Der 78-Jährige hätte sich sofort auf den nächsten freien Stuhl setzen sollen nach dem Einsteigen statt durch den Bus nach vorne zu gehen. Mit dieser Begründung wies das Obergericht im Juli die Beschwerde eines 78-Jährigen ab, der in einem Winterthurer Stadtbus der Länge nach hingefallen war und sich dabei eine blutende Wunde an der Stirn zugezogen hatte. Der Bus sei «geschossartig losgefahren», hatte er sich beklagt. Der Chauffeur hatte dagegen gehalten, dass er nicht warten müsse, bis alle sitzen. Er müsse den Fahrplan einhalten.

Solche und ähnliche Vorfälle haben Kantonsrätin Esther Meier (SP, Zollikon) zu einer Anfrage bewogen. Sie benützt regelmässig den Bus von Tiefenbrunnen nach Zollikerberg und sagt: «Teilweise wird schon sehr ruckartig angefahren.» Das sei nicht nur für alte Leute gefährlich, sondern auch für Gehbehinderte und Mütter mit Kinderwagen. Und nicht immer reiche die Zeit, um auf den nächsten freien Sitzplatz zu gelangen. So es denn einen freien Sitzplatz gebe.

Meier ist Mitglied in der Gruppe «60+» ihrer Partei, ihre Anfrage an den Regierungsrat lautet: «Wird der öffentliche Verkehr für Seniorinnen und Senioren und für in der Mobilität beeinträchtigte Personen zunehmend gefährlich?»

Eigentlich nicht, lässt sich der gestern veröffentlichten Antwort entnehmen. Der Regierungsrat stützt sich dabei auf die Statistik. Setze man die Unfallzahlen in Bezug zu den steigenden Passagierzahlen, sei keine relevante Zunahme auszumachen. Das gelte für die Unfälle insgesamt und auch den Anteil der Senioren daran. Sie machen zwischen 32 Prozent (2014) und 42 Prozent (2017) der verunfallten öV-Passagiere im Kanton aus; die Werte schwanken von Jahr zu Jahr stark.

Über alle Alterskategorien sind von 2008 bis 2017 im Kanton Zürich 971 Personen als Passagiere von Tram oder Bus verunfallt. Davon erlitten 869 leichte und 99 schwere Verletzungen. Drei Personen starben. Sehr gut schneidet die Bahn ab. Nur vier leicht verletzte Passagiere wurde hier in besagtem Zeitraum verzeichnet.

Was sich weiter der Statistik entnehmen lässt: 90 Prozent der verletzten Passagiere waren in Zürich oder Winterthur unterwegs gewesen. Und: In lediglich 13 Prozent aller Fälle kamen die Passagiere im ordentlichen Fahrbetrieb zu schaden, also zum Beispiel beim Losfahren, Bremsen oder in Kurven. In den übrigen 87 Prozent gab ein Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer den Ausschlag, sei es, weil sie den Vortritt missachteten oder schlicht unaufmerksam waren.

Absitzen und sitzen bleiben

Vor allem Letzteres stelle steigende Anforderungen an Tram- und Buschauffeure, sagt Daniela Tobler, Mediensprecherin bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ). Sie erwähnt in erster Linie die Verwendung von Smartphones. Unvermittelt läuft jemand vor ein Tram oder einen Bus – und ein Notstopp wird nötig.

Seit dem Jahr 2012 weisen die VBZ mit der Kampagne «Sicher unterwegs» die Passagiere auf daraus resultierende Gefahren hin. Für Senioren finden auch Kurse statt, die gemäss Tobler gut besucht sind.

Festhalten ist wichtig, sagt sie. Das A und O für ältere Leute sei, schnell abzusitzen. Auch wenn es nur für eine Station sei. Und auch nicht wechseln, weil ein besserer Platz frei wird. Und jemanden fragen, wenn alle Plätze besetzt sind. Sie erfahre es immer wieder, sagt Tobler: «Die jungen Leute springen dann schon fast auf.» Dass sie den Platz nicht von sich aus freimachten, liege halt meist auch an fehlender Aufmerksamkeit.

«Tipps fürs Busfahren im Alter» heisst die Kampagne von Stadtbus Winterthur. Unter dem Titel «Reisen ohne Hindernisse» informiert der ZVV.

Die Fahrpläne sind eng. Pressiert ein Chauffeur, kann es sein, dass er Zeit aufholen muss. Dazu hält der regierungsrätliche Bericht fest, dass die Sicherheit der Fahrgäste stets oberste Priorität habe. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass Pünktlichkeit ein wichtiger Erfolgsfaktor des öffentlichen Verkehrs sei. Von den Passagieren im Kanton Zürich gebe es dafür auch stets gute Zufriedenheitsnoten.