Sommerserie «Zürich extrem» (1)
Boom-Städtchen am Rhein sucht neue Identität

Eglisau verzeichnete in den letzten Jahren das stärkste Bevölkerungswachstum im Kanton Zürich. Jetzt regt sich Widerstand: In Neubau-Gegenden fehlt es an Läden und Kindergärten, und das alte Ortszentrum soll besser belebt werden.

Matthias Scharrer (Text und Fotos)
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Boomquartier nahe beim Bahnhof Eglisau.

Boomquartier nahe beim Bahnhof Eglisau.

matthias scharrer

Gemächlich fliesst der Rhein durchs idyllische Städtchen Eglisau. Doch das Bild trügt: Die Gemeinde erlebt einen rasanten Wandel. Seit der Jahrtausendwende wuchs sie schneller als jede andere im Kanton Zürich. Um 49,8 Prozent nahm die Einwohnerzahl von 2001 bis 2011 zu, wie dem aktuellen Statistischen Jahrbuch des Kantons zu entnehmen ist. Heute leben knapp 5000 Menschen in Eglisau. Zum Vergleich: In der Stadt Zürich belief sich das Bevölkerungswachstum im gleichen Zeitraum auf 11,7 und kantonsweit auf 13,7 Prozent.

Einer der Neu-Eglisauer ist Franz Freuler. Nach einer Standortbestimmung zur Pensionierung zog er ins Städtchen am Rhein. «Hier ist alles vorhanden», erklärt er seine Beweggründe: «Möglichkeiten zum Einkaufen, Wandern, Velofahren, Baden – und man ist schnell in der Stadt, wenn man Kultur will.» Nach den Schattenseiten gefragt, muss er nachdenken. Das Einzige, was ihm spontan einfällt, ist der Mangel an Altglas-Sammelstellen.

Doch im Städtchen mehren sich kritische Stimmen. Neu gegründete Interessengemeinschaften sind Ausdruck eines wachsenden Unbehagens. Eine von ihnen ist die IG Städtli Eglisau. Sie formierte sich, da die Gemeinde mitten im Ortskern, am Eingang zum historischen «Städtli», bis Herbst 2014 einen Gebäudekomplex namens «Bollwerk» bauen lässt. Darin geplant sind ein Parkhaus, Wohnungen und Ladenlokale.

«Wir hatten Schiss, dass die Geschäfte im Städtli wegen der zweijährigen Baustelle Verluste hätten», sagt Christoph Hagedorn, Vorstand der IG Städtli. Mit 150 Einwohnern sei das «Städtli» zwar das kleinste Quartier von Eglisau. Gleichzeitig sei es aber ein wichtiger Identifikationsort – und zusammen mit dem Rhein eine Attraktion auch für die Neuzuzüger. Mit einem neu gegründeten Wochenmarkt, Openair-Filmtagen und Konzerten kämpft die IG Städtli unter dem Motto «s’Städtli läbt!» für diesen Identifikationsort.

Das Parkhaus-Projekt führt zu einem Dauerbrenner der Eglisauer Politik: dem Verkehr, der sich täglich über die Rheinbrücke mitten durch den Ort wälzt. Der Bevölkerungsboom liess die Blechlawine weiter anschwellen. «Von daher ists überhaupt nicht lustig, in Eglisau zu wohnen», sagt Hagedorn. Auch in der S-Bahn, die Eglisau mit Zürich verbindet, sei während der Stosszeiten kaum noch ein Sitzplatz zu finden. «Wir müssen dem Städtli Sorge tragen. Wie wollen qualitativ wachsen», so der alteingesessene Eglisauer weiter.

Gemeindepräsidentin Ursula Fehr (SVP) kennt die Probleme, die mit dem rasanten Wachstum verbunden sind: «Bis vor rund einem Jahr haben wir es gut verdaut. Jetzt merkt man, dass wir aufpassen müssen.» Nebst der IG Städtli sei mit der IG Mettlen auch im Neubauquartier beim Bahnhof eine Gruppierung entstanden, die auf neue Schwierigkeiten hinweise. «Die Neuzuzüger in den Mehrfamilienhäusern wollten, dass es ländlich ist, dass die Kinder herumspringen können, dass Kindergarten und Laden vorhanden sind.» Doch just daran fehle es.

Mit dem Wachstum habe sich zudem die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert. Gekommen seien überproportional viele kreative Leute, Journalisten, Künstler – und Familien mit überdurchschnittlich vielen Kindern. Der Platzbedarf für die Schulen stieg. Gestiegen ist auch das Steueraufkommen, da zahlreiche Besserverdienende hinzuzogen. Die Gemeinde konnte den Steuerfuss senken.

Gleichzeitig wurde sie politisch offener für links-grüne Anliegen. Als Beispiel nennt Fehr das unlängst in einer Urnenabstimmung beschlossene flächendeckende Angebot an Horten und Kindertagesstätten. «Früher wäre das bachab geschickt worden», sagt die Gemeindepräsidentin, die mit SVP-Nationalrat Hans Fehr verheiratet ist. Auch habe sich mit «Fokus Eglisau» eine neue Ortspartei etabliert, deren Ausrichtung Ursula Fehr als grün-links-liberal bezeichnet. Seit drei Jahren stellt «Fokus Eglisau» mit Peter Bär einen Neuzuzüger im fünfköpfigen Eglisauer Gemeinderat.

Der Gemeinderat hat inzwischen ein Leitbild verabschiedet, in dem er sich zu einem «langsamen Wachstum nach innen» verpflichtet. Die Baulandreserven sind weitgehend aufgebraucht. Auf den verbleibenden Industriebrachen soll laut Fehr nicht alles überbaut werden und «sanftes Wohnen» entstehen. «Es wird noch mehr Einwohner geben», sagt Fehr. «Aber nicht mehr in dem Ausmass, das wir jetzt hatten – hoffe ich.»