Durchmesserlinie
Bohrmaschine Heidi spannte alle auf die Folter

Der feierliche Durchstich des 4,8 Kilometer langen Weinbergtunnels erforderte von den Zuschauern Geduld

Thomas Marth
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Erfolgreicher Durchstich bei der Zürcher Durchmesserlinie
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Erfolgreicher Durchstich bei der Zürcher Durchmesserlinie

«Heidi», die rund 200Meter lange Tunnelbohrmaschine, hatte in den letzten knapp zwei Jahren tadellose Arbeit geleistet. Vom Bahnhof Oerlikon her frass sie sich zuerst 4,2Kilometer durch felsigen Untergrund und unterquerte dabei problemlos so sensible Gebäude wie das Universitätsspital. Im Stadtzentrum angekommen, wurde sie dann für die letzten 280Meter zum «U-Boot» umgerüstet, um ins Lockergestein unter der Limmat und ins Grundwasser abtauchen zu können – auch bei diesem heiklen Unterfangen verlief alles nach Plan. Gestern Montag nun galt es, in feierlichem Rahmen die letzten 30Zentimeter wegzufräsen. Und ausgerechnet da gab sich «Heidi» nun widerspenstig.

Wollte und wollte nicht ...

Aufgrund der Enge am Ort des Geschehens hatte sich die Festgemeinde – mehrere hundert Personen – in der Eventhalle im «StageOne» gleich hinter dem Bahnhof Oerlikon versammelt. Von hier aus gab um 10.50Uhr SBB-CEO Andreas Meyer dann auch den Befehl: «Vortrieb frei.» Was in dem Schacht lief, in den «Heidi» vorstossen sollte, wurde auf Leinwände im Saal übertragen. Das Loch, auf dessen Werdung alle warteten, war als blauer Punkt von rund elf Metern Durchmesser an die Schachtwand gemalt.

In einigem Abstand davor stand eine Moderatorin und stellte den involvierten Fachleuten Fragen, die live nach Oerlikon übertragen wurden. So war etwa vom Baustellenleiter zu erfahren, dass die Bohrmaschine nun mit zwei Umdrehungen pro Minuten das letzte Stück in Angriff nimmt und dabei rund 700Tonnen Druck abgibt.

Die Moderatorin stellte viele Fragen – und irgendwann dann gingen sie ihr aus. Denn der blaue Punkt wollte einfach nicht in sich zusammenfallen. Etwa um 11.30Uhr war dann vom Baustellenleiter zu erfahren, dass Öldruck auf die Vortriebzylinder zu einer automatischen Abschaltung geführt hatte. Der Bohrkopf drehte sich zwar noch, aber ohne Druck nach vorne abzugeben. Der Elektriker sei daran, das Problem zu beheben. Mit einem Film und vorgezogenen Reden wurde die Zeit überbrückt.

«Eine der Herausforderungen war, dass die Bohrmaschine nicht einen Weinkeller oder sogar die Limmat anzapfte.» Mit diesen Worten verwies der Zürcher Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker auf eine Besonderheit dieses Bauwerkes, «das knapp unter den Kellern einer pulsierenden Stadt» verläuft. Im Übrigen machte er darauf aufmerksam, dass nicht nur Zürich davon profitieren wird: «Auf der ganzen Ost-West-Achse von Genf bis St.Gallen können dank des Tunnels Fahrzeitgewinne erzielt werden.»

Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamtes für Verkehr, strich die Komplexität des Bauwerkes hervor und sagte: «Ohne Gotthard-Basistunnel wäre der Weinbergtunnel
die derzeit spektakulärste und eindrücklichste Tunnel-Baustelle der Schweiz.» Von einem «international viel beachteten Projekt mit grossen technischen und innerstädtischen Herausforderungen», sprach Hanspeter Stadelmann von der in der Arbeitsgemeinschaft Weinbergtunnel federführenden Implenia. Martin Bosshard, Gesamtleiter der Ingenieurgemeinschaft Zalo, wies darauf hin, dass die Arbeiten ohne gravierende Unfälle erledigt werden konnten und dass kaum Setzungen an der Infrastruktur eingetreten sind. Er bezeichnete den Weinbergtunnel als «das eigentliche pièce de résistance» im Projekt Durchmesserlinie. Die Zürcher Stadträtin Ruth Genner verwies auf dessen enorme Bedeutung, um auf die rasante Entwicklung der Stadtteile Zürich-Nord und Zürich-Altstetten zu reagieren.

Doch noch kooperativ

«Heidi» zeigte sich dann doch noch kooperativ. Um 12.21Uhr fiel der blaue Punkt in einem Rutsch. Es kam überraschend. Zahlreiche Gäste hatten sich bereits zum Bankett begeben.

Ab dem Durchstich verzweigen sich dereinst die zwei Tunnel-Gleisspuren auf vier, um dann in den neuen unterirdischen Bahnhof Löwenstrasse unter dem Hauptbahnhof zu führen. Weinbergtunnel und Tiefbahnhof sollen ab Mitte 2014 in Betrieb genommen werden. Die ganze Durchmesserlinie mit dem über Viadukte nach Altstetten führenden Westast soll Ende 2015 fertig gestellt sein. Rund 500Züge werden dann täglich durch den Weinbergtunnel fahren.