Bülach
Brutale Geiselnahme aus dem Sudan nur erfunden? – Opfer zerren Täter vors Bezirksgericht Bülach

Das Bezirksgericht Bülach befasst sich mit einer Geiselnahme aus dem Sudan. Die Opfer haben den Täter in Zürich zufällig wiedererkannt.

Flavio Zwahlen
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Der 25-jährige Eritreer muss sich wegen qualifizierter Geiselnahme vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. (Archivbild)

Der 25-jährige Eritreer muss sich wegen qualifizierter Geiselnahme vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. (Archivbild)

KEYSTONE/WALTER BIERI

Was zwei Frauen aus Eritrea auf ihrer Flucht nach Europa erlebt haben sollen, lässt einen erschaudern. So seien sie an der sudanesischen Grenze von einer Gruppe Männer – sogenannten Rashaidas – überfallen und entführt worden. Danach habe man sie während mehreren Wochen gefesselt, geschlagen, mit heissem Wasser verbrüht, bedroht und vergewaltigt. Der Schrecken habe erst ein Ende genommen, nachdem die Angehörigen der Opfer den Rashaidas Geld überwiesen hatten.

Zweieinhalb Jahre später leben die beiden Frauen in der Schweiz. Ihnen ist die Flucht nach Europa doch noch gelungen. Und dann geschieht das schier Unmögliche: Auf dem Migrationsamt des Kantons Zürich erkennt eine der Frauen zufällig einen der Täter von damals. Er ist ebenfalls Eritreer, 25 Jahre alt und soll als Dolmetscher zwischen den Tigrinisch sprechenden Opfern und den Arabisch sprechenden Rashaidas fungiert haben. Laut Anklage soll er sich jedoch auch an den Vergewaltigungen beteiligt haben.

Aussagen der Opfer sind detailliert

Seit August 2019 sitzt der Beschuldigte nun schon im Gefängnis. Zuvor lebte er in einer Notunterkunft im Zürcher Unterland. Sein Antrag auf Asyl wurde abgewiesen. Nun musste er sich nun wegen qualifizierter Geiselnahme vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Der 25-Jährige bestreitet vehement, irgendetwas mit der Sache zu tun zu haben: «Ich war absolut nie an so etwas beteiligt. Die beiden Frauen habe er zuvor noch nie gesehen.» Seit 2017 würde man ihm nun immer wieder die gleichen Vorwürfe machen. «Ich frage mich, ob ich denn hier keine Rechte besitze.»

Beschuldigen die Frauen etwa den Falschen? Und erhoffen sie sich sogar Vorteile durch einen allfälligen Schuldspruch, wie zum Beispiel den Anspruch auf Genugtuung? Der Staatsanwalt beantwortet diese Fragen mit einem klaren Nein. «Die Anklage stützt sich zwar lediglich auf die Aussagen der beiden Geschädigten. Doch diese sind sehr detailliert und plausibel.» So würden sie genaue Orts- und Zeitangaben machen und könnten auch ganze Konversationen wiedergeben.

Zudem würden die Aussagen der beiden in vielen Punkten übereinstimmen. «Es bestehen keine unüberwindbaren Zweifel daran, dass sich die Geiselnahme so zugetragen hat, wie sie von den Opfern beschrieben wird», führt der Staatsanwalt aus. So etwas könne man nicht einfach erfinden.

Weltrechtsprinzip angewendet

Der Staatsanwalt beantragt dem Gericht, den Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren zu bestrafen. Die Geschädigtenvertreterin fordert im Namen des einen Opfers Schadenersatz und eine Genugtuung von 30'000 Franken. Ihre Mandantin sei stark traumatisiert und befinde sich in Therapie. Geht es nach dem Verteidiger, ist das Verfahren hingegen einzustellen und der Beschuldigte von Schuld und Strafe freizusprechen.

Bereits zu Beginn der Verhandlung wollte der Verteidiger dem Gericht klarmachen, dass die Schweizer Behörden für den vorliegenden Fall gar nicht zuständig seien. Der Antrag auf Einstellung des Verfahrens wurde jedoch abgelehnt, da bei einer Geiselnahme das Weltrechtsprinzip zum Tragen kommt. Heisst: Bei einer solchen Tat ist auch strafbar, wer die Tat im Ausland begeht, in der Schweiz verhaftet und nicht ausgeliefert wird.

Laut Verteidiger ist es möglich, dass sein Mandant lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. «Vielleicht befürchtete die Frau, dass das Migrationsamt ihren Ausweis für Asylsuchende nicht verlängern würde und erhoffte sich durch die Anschuldigung einen asylrechtlichen Vorteil.» Zudem hätten sich die Fluchtrouten der Geschädigten und des Beschuldigten weder räumlich noch zeitlich gekreuzt. «Als die Frauen in der Schweiz angekommen sind, haben sie niemandem von einer Geiselnahme erzählt. So ein schlimmes Ereignis lässt man doch nicht einfach unerwähnt», ist sich der Verteidiger sicher.

Verhandlung nach Zürich verlegt

Das Gericht berät sich nun über das Urteil. Wann dieses verkündet wird, ist derzeit noch nicht bekannt. Die Verhandlung fand aufgrund des Coronavirus nicht im Bülacher Bezirksgebäude statt. Als Ersatz diente der grosse Gerichtssaal am Obergericht in Zürich, wo der vom Bundesamt für Gesundheit vorgeschriebene Abstand zwischen Richtern, Parteien, Polizisten und Medienschaffenden – insgesamt waren es 18 Leute – problemlos eingehalten werden konnte.

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