Zürich
«Brauchts das wirklich noch?» – Eltern sind uneinig, ob Hausaufgaben wichtig sind

Über den Sinn oder Unsinn von Hausaufgaben wird seit Jahren gestritten. Nun haben sich 2500 Zürcher Eltern zum Thema geäussert.

Mirko Plüss
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Leidiges Thema Hausaufgaben: Die Eltern sind sich nicht einig. (Symbolbild)

Leidiges Thema Hausaufgaben: Die Eltern sind sich nicht einig. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Sind sie notwendig, um zu einem selbstständigen jungen Menschen heranzuwachsen? Oder bedeuten sie einfach nur Stress pur für das Familiengefüge? Beim Thema Hausaufgaben scheiden sich die Geister. Die Kantonale Elternmitwirkungsorganisation (KEO) wollte den Zürcher Eltern den Puls fühlen und hat erstmals eine breit angelegte Umfrage zum Thema durchgeführt.

2531 Eltern nahmen daran teil. Stattgefunden hat die Umfrage im November, das Thema Corona und der Fernunterricht vom Frühling wurden bewusst ausgeklammert.

Sinn der Hausaufgaben? Meinungen sind gespalten

Bei der Kernfrage zum grundsätzlichen Sinn von ­Hausaufgaben zeigt sich die ­Elternschaft einigermassen ­gespalten. 19 Prozent erachten Hausaufgaben als «sehr wichtig», weitere 41 Prozent als «wichtig». 25 Prozent be­zeichnen sie als «wenig wichtig», 8 Prozent als «gar nicht wichtig» – der Rest hat auf die Frage nicht geantwortet.

Zudem ging es auch um die tägliche Dauer der Ufzgi. 36 Prozent der Kinder verbringen jeden Tag rund eine Viertelstunde damit, bei 30 Prozent dauert es bis zu 30 Minuten, bei 16 Prozent sind es 45 Minuten, und die restlichen Kinder sitzen jeden Tag eine Stunde oder mehr an ihren Hausaufgaben.

Die befragten Eltern gaben Hunderte Kommentare zum Thema ab, zumeist äusserten sich offenbar jene Personen, die Hausaufgaben gegenüber negativ eingestellt sind. Die Schule dauere schon lange genug und sei ein Fulltime-Job, heisst es da beispielsweise. Viele Eltern teilten zudem mit, dass ihre Kinder nach einem langen Schultag sehr müde seien und die Motivation am Lernen und an der Schule verloren gehe, wenn sie zu Hause auch nochmals hinsitzen und lernen müssten.

«Brauchts das wirklich noch?»

Gabriela Kohler, Präsidentin der Kantonalen Elternmitwirkungsorganisation, sagt: «Der grosse Rücklauf und die zahlreichen Kommentare zeigen uns, wie froh die Eltern sind, dass sie auch einmal zum Thema befragt wurden.» Kohler sagt zudem, die Kommentare zeigten eine Spaltung der Elternschaft auf: «Viele wollen ganz traditionell an den Hausaufgaben festhalten. Viele fragen sich aber auch: Brauchts das wirklich noch? Wir müssen nach Feierabend ja auch nicht weiterarbeiten.» Einige würden zudem unter den Hausaufgaben leiden: «Es kommt zu Streit innerhalb der Familien, und gewisse Eltern können oder wollen auch nicht Hilfslehrer spielen.»

Dass zudem nur gerade 60 Prozent der Befragten finden, die Hausaufgaben seien «wichtig» oder «sehr wichtig», zeugt für Kohler von einem zu geringen Rückhalt für diese schulische Methode: «Man muss bei den Ufzgi etwas ändern, das ist klar.» Der Stoff würde besser während der Schulzeit repetiert und gefestigt. «Dafür braucht es in allen Schulen neue Gefässe wie Lernlandschaften oder qualitativ gute Aufgabenhilfen.»

Pilotprojekt in Männedorf

Das Thema Hausaufgaben wurde in den vergangenen Jahren auch wegen der geplanten Einführung von Tagesschulen wieder aktueller. In der Stadt Zürich beispielsweise, wo sich das Projekt Tagesschule 2025 in der Planung befindet, ist es eines der aktuell diskutierten heissen Eisen. Denkbar ist, dass sie ganz abgeschafft oder in den Tagesschulbetrieb integriert werden.

In der Schule Männedorf läuft aktuell ein entsprechendes Pilotprojekt. Seit fast drei ­Monaten bekommen Schüler der 1. bis 3. Klasse keine Hausaufgaben mehr.

In der Schweiz sind Hausaufgaben vom Vormittag auf den Nachmittag, vom Vortag eines Feiertags auf den nächsten Schultag und über die Ferien nicht erlaubt. Ob sie übers ­Wochenende und über einen freien Nachmittag beispiels­weise zulässig sind, ist nicht klar geregelt und je nach Kanton verschieden. Ob eine Klasse überhaupt Hausaufgaben erhält, hängt aber einzig von der Lehrperson ab.

Sind Ufzgi auch eine Frage der Chancengerechtigkeit?

Gegner der Hausaufgaben ­zitieren unter anderem den ­neuseeländischen Bildungs­wissenschaftler John Hattie, dessen Studien den positiven ­Effekt von Hausaufgaben in Zweifel ziehen.

Bei der Umfrage der Elternmitwirkungsorganisation wurde zudem das Thema Chancen­gerechtigkeit mehrfach angeschnitten. Kohler sagt: «Es bestätigt sich immer wieder, dass schulisch gute Kinder durch die Hausaufgaben noch mehr gestärkt werden, die schulisch Schwachen aber mit noch mehr negativen Folgen zu kämpfen haben.»

«Das hat mich sehr ­betroffen gemacht»

Kohler gaben einige Rückmeldungen auch zu denken: «Eltern von Schülerinnen und Schülern mit ADHS oder einer Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche sagen, die Kinder könnten die vorgegebene Zeit für die Hausaufgaben gar nie einhalten. Dass es auch heute noch Familien gibt, die unter den Hausaufgaben leiden, hat mich sehr betroffen gemacht.»