Asylsuchende

Brandtest: Nach dreieinhalb Minuten war das Haus weg

Viele der 62 «Wohneinheiten» sind in der Halle 9 der Messe Zürich bereits aufgestellt – jetzt müssen sie durch Holzhütten ersetzt werden.

Viele der 62 «Wohneinheiten» sind in der Halle 9 der Messe Zürich bereits aufgestellt – jetzt müssen sie durch Holzhütten ersetzt werden.

Die kantonale Gebäudeversicherung hat ihr Veto eingelegt – dieIkea-Häuschen, die die Stadt Zürich in einer Messehalle aufgebaut hat, seien brandgefährlich.

Gestern Morgen, um exakt 7:55 Uhr und 30 Sekunden, startete auf dem Ausbildungszentrum Andelfingen ein Brandtest, der die Stadt Zürich überrumpeln sollte. Denn kurz darauf – exakt 3 Minuten und 28 Sekunden später – war das Objekt bereits niedergebrannt.

Bei diesem Objekt, das auf der Übungsanlage im Zürcher Weinland abgefackelt wurde, handelte es sich um eine der 62 Wohneinheiten, die die Stadt Zürich in der Halle 9 der Messe Zürich derzeit aufbauen lässt. Ab 4. Januar sollten auf den beiden Ebenen der Ausstellungshalle bis zu 250 Asylsuchende untergebracht werden.

Sozialvorstand Raphael Golta und Thomas Kunz, Direktor der Asyl Organisation Zürich (AOZ), führten gestern Vormittag noch die Presse durch die Halle. Und sie konnten von einem «erfolgreichen Hosenlupf» berichten: Dank der Umnutzung dreier Zivilschutzanlagen sowie der Einrichtung dieses Übergangszentrums in Oerlikon sei die Stadt Zürich in der Lage, die vom Kanton kurzfristig geforderten 780 zusätzlichen Plätze für Asylbewerber zur Verfügung stellen zu können.

Doch dann kam die Meldung des Brandtests, den die Verantwortlichten überrumpelten: Die «Better Shelter»-Häuschen, die die Ikea-Foundation mit dem UNO-Flüchtlingshilfswerk entwickelt hat, dürfen im Kanton Zürich nicht in einer Halle verwendet werden.

In der Halle zu gefährlich

Anfänglich hatte nichts auf die Gefährlichkeit der Häuschen hingedeutet. Die kantonale Gebäudeversicherung Zürich (GVZ) hatte wie üblich schon vor Wochen die Produkteunterlagen erhalten und geprüft. Alle verwendeten Materialien hätten die europäischen Testnormen erfüllt, sagt Lars Mülli, Leiter Brandschutz bei der GVZ. In dieser Woche wurde die GVZ zufällig auf einen aktuellen Prüfbericht von Karlsruher Kollegen aufmerksam. In einem Realbrandtest war der «Better Shelter» innert 90 Sekunden niedergebrannt. «Als ich das las, musste ich mich gleich setzen», sagt Mülli. Und er wusste, dass er sich eines der Häuser genauer anschauen musste.

Sofort hat das GVZ-Geschäftsleitungsmitglied Kontakt zur Asyl Organisation Zürich aufgenommen. Diese lieferte am Donnerstag eine ihrer Wohneinheiten, die dann auf dem Ausbildungszentrum Andelfingen, wo unter anderem Zivilschutz und Feuerwehr trainieren, aufgestellt wurde. Gestern Freitagmorgen erfolgte der Brandtest.

Unter einem Bett wurde, eben um 7:55.30 Uhr, ein Kopfkissen in Brand gesteckt. Nach zwei Minuten drang dicker Rauch unter der Türe hervor. Mülli spricht von einem «grossen, sehr toxischen Rauchvolumen». Nach etwas mehr als drei Minuten hatten die Wände Feuer gefangen. Dann ging es rasch, innert weniger als 20 Sekunden war das ganze vorbei: «Das Haus war weg.»

Das Resultat des Tests ist für Lars Mülli klar: «Rauch, Hitze, Schnelligkeit – alles spricht gegen einen Einsatz in einer Halle.» Ein Feuer würde auf die nahen Wohneinheiten übergreifen.

An den Unterlagen, die zunächst auf eine Ungefährlichkeit schliessen liessen, muss laut dem Experten nichts falsch sein. «Die Tests sind standardisiert, sie werden mit den einzelnen Materialien durchgeführt», erklärt Mülli. Ein fertiges Produkt, das zusammengebaut werde, könne dann aber in der Realität wieder anders reagieren. Der GVZ-Leiter Brandschutz verweist auf das Beispiel der Tests, mit denen der Benzinverbrauch eines Autos festgestellt wird. Im Labor wird ein Wert ermittelt, im Strassenverkehr kann er dann von diesem Standartwert abweichen.

Nun wird mit Holz gebaut

Sozialvorstand Raphael Golta zeigte sich gestern Abend vom Resultat des Tests überrascht: «Schliesslich sind die Shelters weltweit bereits mehrfach im Einsatz.» Die Ikea-Häuschen werden nun in der Halle 9 wieder abgebaut.

Die Gebäudeversicherung, die Asyl Organisation und die Stadt Zürich haben gestern Nachmittag bereits über Alternativlösungen diskutiert. Im Vordergrund steht eine Holzlösung. Den Laien mag dies überraschen, für den Fachmann ist aber klar: Holz kann zwar brennen – doch die Rauchentwicklung ist weniger toxisch, das Feuer breitet sich weniger rasch aus. Deshalb – und weil im Holzbau auch viel Erfahrugn besteht – sind in der Schweiz bis zu achtstöckige Holzgebäude erlaubt.

Unklar ist aber, ob die Alternativlösung bis 4. Januar bereit sein wird. AOZ-Direktor Thomas Kunz rechnet mit «einer gewissen Verzögerung». Am grundsätzlichen Konzept, auf den beiden Etagen der Halle 9 beim Hallenstadion gegen 250 Personen unterzubringen, ändere sich aber nichts.

Der Kanton Zürich hat die sogenannten Aufnahmequote erhöht: Ab 1. Januar müssen die Gemeinden statt fünf neu sieben Asylsuchende pro 1000 Einwohner betreuen. Die Stadt Zürich muss damit insgesamt 2800 Personen (plus 780) betreuen. Um diesen Anstieg bewältigen zu können, setzt sie unter anderem auf die Halle 9 als provisorische Lösung. Diese hat die Stadt für ein Jahr (mit Option für ein weiteres Jahr) gemietet. Die Mietkosten belaufen sich monatlich auf 30 780 Franken.

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