Spital

Bürgerliche fordern: Wer in die Notaufnahme geht, soll erst eine Gebühr bezahlen

Im Notfall des Kantonsspitals Winterthur werden die Personalien eines Patienten aufgenommen. Madeleine Schoder

Im Notfall des Kantonsspitals Winterthur werden die Personalien eines Patienten aufgenommen. Madeleine Schoder

Zahlreiche Patienten suchen den Spitalnotfall unnötigerweise auf. Drei Zürcher Kantonsräte fordern deswegen eine Gebühr. Die Patientenschützerin begrüsst die Idee – weist aber auch auf Probleme hin.

Zack, da landet Ruedi Kübler (Name geändert) auf dem Hintern. Die Strasse ist feucht, das Tempo mit dem Elektrovelo mässig. Im Kreisel beim Bahnübergang in Effretikon rutscht unvermittelt das Vorderrad weg. Den Sturz erlebt Kübler im Zeitlupentempo. Knie und Ellbogen links sind aufgeschürft, der rechte Handballen, mit dem er den Sturz auffing, schmerzt.

Später am Vormittag sucht das Sturzopfer die Notfallstation des Kantonsspitals Winterthur auf. Man weiss ja nie, ob vielleicht etwas gebrochen ist. Zweieinhalb Stunden später verlässt Kübler – Pflaster an Ellbogen und Knie – das Spital wieder. Mit vier Personen hatte er Kontakt. Am meisten Zeit nehmen die Aufnahmeformalitäten in Anspruch. Ein Oberarzt der Notfallstation tastet den Handballen kurz ab. «Ich denke, es ist nichts gebrochen», lautet das Verdikt. Auf ein Röntgenbild, das letzte Zweifel beseitigt hätte, verzichtet Kübler nach kurzer Diskussion mit dem Arzt.

Solche Bagatellfälle sind den Kantonsräten Daniel Häuptli (GLP, Zürich), Ruth Frei (SVP, Wald) und Lorenz Schmid (CVP, Männedorf) ein Dorn im Auge. Deshalb haben sie eine Motion eingereicht. Die Politiker wollen, dass eine Gebühr eingeführt wird, wenn jemand die Notfallabteilung eines Spitals aufsucht – 20 bis 50 Franken scheinen ihnen angemessen.

Direkt in den Notfall

In der Begründung ihres Vorstosses verweisen sie auf die Zunahme der ambulanten Notfälle in Spitälern. Laut Krankenkassenverband Santésuisse haben die Fälle zwischen 2007 und 2014 schweizweit um 42 Prozent zugenommen. Ein Teil davon sei – so die Motionäre – auf Bagatell-Notfälle zurückzuführen. Die Politiker zitieren eine Studie, wonach sieben von zehn Patienten die Dringlichkeit oder Schwere ihres Gesundheitsproblems falsch einschätzen.

Statt einen Hausarzt oder einen Apotheker zu konsultieren, suchen immer mehr Leute – wie Ruedi Kübler – direkt den Spitalnotfall auf. «Das treibt die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe», halten die Motionäre fest. Behandlungen in der Notfallstation eines Spitals seien nämlich gut und gerne doppelt so teuer, wie der Besuch beim Hausarzt. Die Gebühr soll Abhilfe schaffen.

Die angefragten Spitäler stehen der Idee der drei Kantonsräte kritisch gegenüber. Im Spital Zollikerberg heisst es, die Zahl der Bagatell-Notfälle sei «sehr klein». Genaue Zahlen würden aber nicht erhoben. «Die Gebühr könnte dazu führen, dass Patientinnen und Patienten zu lange warten, bis sie sich ärztliche Hilfe suchen», sagt die Kommunikationsverantwortliche Andrea Kaul. Barbara Beccaro, Kommunikationsbeauftragte des Universitätsspitals Zürich (USZ), zweifelt an der Wirkung einer Gebühr: «Patienten in einer ‹Notsituation› kämen trotzdem auf die Notfallstation.» Man könne Patientinnen und Patienten, die Angst oder Schmerzen hätten, nicht mit einer Gebühr bestrafen.

Das USZ verfügt über Zahlenmaterial zu den Notfällen. Demnach hat sich die Zahl der behandelten Patienten am Institut für Notfallmedizin von rund 36 000 in den Jahren 2006 bis 2010 auf 42 300 im Jahr 2016 erhöht. Das entspricht einer Zunahme von 17,5 Prozent. Im Jahr 2015 hat das USZ von 40 500 Fällen deren 11 500 als Bagatell-Fälle eingestuft; das sind knapp drei von zehn.

Hausarztpraxen in Spitälern

Am häufigsten sind laut USZ Bronchitis, Harnweginfekte, Insektenstiche, verstauchte Knöchel, kleine Schnittwunden sowie chronische Symptome seit Wochen und Grippe. Als Grund für die steigende Zahl von Notfällen wird der Mangel an Hausärzten genannt. Dieser führe dazu, dass viele Leute gar keinen fixen Hausarzt mehr hätten. Die Notfallstationen seien rund um die Uhr besetzt, was deren Attraktivität erhöhe und zahlreiche zugewanderte Personen seien nicht vertraut mit dem Hausarzt-System. Eine Gefahr, dass man sich in den Spitälern nicht mehr um die echten Notfälle kümmern könnte, besteht laut übereinstimmenden Aussagen nicht. Die Häuser verfügen über sogenannte Triagesysteme. Leichte Fälle können so in Bereichen behandelt werden, die von der eigentlichen Notfallstation getrennt sind. Und es gibt Spitäler, die Hausarztpraxen eingerichtet haben, um der steigenden Zahl der Bagatellfälle Herr zu werden.

Für Margrit Kessler, die Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz, hat die Motion «positive Elemente». «Der Versuch, Patienten mit einer Bagatelle vom Spitalnotfall fernzuhalten, funktioniert nur über das Portemonnaie», sagt Kessler. Man könne aber nicht verlangen, dass Hausärzte aufgesucht würden, wenn es sie gar nicht gebe.

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