Zürich
Bürger setzten die Reformation schon 100 Jahre vor Zwingli in Gang

Als die Zürcher Stadtherrinnen ihre Macht an die Bürger abtreten mussten, stellten sich die Weichen für die Kirchenreform – vollends wurde sie aber durch ein Wurstessen ausgelöst.

Lina Giusto
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Nur das Grossmünster (links) blieb nach der Disputation von 1523. Das Kloster Fraumünster (rechts) löste sich ein Jahr später auf. Keystone

Nur das Grossmünster (links) blieb nach der Disputation von 1523. Das Kloster Fraumünster (rechts) löste sich ein Jahr später auf. Keystone

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Die Töchter von König Ludwig dem Deutschen, Hildegard und Berta, lebten 853 nach Christus auf dem Albis. Um zu beten, kamen sie oft in die Stadt Zürich. Der Sage nach wies ihnen ein Hirsch mit leuchtendem Geweih den Weg. Deshalb schenkte Vater Ludwig seinen Töchtern ein Kloster – das spätere Fraumünster. Und Hildegard wurde die erste Äbtissin in Zürich.

Das Kloster war damit das Zuhause von Frauen, die dem Hochadel entstammten. Gegen die Zahlung einer Mitgift wurden sie in das Kloster aufgenommen. Dort lebten sie nach den benediktinischen Ordensregeln, konnten aber trotzdem austreten und heiraten. Bis zur Auflösung des Konvents 1524 emanzipierten sich die im Fraumünster lebenden Frauen fast vollständig von der Benediktinerregel. Dies wurde in einer späteren Schrift des Papstes Innozenz VII. zu Beginn des 15. Jahrhunderts bestätigt. Er bezeichnete das Fraumünster auch nicht mehr als Kloster, sondern als weltliche Kirche.

Als einzige klösterliche Pflicht galt es für die Bewohnerinnen des Zürcher Konvents, täglich das Chorgebet zu sprechen. Sie lebten jeweils in ihren eigenen Wohnungen mit einem von Bediensteten betriebenen Haushalt und trugen weltliche Kleidung in den Farben Weiss, Grau, Schwarz und Rot. Sie genossen wegen ihres grossen Landbesitzes und ihren Verbindungen zu anderen Königshäusern einen bedeutenden politischen Einfluss in Zürich und dem Umland. Sie galten aufgrund ihres Münz- und Zollrechtes als erste Stadtherrinnen. Mit ihrem Siegel beurkundeten sie die städtischen Rechtsgeschäfte. Nicht selten sprach man auch von den Fürstinnen von Zürich.

Die Kräfte verschoben sich

Dennoch veränderte sich dieses Machtgefälle bereits Ende des 13. Jahrhunderts. Wirtschaftlich erstarkte Bürger gewannen an Einfluss. Damit verloren die Stadtherrinnen nach und nach an den grundherrschaftlichen Rechten. Fortan entschieden auch weltliche Vertreter über religiöse Angelegenheiten und kirchliche Erneuerungen. So schreibt Max Schultheiss vom Stadtarchiv Zürich über die damalige Bewegung: «Für sie alle war die Reformation vor allem Teil ihrer eigenen politischen Reform.» Wohl gerade deshalb war der Prediger Ulrich Zwingli in Zürich willkommen.

Zwingli war humanistisch

Die Chorherren des Grossmünsters wurden auf Zwingli wegen seiner humanistischen Einstellung aufmerksam. Bereits 1518 als Pfarrer in Einsiedeln predigte er gegen den Ablasshandel und die Reisläuferei. Und so sprach er bereits ein Jahr später von der Zürcher Kanzel gegen die Verehrung der Heiligen, das Priesterzölibat und das Fastengebot.

Letzteres brach er 1522 mit einem provokativen Wurstessen beim ersten Zürcher Buchdrucker Christoph Forschauer. Dies führte zum offenen Konflikt mit der katholischen Kirche. Mehr noch bewirkte Zwingli aber mit seinen drei Religionsdebatten. Dabei tauschten sich konfessionelle Gegner vor dem Kirchenrat über mögliche Reformen aus. Dieser entschied nachfolgend über Massnahmen und deren Umsetzung selbstständig.

Die zweite Debatte – auch als «Zürcher Bilderstreit» bekannt – führte zur Entfernung aller Bilder in den Kirchen und zur Aufhebung aller katholischen Kirchen und Klöster im Zürcher Gebiet, deren Besitz dann verstaatlicht wurde. Einzige Ausnahme dabei war die Grossmünster Kirche. In der dritten Disputation wurde dann die Messe beseitigt. Dass Zwingli in wenigen Jahren die Reformation in Zürich durchführen konnte, hat er der Unterstützung einflussreicher Zürcher Familien und den Zünften zu verdanken.

Die letzte Äbtissin des Fraumünsters, Katharina von Zimmern, hob am 30. November 1524 den Konvent auf und übergab alle Rechte und Besitze dem Zürcher Stadtrat, der fortan die Verwaltung übernahm.