Zürich

«Buch der Wahrheit»: ein Plakat mit fragwürdiger Botschaft

Das Plakat mit seiner fragwürdigen Botschaft hängt beim Gleis 3 am Bahnhof Stadelhofen in Zürich.

Das Plakat mit seiner fragwürdigen Botschaft hängt beim Gleis 3 am Bahnhof Stadelhofen in Zürich.

Am Stadelhofen wirbt eine Sekte mit apokalyptischen Botschaften.

Am Bahnhof Stadelhofen in Zürich sorgt ein Plakat für Aufsehen: Es wirbt für das «Buch der Wahrheit». An dem Ort, wo sich laut SBB-Statistik im vergangenen Jahr an einem Werktag durchschnittlich 87'000 Personen bewegen. Unter der auf dem Plakat angegebenen Website findet man apokalyptische Szenarien beschrieben. Dahinter steckt ein «Katholisches Apostolat zur Verbreitung und Verteidigung des unveränderten, unverfälschten katholischen Glaubens getreu der wahren Lehre Christi». Der letzte Blogeintrag auf der Website stammt vom 24. Juli und bittet um einen Gebetsaufruf im Namen von MDM (Maria Divine Mercy, zu Deutsch: Maria Göttliche Barmherzigkeit). Unterzeichnet ist der Beitrag mit «Ihr Apostolat». In den publizierten Botschaften wird zu Busse und Umkehr angesichts des nahenden Weltendes aufgerufen.

Eigentlich wurde der MDM-Gruppierung 2015 im österreichischen Internetmagazin «Kath.net» ihr Ende nachgesagt. Damals hat ein Reporter der irischen Sonntagszeitung «Irish Mail on Sunday» PR-Expertin Mary MacGovern-Carberry als Kopf hinter der Vereinigung enttarnt. Rund fünf Jahre lang hat die selbst ernannte «letzte Prophetin Gottes» Botschaften zum Ende der Welt verbreitet, das obengenannte Buch sowie «Medaillen der Erlösung» verkauft. Dann wurde es ruhig, bis Anfang 2017 die «Rhein-Neckar-Zeitung» einen dubiosen Anlass eines «Herzmarien»-Vereins in einer Bürgerbegegnungsstätte in Heidelberg als MDMAnlass entlarvte.

Ängste ansprechen

Die Fachstelle für Sektenfragen Infosekta wird immer wieder mit Anfragen zum «Buch der Wahrheit» oder «Die Warnung» – so hiess die Website bis 2013 – konfrontiert. Seit vier Jahren aber seien die Anfragen zu den Privatoffenbarungen zurückgegangen, wie Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin der Infosekta-Fachstelle, auf Anfrage sagt. Über das Gebaren der selbst ernannten Seherin sagt die Sektenexpertin: «Die Botschaften, die auf der Website verbreitet werden, sind durch ein Schwarz-Weiss-Bild, durch Realitätsverzerrung, Verschwörungstheorien und einen starken Missionsdrang geprägt», so Schaaf. Aufgrund des Inhaltes bewertet sie das Ziel der Nachrichten klar als «Missionierung»: «Konkrete Angaben über die tatsächliche Verbreitung dieser Botschaften sind schwierig zu machen. Die Texte sind eher extrem und teilweise abstrus, sprechen aber gewisse Ängste von Menschen an.» Schaaf ordnet das Werbeplakat denn auch als Versuch der Sekte ein, die Missioniertätigkeit wieder aufzunehmen. Natürlich sei Werbung für solches Gedankengut problematisch, aber «solange kein Verbot vorliegt, können die Anhänger, wie auch andere umstrittene Gruppen, für ihr Angebot werben», so Schaaf.

Die besagte Gruppierung ist auch der katholischen Kirche im Kanton Zürich ein Begriff: «Wir kennen MDM vor allem aus Deutschland, wo sie in einzelnen Regionen aktiv waren oder noch sind», sagt Simon Spengler, Sprecher der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Die dortigen Kirchenverantwortlichen hätten sich von den Inhalten der Sekte, die sich als «Hüterin der wahren katholischen Lehre» versteht, distanziert. «Im Kanton Zürich wurden wir bisher nur durch wenige Einzelpersonen mit MDM konfrontiert. Ob es hier eine aktive Gruppe gibt, ist uns nicht bekannt», so Spengler weiter. Weil diverse deutsche Medienberichte der Gruppe unlautere und fragwürdige Praktiken, besonders in finanzieller Hinsicht, vorgeworfen haben, rät Spengler zu Vorsicht. «Religion und Glauben basieren nach unserem Verständnis auf einer freien Entscheidung. Religiöse Gruppierungen, die Menschen vereinnahmen oder gar manipulieren, sind mit der katholischen Kirche unvereinbar.»

Die Vermieterin der betroffenen Plakatstelle am Bahnhof Stadelhofen ist die APG|SGA. «Plakate werden in der Eingangskontrolle auf die Einhaltung der Gesetze, Bestimmungen und Richtlinien geprüft», sagt Nadja Mühlemann, Sprecherin der APG|SGA, auf Anfrage. Grundsätzlich sei der Kunde dafür verantwortlich, dass die Gesetze von Städten und Gemeinden sowie des Partners SBB eingehalten würden. Auf dem Areal der SBB aber gilt ein besonderes Gesetz: «Das Aushängen von Plakaten ist eine öffentlich-rechtliche Angelegenheit, die in den Schutzbereich der Meinungsäusserungsfreiheit fällt. Das bedeutet, es gilt das Zensurverbot», so Mühlemann. Dies geht aus einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2012 hervor.

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