Schicksal

Blind, gelähmt und trotzdem voller Hoffnung

Bild: Daniel Andrés Egli

Sie spielt gerne Xylofon und geht gerne in die Kirche – Iniga Kunz.

Bild: Daniel Andrés Egli

Iniga Kunz ist Zeit ihres Lebens blind und gelähmt. Trotzdem kann sie immer wieder lachen. Jetzt hat sie sogar ein Büchlein über ihr Leben schreiben lassen. Über die Suche nach dem Glück in einem glücklosen Leben.

Das Leben ist ungerecht. Manchmal schlägt das Schicksal aber mit besonders grosser Wucht und Härte zu – unglaublich, tragisch. Umso bewundernswerter sind Menschen, die das Schicksal beinahe erschlug, und die trotzdem wieder aufgestanden sind und sagen können: Ja, eigentlich bin ich glücklich.

Mit der Welt per Du

Wann macht einen das Leben glücklich? Ein grosses Haus, gesichertes Einkommen oder ein teures Auto? Sicher Dinge, die jeder gerne hätte. Iniga Kunz hat all das nicht. Wenn man sie aber fragt, ob sie glücklich ist, gibt es für sie nur eine Antwort: Eigentlich gefällt mir alles!

Iniga Kunz, oder einfach Iniga, da Frau Kunz es vorzieht mit der Welt per Du zu sein, ist 55 Jahre alt. Sie verbrachte ihr gesamtes Leben in Zürich Wollishofen. Sie hat eine Schwester, die in St. Gallen arbeitet und die sie nur selten sieht. Sie hatte Männer, die kamen und gingen. Iniga ist eine ganz normale Frau in der Blüte ihrer Jahre. Sie spielt Xylofon, sie geht gerne in die Kirche und sie mag es, ihre Pfleger und Pflegerinnen ab und zu an der Nase herumzuführen. Iniga benötigt nämlich intensive Pflege. Schon ihr ganzes Leben lang. Und am Ende des Tages, wenn sie genug Xylofon gespielt hat, kommt diese Frage immer wieder hoch. Was ist der Sinn des Lebens? Warum ich?

Zwei Fehler, die das Leben prägten

Iniga kam im Jahre 1956 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester als Frühchen in Zürich zur Welt. An und für sich nichts Besonderes. Auch wenn Schwangerschaften mit Zwillingen nie einfach sind und Frühgeburten immer ein gewisses Risiko bergen.

Die ersten paar Tage schien noch alles gut zu gehen. Iniga und ihre Schwester kamen, nach der Geburt bei Frühchen völlig routinemässig, in einen Brutkasten. Doch niemand sollte ahnen, welche furchtbare Wendung Inigas Leben bereits nach wenigen Tagen nehmen sollte. Wer sollte ahnen, dass die paar wenigen Bilder, die Iniga als Neugeborenes durch ihre winzigen Augen aufnahm, die einzigen sein sollten, die sie in ihrem Leben je sehen würde.

Das Unglaubliche geschah: Durch zwei Fehler seitens des Spitalpersonals wurde Iniga blind und gelähmt. Im Brutkasten war die Wärmelampe zu hell eingestellt, was die Augen der beiden Mädchen folgenschwer schädigte und die Sauerstoffzufuhr war ungenügend, was bei Iniga eine cerebrale Lähmung auslöste. Nach nur wenigen Tagen war Inigas Leben entschieden. Sie würde nie weder gehen noch sehen können.

In einem modern eingerichteten Zimmer sitzen an einem grossen Tisch an die zehn Frauen im höheren Alter und essen zu Abend. Durch ein grosses Fenster fallen die Strahlen der untergehenden Sonne in den Raum und geben der Szenerie etwas Friedliches und Heimeliges. Einzig die herumwuselnden Pfleger, die Gehhilfen, die an der Wand lehnen, und der unverwechselbare Geruch nach Spital stören die Idylle ein wenig. Man vermag nicht ganz auszublenden, wo man sich befindet.

In der Abteilung B des Pflegezentrums Entlisberg in Zürich Wollishofen haben die Patienten Alzheimer und sind senil. Iniga ist nicht senil und sie hat kein Alzheimer. Iniga vergisst nichts und alles, was sie sagt, meint sie auch so. Jedenfalls meistens. Seit einiger Zeit hat sie eine Abmachung mit den Pflegern: Was Iniga zuerst sagt, das gilt! Manchmal straft sie sich nämlich sonst selber. Die Pfleger regen sich doch so schön auf, wenn Iniga einmal das eine und dann wieder das andere will. Schliesslich will man ja nicht vergessen werden. Will Iniga nicht, dass über sie bestimmt wird. Darum gibt es jetzt diese Abmachung. Wenn Iniga am Morgen lange warten muss, bis die Pflege ihr aus dem Bett hilft, wird sie manchmal schon etwas stinkig. Und dann antwortet sie vielleicht auf die Frage, ob sie in die Kirche wolle, auch mal mit einem Nein. Auch wenn sie genau weiss, dass sie diese Antwort in spätestens zwei Stunden wieder bereut. Iniga geht so gerne in die Kirche. Aber dann bleiben die Pfleger und Pflegerinnen hart. Was Iniga zuerst sagt, das gilt! Ohne Ausnahme.

Ein Büchlein über ihr Leben

Inga hatte schon immer einen Wunsch: Sie möchte ein Büchlein über ihr Leben schreiben. Das sei aber nicht möglich, weil sie blind sei. Jemand, der nicht blind ist und ein grosses Herz hat, ist der katholische Seelsorger Alfons Arpagaus. Er versprach Iniga, ihr diesen grossen Wunsch zu erfüllen. Nur ist so ein Büchlein von 33 Seiten keine Kleinigkeit und Arpagaus schob das gegebene Versprechen beinahe zwei Jahre vor sich her, bevor er mit der grossen Aufgabe begann. Es war für Iniga nicht so einfach, die Fragen von Alfons Arpagaus zu beantworten. Oft musste er ihr Fragen stellen, die sie nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten konnte. Denn diese Ja- oder Nein-Fragen waren so viel einfacher zu beantworten als die, die man so lange und ausführlich beantworten muss. Dieses Büchlein liegt nun vor.

Inigas Leben auf 33 schön gestalteten Seiten. Die grosse Frage nach dem «Warum?» konnte aber auch auf diesen vielen Seiten nicht beantwortet werden. Diese Frage wird niemals jemand beantworten können. Warum hat es gerade sie getroffen? Hätten die Spitalangestellten doch nur ein wenig besser aufgepasst! Was soll das bloss für ein Gott sein, der so etwas zulässt?

Bei aller Lebensfreude und Energie, die aus Iniga spriessen, ihr hartes Schicksal ist omnipräsent. Oft haderte sie. Beschuldigte die Pflege, die Angehörigen, den Seelsorger. Warum sie? Wie habe ich dieses Schicksal verdient?

Diese Phasen gehen aber auch immer wieder vorbei. Dann lacht Iniga wieder. Duzt die ganze Welt. Spielt während des Gottesdienstes ein Solo auf ihrem Xylofon. So unglaublich es klingt, eigentlich ist Iniga Kunz glücklich.

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