Die Nachricht klang auf den ersten Blick ganz versöhnlich: «Bistum Chur will Schwule und Geschiedene segnen», schrieben Schweizer Zeitungen Anfang des Monats. Die Idee: Wer geschieden, homosexuell, unverheiratet sexuell aktiv ist oder die Pille nimmt, soll während der Kommunion vor dem Priester die Arme verschränken. Damit würde die betreffende Person signalisieren, dass sie Brot und Wein nicht empfangen könne. Stattdessen würde der Priester diesen Leuten einen Segen spenden. Wobei nicht die Lebenssituation, sondern der jeweilige Mensch gesegnet werde. Diesen und andere Vorschläge machte das Bistum Chur in einer Umfrage gegenüber dem Vatikan.

Jüngst hat Bischof Vitus Huonder von sich reden gemacht, weil er im Gegensatz zu seinen Kollegen in der Schweizerischen Bischofskonferenz die aktuelle Anti-Abtreibungsinitiative zur Annahme empfahl. Dass dieser Bischof angesichts seiner mittelalterlich wirkenden gesellschaftspolitischen Ideale überhaupt an eine Segnung denken mag, ist nur vordergründig erstaunlich.

Protestappell gegen Bischofskonferenz

Ein empörter Geistlicher spricht von einer «neuen Stinkbombe», die Huonder habe platzen lassen. Die Initiantinnen eines Protestappells an die Adresse der Bischofskonferenz nennen den angeregten Segen «eine Art Trostpreis». «Wir empfinden es als zutiefst demütigend, unbescholtene Menschen von der Gemeinschaft auszuschliessen», schreiben die Initiantinnen. Das einzige Vergehen dieser Menschen sei, dass sie jemanden lieben, für ihre Sexualität Verantwortung übernehmen oder nach einer gescheiterten Beziehung noch einmal eine wagen würden.

2705 Personen haben den Appell an die Bischöfe innert weniger Tage unterzeichnet. Viele von ihnen stehen der römisch-katholischen Kirche nahe oder arbeiten gar für sie, darunter auch Geistliche.

Kopfschütteln erntet auch Huonders Absicht, die Ehevorbereitungskurse zu intensivieren. Dazu gehört auch, dass Paare nicht getraut werden sollen, wenn sie sich nicht klar zu einem Kinderwunsch bekennen. Wer also keine Kinder will, hat laut bischöflicher Meinung im Hafen der Ehe nichts verloren. Zugleich darf man aber die Beziehung nicht ohne Ehe weiterführen, weil das Konkubinat aus kirchlicher Sicht auch Sünde ist. Es bleibt also solchen Paaren offensichtlich nur, sich zu trennen und zölibatär zu leben.

Neues Bistum in Zürich

In der Frage eines neuen Bistums Zürich geht Huonder derweil brav den Dienstweg ohne offensichtliche Obstruktionspolitik. Nachdem die Zürcher Kantonalkirche ihr im Jahr 1990 eingereichtes Gesuch nach der Schaffung einer eigenen Diözese bekräftigt hatte, trafen sich deren Vertreter im Dezember mit Huonder. Dieser signalisierte angeblich seine Zustimmung zur Schaffung eines Bistums Zürich. Vergangene Woche traf Huonder in dieser Angelegenheit den Apostolischen Nuntius, nun wird das Anliegen auf offiziellem Weg nach Rom gelangen.

Doch die ersten dunklen Wolken trüben die allfällige Freude bei einzelnen Zürcher Katholiken. Mahnende Stimmen sehen die noch zu erschaffende Zürcher Bischofsmütze bereits auf dem Haupt des in Chur residierenden Generalvikars Martin Grichting. Dieser gilt als erzkonservativer Chefideologe und treibende Kraft des huonderschen Bistumsapparates. Wie wahrscheinlich dieses Szenario ist, hängt davon ab, ob der Vatikan bei der Bischofswahl Mitsprache gewähren wird. Die Zürcher Katholiken beharren in ihrem Gesuch jedenfalls auf eine solche – ob sie es durchsetzen können, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Huonder wollte Grichting bereits vor einigen Jahren als Weihbischof einsetzen, verzichtete aber 2011 nach heftigen Protesten aus den Bistumskantonen und dem Innern der Kirche darauf. Ein anderes Szenario geht davon aus, dass Huonder in drei Jahren abtreten wird und seinem Kronprinzen Grichting gerne sein Bistum vererben würde. Die Opposition, nicht zuletzt aus Zürich, wäre für diesen Fall programmiert.

Ideologe Grichting in Zürich ein rotes Tuch

Für viele Zürcher Katholiken ist Grichting nicht zuletzt deshalb ein rotes Tuch, weil er die kirchenstaatsrechtlichen Strukturen und damit die demokratisch organisierten Landeskirchen dezidiert ablehnt. Oder anders gesagt: Er war stets um einen möglichst schlechten Kontakt zu den staatlichen und staatsnahen Gremien bemüht.

Genau dies könnte einer Ernennung zum Bischof jedoch entgegen stehen, wie es kirchenintern heisst. Rom würde nie einen Kandidaten zum Bischof machen, der nicht die Fähigkeiten besitzt, sich mit den existierenden Gremien im Staat zu arrangieren.

Derweil bleiben die ideologischen Kanonen in Chur auf alles gerichtet, was Huonder und Grichting für falsch halten. Ganz egal, ob dazu auch unter katholischen Theologen andere Meinungen herrschen.