Theater Neumarkt
«Bringt stinkende Fische mit!» - Kunstaktion gegen Köppel provoziert

Roger Köppel ist von «Stürmer»-Herausgeber Julius Streicher besessen. Davon geht das Zentrum für Politische Schönheit des Aktionskünstlers Philipp Ruch aus und veranstaltet einen Exorzimus. SVP und FDP reagieren heftig

Von Thomas Marth/SDA
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Das Theater Neumarkt beschäftigt sich aktuell mit Krieg und Frieden. Seit bald einer Woche findet dazu ein Festival statt, unter dem Namen «How Artists Approach War» (Wie Künstler das Thema Krieg angehen). Auch das in Berlin domizilierte Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) wurde in diesem Rahmen für eine Aktion gebucht.

Das ZPS und sein deutsch-schweizerischer Leiter Philipp Ruch (35) sind bekannt für skandalträchtige Kunstaktionen rund um das Thema Migration. Für Aufsehen sorgte zum Beispiel letzten Sommer die Überführung verstorbener Flüchtlinge von den EU-Aussengrenzen nach Berlin, um sie dort zu beerdigen.

«Die Aktion zeigt, auf welch traurigem, primitivem Niveau unsere Subventionskunst angelangt ist.» Roger Köppel «Weltwoche»-Herausgeber

«Die Aktion zeigt, auf welch traurigem, primitivem Niveau unsere Subventionskunst angelangt ist.» Roger Köppel «Weltwoche»-Herausgeber

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In der Schweiz hatte Ruch im September mit einem Gastbeitrag in der Arbeitslosenzeitung «Surprise» für Aufruhr gesorgt. Zu sehen war ein Inserat, das eine zerbrochene Brille zeigte. Darüber stand: «Tötet Roger Köppel! Roger Köppel tötet!». Es gab Ermittlungen, sie wurden aber mit Verweis auf die künstlerische Freiheit wieder eingestellt.

Die Freiheit des Künstlers

Dass es auch bei der Aktion von morgen Freitagabend am Neumarkt um Köppel gehen soll, hatte der Künstler schon vor längerer Zeit mitgeteilt, sagt die Sprecherin des Theaters, Julia Kamperdick. Was genau er vorhat, das habe er dann erst erarbeitet und nun in den letzten Tagen in groben Zügen mitgeteilt.

Künstler des Theaters Neumarkt rufen zur schweizweiten Entköppelung auf.
3 Bilder
Und machen so auf ihre anstehende Performance am Freitag aufmerksam.
Roger Köppel und die SVP der Stadt Zürich finden die Aktion nicht zum Lachen. (Symbolbild)

Künstler des Theaters Neumarkt rufen zur schweizweiten Entköppelung auf.

Screenshot schweiz-entköppeln.ch

Seit kurzem existiert dazu ein Flugblatt und die Website www.schweiz-entkoeppeln.ch. «Wir werden Julius Streicher aus Roger Köppel austreiben», steht da zu lesen. Streicher war Herausgeber des Nazi-Hetzblattes «Der Stürmer»; 1946 wurde er in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod verurteilt und gehängt.

Die Aktion konstruiert die Vorstellung, dass «Weltwoche»-Herausgeber Köppel von Streicher besessen sei. Daher wird morgen um 20 Uhr «der erfahrene Exorzist Reto Bastian De Samoto in einer strengkatholischen Prozession mit dem Schweizer Volk zum Privatdomizil von Rogel Köppel nach Küsnacht vordringen».

Die Teilnehmer werden aufgerufen, stinkende Fische mitzunehmen. Dazustossen soll auch ein Voodoo-Priester aus Kamerun. Er habe bereits für den tödlichen Unfall des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider verantwortlich gezeichnet.

Auf der Website werden die Besucher und Besucherinnen zudem eingeladen, an einer Verfluchung Köppels teilzunehmen. An Schlechtem kann man ihm per Mausklick zum Beispiel wünschen: Autounfall, zwanghaftes Onanieren oder Querschnittlähmung. Bereits 500 000 Flüche hat das ZPS bis gestern Nachmittag gezählt.

SVP fordert Subventionsstopp

Roger Liebi, Präsident der Stadtzürcher SVP, ist empört. «Das hat nichts mehr mit Satire zu tun», sagt er. Die Aktion sei geschmacklos und stelle eine nicht tolerierbare Grenzüberschreitung dar. Nächsten Mittwoch will die SVP im Gemeinderat eine Motion einreichen mit der Forderung, dem Theater die städtische Subvention zu streichen. Sie beläuft sich auf etwas über fünf Millionen Franken pro Jahr.

Schützenhilfe gibt es von der FDP. Ihr Communiqué ist fast noch schärfer abgefasst als das der SVP. Die FDP spricht von einem «würdelosen Schauspiel ohne Niveau». In Anspielung darauf, dass das zeitgenössische Theater schon länger mangelhaft ausgelastet ist, heisst es weiter: «Eine kontraproduktivere Aktion von Seite Neumarkt ist kaum vorstellbar.»

Die FDP fühlt sich bestätigt in ihrer kritischen Haltung gegenüber dem Haus. Sie fordert von der Stadtpräsidentin und dem Verwaltungsrat des Theaters, dass die Aktion sofort gestoppt wird.

Die Flüche wurden in der Nacht auf gestern teils auf Köppels Geschäftsmail weitergeleitet. Eine sechsstellige Anzahl Mails habe einzeln gelöscht werden müssen, hiess es in seinem Vorzimmer auf der «Weltwoche»-Redaktion. Köppel selber weilte gestern an der Session in Bern. Er habe noch keine Zeit gehabt, sich vertieft mit der Sache auseinanderzusetzen, sagt er.

Er will sich auch nicht dazu äussern, ob er sich rechtliche Schritte überlegt. Für ihn zeigt die Aktion, «auf welch traurigem, primitivem Niveau unsere Subventionskunst angelangt ist».
Heute trifft Ruch in Zürich ein, um 21 Uhr erläutert er seine Absicht hinter dem Projekt. Schauspieler und Schauspielerinnen des Neumarkt-Ensembles werden nicht Teil der Aufführung sein, betont Theater-Sprecherin Kamperdick. Dass der Künstler provoziert und polarisiert, ist ihr klar. Damit spiegle er jene, die er ins Visier nimmt, sagt sie. Und somit sei das in sich auch stimmig.

Wie gelungen die Kunstaktion ist, will SP-Nationalrätin Min Li Marti offenlassen. Die langjährige SP-Fraktionspräsidentin im Zürcher Gemeinderat hält aber fest, dass Kulturkritik keine politische Aufgabe sei. Sie verweist auf die künstlerische Freiheit. Dass die SVP nun einen Subventionsentzug fordere, sei auch nichts Neues; die Partei habe die städtischen Beiträge für den Neumarkt immer schon abgelehnt. Nachvollziehen kann sie, dass es für Köppel nicht angenehm ist, im Zentrum einer solchen Aktion zu stehen.

Stadtpräsidentin Corine Mauch nannte die Aktion gestern im Gemeinderat «schlechte Satire». Sie werde sie im Verwaltungsrat des Theaters thematisieren. Mauch sagte aber auch, dass die Stadt die künstlerische Freiheit der von ihr subventionierten Institutionen respektiere. Und: Es wäre falsch, deshalb jetzt eine politische Debatte zu führen.