Archäologie
Boden bei Zürcher Fraumünster gibt Stadtgeschichte preis

Aus dem Untergrund beim Zürcher Fraumünster taucht Stadtgeschichte auf. Tausende Fundstücke aus vielen Jahrhunderten geben Einblicke ins Alltagsleben der einstigen Bewohner dieses Teils der heutigen Innenstadt.

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Das Frauenmünsterquartier in Zürich gibt historische Einblicke bekannt.

Das Frauenmünsterquartier in Zürich gibt historische Einblicke bekannt.

Keystone

Grosse graue Sandsteinblöcke zeugen von der Stadtbefestigung, die im 13. Jahrhundert die Stadt schützte. Mitten in der heutigen Bahnhofstrasse stand ein Eckturm der Mauer. Wo heute die Nationalbank steht, schwappten die Wellen des Sees.

Rund 12 Meter hoch dürfte die Mauer gewesen sein, sagte der Leiter der Stadtarchäologie, Dölf Wild, am Donnerstag vor den Medien, die Einblick nehmen konnten in die Grabungsarbeiten.

Diese seien "etwas vom Härteren" für die rund 30 Archäologinnen und Archäologen, die am Projekt beteiligt sind. Sie arbeiten in engen Gräben, ständigem Baulärm ausgesetzt.

Insgesamt werden 1,3 Kilometer Gräben untersucht - eine Fläche von rund 1500 Quadratmetern.

Mehr als die 1400 Quadratmeter Innenfläche des Fraumünsters. Dieses wurde 853 als karolingische, direkt dem König unterstellte Abtei gegründet. Das Gebiet war damals bereits besiedelt.

Schicht um Schicht in die Vergangenheit

Schicht um Schicht dringen die Archäologen nun in die Vergangenheit vor. Je tiefer sie graben, desto älter sind die Funde. Besonders ergiebig ist es dort, wo das einstige Seeufer aufgeschüttet wurde.

Um 1540 sei die Bevölkerung "von der Kanzel herab" aufgefordert worden, ihre Abfälle dort jenseits der Stadtmauer wegzuschmeissen, erzählte Wild.

Tausende von Stücken aus den verschiedensten Materialien zeugen vom Alltagsleben der einstigen Bewohnerinnen und Bewohner und zeigen, wie sich dieses über die Generationen durch mehr als 1700 Jahre änderte.

So benutzten etwa frühe Bewohner rotes Ton-Geschirr, das irgendwann offenbar aus der Mode kam. Ein paar hundert Jahre später waren dann weisse Teller und Tassen angesagt.

Ein besonderes Prunkstück ist ein goldener Vogel, der im Mittelalter wohl eine wohlhabende Frau geschmückt hat.

Auf einer zerbrochenen Ofenkachel prangt ein Engel mit wallenden blonden Locken. Und eine kleines Stück Silex, ein so genannter Flintenstein, hatte einst als Flintenverschluss für den Funkenschlag gesorgt.

Aufschlussreicher roter Fleck

Auf Steinplatten - Resten einer Blockbebauung aus dem 19. Jahrhundert - entdeckt man einen grossen roten Fleck. Was für den Laien nichts bedeutet, ist für die Archäologen aufschlussreich: Wo der Fleck war, hatte ein Handwerksbetrieb seine Feuerstelle. Noch ist allerdings nicht ganz klar, um was für ein Handwerk es sich handelte.

Die Fundstücke werden exakt dokumentiert, fotografiert, gezeichnet und aufbewahrt. Die Steine werden anschliessend entsorgt. Es sei nicht möglich, sie alle aufzuheben, sagte Wild.

Seit Januar und voraussichtlich noch bis Ende November sind die Grabungen im Gange: Die Stadtarchäologie begleitet die aktuelle Sanierung der Werkleitungen.

Man wusste, dass sich im Untergrund Reste der einstigen Besiedlung befinden. Deshalb konnte man laut Wild frühzeitig mit dem Tiefbauamt planen. Die archäologischen Grabungen wurden so zu einem Teil des Baubetriebs.