Algenplage

Burgunderblutalge - der rote Killer lauert im Zürichsee

Unter dem Mikroskop erinnert die Burgunderblutalge ein wenig an Glasfasern (der Ausschnitt ist etwa 1 Millimeter gross).

Unter dem Mikroskop erinnert die Burgunderblutalge ein wenig an Glasfasern (der Ausschnitt ist etwa 1 Millimeter gross).

Die Burgunderblutalge hat fast alle anderen Algen im Zürichsee verdrängt. Mit jedem milden Wintergewinnt sie an epidemischer Wirkung. Darum stellen sie Forscher unter genaue Beobachtung.

Als ob es zum Fischen ginge. Auf dem Boot wird der weisse Ball gehisst. Nur sollen nicht Egli, Felchen oder Hecht gefangen werden, sondern die Burgunderblutalge. Eugen Loher, Ingenieur und Mitarbeiter der Universität Zürich, legt vom Steg vor der Limnologischen Station in Kilchberg ab. Er fährt das kleine Team von Binnengewässerforschern zur tiefsten Stelle des Zürichsees. Vor Thalwil lassen sie die Messgeräte an dünnen Stahlseilen los. Bis fast zum Grund bei 136 Metern wird ein Wasserprofil aufgenommen, das Algenpigmente, Temperatur und chemische Eigenschaften in allen Tiefenzonen festhält. Immer wieder holt Laborant Daniel Marty Wasserproben heraus und füllt sie in angeschriebene Behälter ab zur späteren Untersuchung unter dem Mikroskop oder um Kulturen in Glasschalen anzulegen.

Eugen Loher (vorne) und Daniel Marty holen vor Thalwil die Messinstrumente an Bord.

Eugen Loher (vorne) und Daniel Marty holen vor Thalwil die Messinstrumente an Bord.

Auch Geräte mit Laserimpulsen kommen zum Einsatz. Das Gegenteil von Forscher-Hightech sind das Planktonnetz und die weisse Secchi-Scheibe, die an einem einfachen Seil befestigt ist. Damit misst die Masterstudentin Natalia Krempaska die Sichttiefe in der Oberschicht im Zürichsee.

Die ist bereits gering. Von blossem Auge sind die Millionen Schwebstoffe zu erkennen, die das Wasser trüben. «Burgunderblutalge – aber jetzt farblos, weil ihre Pigmente im Sonnenlicht rasch zersetzt werden», sagt Jakob Pernthaler, Leiter der Limnologischen Station Kilchberg.

Selbst gebildete Gasbläschen

Pernthaler beschreibt den Jahreszyklus dieser Alge, die gar keine ist, sondern eine fotosynthetische Mikrobe (Cyanobakterium). Im Frühling steigen die nur wenige Zehntelmillimeter kleinen Fäden dank selbst gebildeter Gasbläschen wie an Ballons gehängt aus bis zu 70 Metern Tiefe auf zur sogenannten Sprungschicht. Diese nur wenige Meter dicke Zone (im Zürichsee 5 bis 15 Meter unter der Oberfläche) trennt die durch Wind in Bewegung gehaltene durchmischte warme Schicht von der Tiefenschicht. Ab 20 Metern ist das Wasser permanent 4 Grad kalt.

Die Sprungschicht wird zum Sommerlager der Burgunderblutalge. Ausbrechen kann sie erst im Herbst, wenn das Wasser darüber kälter als 20 Grad ist. Dann setzt sie zum Sturm nach oben an. An der Oberfläche verklumpt sie, um sich vor übermässiger Helligkeit zu schützen – und bewahrt so ihre Farbe. Vom Wind an die Ufer getrieben, bildet sie rot-braune, schleimige Teppiche. «Das wird man in drei bis vier Wochen gut sehen», sagt Pernthaler. Selbst die Seepolizei war einmal so verblüfft, dass sie Proben von der roten Sauce ans Institut brachte. Die Polizei vermutete eine chemische Verunreinigung und kein Naturphänomen.

So abwegig ist aber der Vergleich mit Chemie gar nicht. Denn die Burgunderblutalge ist hochgiftig. Sie bildet ein Peptid – eine chemische Verbindung vor allem aus Aminosäuren –, das unter anderem auch Leberkrebs verursachen kann. Für den Menschen ist die Alge aber nur dann schädlich, wenn sie direkt und in grossen Mengen eingenommen wird. Hautkontakte sind harmlos. Auch Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung sind gegen die Burgunderblutalge gewappnet. «Mit Ozonbehandlung wird das Gift unschädlich gemacht», sagt Jakob Pernthaler.

Hingegen ist die Alge ein Killer für Kleinkrebse. Damit greift sie ins biologische Gleichgewicht im Zürichsee ein. Die Kleinkrebse bilden das unterste Glied der Nahrungskette und beeinflussen den Fischbestand. «Wir vermuten auch, dass die Burgunderblutalge andere Algen zunehmend verdrängt» sagt der Stationsleiter.

Zürichsee ja, Obersee nein

Das sei eines der Forschungsthemen, wie auch, war¬um die Burgunderblutalge nicht in allen Seen vorkommt. Im Genfersee ist sie wie im Zürichsee, Hallwilersee und in Teilen des Vierwaldstättersees dicht vorhanden, im Bodensee hingegen nicht. Auch im Obersee zwischen Schmerikon und Rapperswil ist keine Spur von ihr zu sehen.

Die Forscher vermuten, dass im Obersee das Wasser zu seicht ist, um den Zyklus der Alge in der Tiefe beginnen zu lassen. Im Bodensee machen sie Wellenbewegungen in der Sprungschicht verantwortlich. Im Lac de Bourget in Frankreich nahe Genf ist die Burgunderblutalge sogar von einem Jahr zum anderen verschwunden. «Dafür gibt es derzeit keine Erklärung», sagt der Limnologe.

Gewiss ist, dass Wasserbewegung der Alge schadet. Aber das lässt sich in grossen Gewässern nicht als Massnahme zur Bekämpfung initiieren. Stattdessen sucht die Wissenschaft nach anderen Mitteln, um der Plage beizukommen. «Im Zusammenhang mit Trinkwasserproduktion untersuchen wir, welche Mikroorganismen die Burgunderblutalgen und ihr Gift abbauen können», sagt Pernthaler. Das sei sogar Thema einer Doktorarbeit.

«Phänomen der Klimaerwärmung»

Ansonsten gilt es zu warten. Mit der winterlichen Durchmischung des Sees werden die Algen wieder in die Tiefe gerissen – je kälter, desto tiefer. Ab 80 Metern platzen die Gasbläschen und die Cyanobakterien sterben ab. Bleiben sie weiter oben hängen, kommen sie im nächsten Sommer wieder hoch. «Und dann setzt sich die Entwicklung von vermehrter Blüte fort – mit jedem milden Winter stärker», sagt Jakob Pernthaler. «Wir können derzeit nichts Gezieltes gegen die Alge machen.»

Für den Binnengewässerforscher ist die rote Pest Teil der globalen Umweltlage. «Die Burgunderblutalge ist ein Phänomen der Klimaerwärmung.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1