Die Wohnbaugenossenschaften sowie die Zürcher Technokultur und die Stadtgärten gehören neu zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz. Genauer genommen sind sie als lebendige Schweizer Traditionen anerkannt worden. Die seit 2012 bestehende Liste wurde vom Bund in Zusammenarbeit mit den Kantonen und einer aus Kulturexperten bestehenden Steuergruppe um 35 Einträge ergänzt. Mit dem Beitritt zum UNESCO-Übereinkommen hat sich die Schweiz 2008 verpflichtet, ein Inventar ihres immateriellen Kulturerbes zu erstellen.

Bei den Neueinträgen liegt der Akzent auf lebendigen Traditionen im städtischen Kontext. «Der städtische Fokus wurde bewusst gelegt, weil nach wie vor die klischierte Vorstellung gilt, Traditionen fänden sich in ländlichen Gebieten, Innovationen dagegen in Städten», sagt Walter Leimgruber, Professor für Kulturwissenschaft der Universität Basel und Mitglied der Steuergruppe. Diese Ansicht teilt Madeleine Herzog, Leiterin Fachstelle Kultur des Kantons Zürich: «Mit den drei neuen Einträgen erhält der Kanton Zürich ein neues Gesicht.» Bislang war der Kanton mit klassischen Traditionen wie dem Sechseläuten, dem Knabenschiessen, den Räbeliechtli-Umzügen, der Zürcher Seidenindustrie und dem Albani-Fest vertreten. «Wir freuen uns, mit nun drei moderneren Traditionen auf der Liste berücksichtigt zu sein», so Herzog.

Best of Street Parade 2016

Das war die Street Parade 2016: An die 900'000 Raver feierten rund ums Zürcher Seebecken eine ausgelassene Party. Wir waren mittendrin und zeigen die besten Momente.

Traditionen gehen laut Leimgruber über Jodelfeste oder Fasnacht hinaus. Bereits auf alltäglicher Stufe findet man sie. Weil diese den Lebensraum der Menschen ebenso beeinflussen würden, wollte man sie in der Liste der lebendigen Traditionen würdigen.
Die Technoszene als moderne Massenkultur wurde nun als immaterielles Kulturgut anerkannt, weil sie das Image der Limmatstadt über die Landesgrenzen hinaus geprägt hat. «Die Entwicklung der Technokultur in Zürich mit der Street Parade und einer sehr ausgeprägten Clubszene verleiht Zürich ein jugendliches, offenes, hedonistisches und internationales Ansehen», so Leimgruber.

Soziale Bedeutung

Obwohl es Wohnbaugenossenschaften schweizweit gibt, haben sich die Experten für einen Zürcher Eintrag auf der Liste entschieden. «Wohngenossenschaften regeln das Zusammenleben und haben die Frage, wer in einer Stadt wohnen soll und darf, gesellschaftlich mitgeprägt», sagt Leimgruber. Zudem seien die Genossenschaften in Zürich vergleichsweise ausgeprägt und ein wichtiges politisches Element.

Ähnlich verhält es sich mit den kleinen, grünen Flecken Erde in der Stadt. So ist die Geschichte der Schreber- und Stadtgärten gerade von ärmeren Bevölkerungsschichten und heute auch von Bewohnern mit Migrationshintergrund geprägt. «Sie haben eine grosse soziale und integrative Bedeutung», begründet Leimgruber deren lebendige Tradition.