-Jährige, die nach dem Camp zwei Mal pro Woche zu joggen begonnen hat. Dabei sei sie nicht superschlank geworden, habe aber ein gesundes Gewicht erreicht. Vor allem sei es ihr gelungen, das Selbstwertgefühl aufbauen. Unterdessen habe sie auch eine Lehrstelle gefunden.

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