Zürich
Busse konkurrenzieren die Bahn

Immer mehr deutsche Fernbusse chauffieren Passagiere ab Zürich zu Billigtarifen durch Deutschland. Das Geschäft boomt so sehr, dass nun selbst die Deutsche Bahn zwischen Zürich und München auf Busse setzen will. Auch die SBB machen mit.

Anna Wepfer
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Ferienbusse nach Deutschland konkurrieren die Bahn.

Ferienbusse nach Deutschland konkurrieren die Bahn.

Patrick Gutenberg

Wer sich in Amerika das Flugzeug nicht leisten kann oder abenteuerlich veranlagt ist, nimmt für weite Reisen gerne den Greyhound-Bus: einsteigen in New York, aussteigen zwei Tage später mit taubem Hintern in San Francisco.

Dieses Busfahren «à l'américaine» hält nun zusehends auch in der Schweiz Einzug. Auslöser ist die Liberalisierung des öffentlichen Verkehrs in Deutschland.

Bis Anfang Jahr hatte dort die Deutsche Bahn (DB) ein eigentliches Transportmonopol für Strecken über 50 Kilometer. Seit dieses gefallen ist, erobern Busunternehmen den Fernverkehr - auch jenen in grenznahe Schweizer Städte.

«Die Anbindung von Zürich an unser Netz hat sich gelohnt», sagt zum Beispiel Gregor Hintz. Er ist Sprecher des deutschen Unternehmens «Mein Fernbus», das zwei ehemalige Mitarbeiter der DB vor zwei Jahren gegründet haben.

Im September 2012 fuhr erstmals einer ihrer Busse von Zürich nach München. Seither ist das Angebot förmlich explodiert (siehe Kasten). Und die Ticketpreise, die im Schnitt 60 bis 80 Prozent unter jenen der Bahn liegen, kurbeln auch die Nachfrage an.

Dies bestätigt man bei Zürich Tourismus, wo Mein-Fernbus-Tickets verkauft werden. Christian Trottmann, Leiter Kommunikation, sagt: «Der Verkauf solcher Reisen hat in den letzten Monaten klar zugenommen.»

Genaue Passagierzahlen sind bei Marktführer Mein Fernbus geheim. Die Verantwortlichen sind aber so zufrieden, dass sie weitere Schweizer Städte erschliessen wollen.

Auch zahlreiche andere private Anbieter sind bereits in das lukrative Geschäft mit den Fernbussen eingestiegen. Experten trauen ihm in Deutschland einen Marktanteil von bis zu zehn Prozent zu.

Bei so viel Wachstum will auch die Deutsche Bahn nicht abseitsstehen, die bisher den Fernverkehr dominiert.

Diesen Frühling eta­blier­te sie mit dem «Intercity Bus» eine neue, eigene Fernbuslinie. Sie soll bald auch Zürich erreichen, wie ein Mitglied der Geschäftsleitung kürzlich an einer Medienkonferenz sagte.

Ein DB-Sprecher bestätigt auf Anfrage die Absicht, mit dem IC-Bus die Strecke Zürich-München zu befahren. Und zwar bereits ab kommendem Herbst.

Die Busse sollen «in den Taktlücken der Eurocity-Züge» verkehren, welche viermal täglich zwischen den Städten pendeln.

«Ökonomisch nicht erklärbar»

Zuständig für die Bahnverbindung Zürich-München sind die DB und die SBB gemeinsam. Man habe Kenntnis von den Plänen der deutschen Kollegen, sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer.

Es sei sogar vorgesehen, dass die beiden Konzerne die Buslinie gemeinsam betreiben. Meyer betont aber, es handle sich um ein temporäres Angebot.

Es soll die Zeit überbrücken, bis der deutsche Teil der Linie Zürich-München elektrifiziert ist und die Züge schneller und öfter fahren können. Das soll 2020 der Fall sein.

Bei Mein Fernbus runzelt man ob des IC-Busses die Stirn. «Ökonomisch ist das nicht erklärbar, die DB kannibalisiert hier ihre eigene Bahnstrecke», sagt Sprecher Gregor Hintz. Für ihn ist klar: Der Staatsbetrieb fährt eine «Verdrängungsstrategie», um Private vom Markt fernzuhalten.

Hintz erinnert daran, dass die Deutsche Bahn noch letztes Jahr eine private Buslinie Zürich-München habe verhindern wollen. Damals habe sie argumentiert, Fernbusse schadeten «den öffentlichen Verkehrsinteressen, der Umwelt und der Sicherheit».

Ungeliebte «Rosinenpicker»

Die Frage, ob die Deutsche Bahn die Konkurrenz durch die Billigbusse spüre und nun dar­auf reagiere, lässt der DB-Sprecher unkommentiert. Er sagt lediglich, die Busse seien eine Ergänzung zum Zugverkehr.

SBB-Sprecherin Lea Meyer sagt, es sei noch zu früh, um die Auswirkung der Fernbusse auf das Geschäft auszuwerten. «Wir behalten die Entwicklung aber im Auge und nehmen die Konkurrenz ernst.»

Wenig Begeisterung lösen die Busse beim Schweizer Verband für öffentlichen Verkehr aus. Sprecher Roger Baumann spricht von «Rosinenpickern, die sich die paar besten Linien herausgreifen».

Dem ge­gen­über seien etwa die SBB im Nachteil, die eine umfassende Angebotspflicht hätten.

Sollten tatsächlich zunehmend Bahnkunden auf Busse umsteigen, sinke der Kostendeckungsgrad bei den SBB, so Baumann. Das müssten dann die Steuerzahler oder die ÖV-Nutzer direkt oder indirekt ausgleichen.

Busfahrt Hamburg einfach für 33 Euro

Seit Inbetriebnahme der ersten Verbindung nach München vor knapp einem Jahr hat sich das Busangebot ab Zürich vervielfacht: Mit dem deutschen Marktführer Mein Fernbus sind aktuell knapp 40 Destinationen erreichbar, die Hälfte davon ohne Umsteigen.

So geht es ab Zürich bis zu viermal täglich auf direktem Weg nach Konstanz, Frankfurt am Main oder Heidelberg, aber auch in die Metropolen München, Hamburg und Berlin.
Monatlich kommen weitere Städte dazu.

Im Vergleich mit der Bahn schneiden die Busse vor allem preislich deutlich besser ab. In die deutsche Hauptstadt und nach Hamburg fährt man für nur gerade 33 Euro, das Zugbillett kostet 200 Franken (2. Klasse, ohne Halbtax).

Die Busse sind dafür langsamer: Während die schnellste Zugverbindung nach Berlin knapp acht Stunden dauert (mit zweimal Umsteigen), brauchen sie über zwölf Stunden.

Konkurrenzfähiger sind sie über kürzere Distanzen wie etwa nach München, wo sie etwa gleich schnell sind wie die Bahn, aber deutlich günstiger. Dennoch sind es nicht die Kurzstrecken, die Passagiere ab Zürich am häufigsten buchen.

«Berlin ist absoluter Liebling», sagt Gregor Hintz von Mein Fernbus. Auch Hamburg laufe gut. Seit März 2013 fährt auch die Firma Flixbus bis zu dreimal täglich auf der Strecke Zürich-München.

Tickets gibt es ab 15 Euro. Laut Sprecherin Bettina Engert gehören sowohl Arbeitspendler und Studierende als auch Touristen zu ihren Kunden. Flixbus bedient in der Schweiz bisher neben Zürich auch St. Gallen. Für die Zukunft sei Bern eine interessante Option, sagt Engert.