Zürich
Blumenfans und Asylsuchende beleben Areal des künftigen Strassenstrichs

Auf einer Brache in Zürich Altstetten werden bald Prostituierte Sex in der Box anbieten. Heute fühlen sich auf dem künftigen Strassenstrichareal Blumenfans beglückt.

Peter Fritsche
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Limmattaler Zeitung

Da ein paar Stahlträger, dort ein paar Gleisschwellen, ein Bagger, eine Müllmulde, dichte Büsche; Gras, das sich durch den Beton gekämpft hat. Im Hintergrund, auf der Autobahneinfahrt, rauscht der Verkehr, dröhnen die Lastwagen. Von einem unweit gelegenen Gemüselager weht ein leicht fauliger Geruch. Die weitläufige Industriebrache am Stadtrand in Altstetten unweit der Europabrücke ist definitiv kein Ort, wo man freiwillig länger bleiben möchte.

Geschweige denn Sex haben. Doch genau das soll hier stattfinden – im Akkord. Schnelle Befriedigung in eigens dafür bereitgestellten, neuartigen Sexboxen, in Wohnwagen, im Auto und wohl auch in den Büschen. Ab Frühling des kommenden Jahres, wenn die Pläne des Zürcher Stadtrates nicht durch Rekurse verzögert oder vom Parlament abgeblockt werden, wird sich hier der Zürcher Strassenstrich abwickeln.

Botanische Vielfalt

Jetzt, an diesem grau verhangenen Junimorgen, liegt das Areal leer und fast verlassen da. Einzig ein Mann spaziert auf der Brache herum und macht Fotos. Sein Interesse gilt aber nicht der zukünftigen Nutzung des Geländes, sondern dem, was zurzeit hier grünt und blüht: «Die botanische Vielfalt ist aussergewöhnlich», sagt Stefan Hose, von Beruf Landschaftsarchitekt. Der Pflanzenkenner nutzt seinen freien Tag, um besonders schöne und seltene Exemplare abzulichten. Der künftige Strassenstrichplatz zählt zu den so genannten Ruderalflächen, natürlichen oder vom Menschen geschaffenen Magerflächen mit einer erst auf den zweiten Blick besonders reichen Pflanzenwelt.

Auf diesem Areal in Altstetten gedeihen laut Hose über 100 Pflanzenarten. Dazu gehören etwa die imposante Königskerze, der Natterkopf, die Mäuse-Greste, das Johanniskraut oder gleich mehrere Arten der Roten Mohnblume. Eine weit grössere botanische Vielfalt als auf einer durchschnittlichen Kuhweide. Hose hat keine Bedenken, dass die Natur auf der Brache leidet, wenn die Prostituierten und ihre Freier hier Einzug halten: «Das spielt sich ja alles auf einer begrenzten Fläche im Hintergrund ab.»

Sichtschutz soll «Situation lösen»

Der Blumenfreund selber zählt zur raren Spezies der Fussgänger an diesem Morgen. Einzig die Bewohnerinnen und Bewohner der angrenzenden Containersiedlung für Asylbewerber sorgen hin und wieder für etwas menschliche Regung auf dem Areal. Die im letzten Jahr eröffneten städtischen Unterkünfte bieten Platz für 140 Personen, darunter viele Familien mit Kindern.

Sind da nicht die Probleme vorprogrammiert, wenn das horizontale Gewerbe in der Nachbarschaft seine Arbeit aufnimmt? Man beuge dem vor, sagt Projektleiter Beat Käch vom städtischen Polizeidepartement: «Wir werden diese Situation sehr gut lösen können, indem wir einen Sichtschutz bauen.»

«Falsches Zeichen für aufstrebendes Quartier»

Am anderen Ende der Brache steht ein grosses Bürogebäude. Dort ist man überhaupt nicht begeistert über die geplante neue Nutzung der angrenzenden Brache: «Damit setzt die Stadt ein falsches Zeichen für dieses aufstrebende Quartier», sagt Daniel Frei, Mediensprecher des Bürobedarfsunternehmens «Witzig – The Office Company».

Sorgen um die Entwicklung der Gegend machen sich auch die etwas weiter entfernt lebenden Quartierbewohner. Es seien schon einige Anfragen gekommen, so Käch: «Diese Reaktionen verstehen wir gut. Wir bieten den Betroffenen jeweils an, dass wir sie gerne persönlich über das Konzept und den Ablauf informieren.»

Zusätzliche Gäste für die Beiz

Gar kein Problem mit den Strassenstrichplänen hat hingegen Jutta Kersten, die Wirtin der nahe gelegenen «Markthalle» an der Aargauerstrasse – der einzigen Beiz hier draussen. «Wenn der Verkehr zunimmt, könnte uns das ja zusätzliche Gäste bescheren», formuliert sie unbeschwert zweideutig. Im Lokal treffen sich Lw-Fahrer und Angestellte der umliegenden Bürogebäude und des Gemüselagers. In den Prostituierten und ihren Kunden sieht die Wirtin ein fideles zusätzliches Gästesegment: «Vielleicht kommen die Damen am frühen Morgen ja zum Frühstück. Das könnte ganz lustig werden.»

Ob lustig oder problembeladen, für die Stadt ist der Strichplatz in Altstetten ein Experiment und eine vorübergehende Nutzung. Ab dem Jahr 2025 soll ein neues Tramdepot gebaut werden. Schon ab Ende dieses Jahres in Betrieb ist die neue Tramlinie Zürich West. Sie verbindet den Escher-Wyss-Platz mit dem Bahnhof Altstetten und führt unter anderem durch die Aargauerstrasse. Das Strichgelände wird also auch mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen sein.

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