Der irritierende Bischof

Bischof Marian Eleganti lässt sich vom Zeitgeist nicht beirren

Marian Eleganti hat ein Zimmer seiner Wohnung in Dietikon in eine «Kapelle» umfunktioniert. Hier musiziert der Jugendbischof auch.

Marian Eleganti hat ein Zimmer seiner Wohnung in Dietikon in eine «Kapelle» umfunktioniert. Hier musiziert der Jugendbischof auch.

Der Zürcher Weihbischof Marian Eleganti steht wegen gesellschaftlicher Fragen in der Kritik. Die Zürcher Kirchenleitung hält ihn für reaktionär. Eleganti selbst fühlt sich in die Rolle des Bösewichts gedrängt. Eine Auseinandersetzung.

Die Zürcher Katholiken mögen ihren Bischof nicht. Fast immer, wenn Vitus Huonder sich zu gesellschaftlichen Fragen äussert, löst er einen Sturm der Entrüstung aus. So war dies Anfang Jahr, als Huonder die Segnung eines lesbischen Paares in Bürglen verurteilte. So war dies im Sommer, als er nach einem Auftritt in Fulda der Hetze gegen Schwule bezichtigt wurde.

In beiden Fällen stand Huonder ein Mann zur Seite, der 2010 zum Bischof geweiht worden und damals aus dem Nichts in der Öffentlichkeit aufgetaucht war. Er ist vielen ein Mysterium geblieben. Die Rede ist von Marian Eleganti. Weihbischof von Chur. Von der Bischofskonferenz mit Jugendfragen in der Deutschschweiz betraut. 60 Jahre alt. Wohnhaft in Dietikon.

Wer ist dieser Mann, der Dietikon quasi zum Bischofssitz gemacht hat, der als «konservativ», manchmal als «reaktionär» beschrieben wird und als Bischof der katholischen Jugendlichen Lebensberatung anbietet?

+++ Kontaktaufnahme: ein Anruf, eine Mail

Marian Eleganti ist einfach zu kontaktieren. Ein Anruf, eine Mail und schon steht die Einladung zum Gespräch bei ihm zuhause. Das ist nicht selbstverständlich angesichts der gehässigen Stimmung im Bistum Chur.
Die Schweizer Bischöfe nämlich – und mit ihnen Eleganti – gelten in Zürich als Ewiggestrige. Die gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Zürcher Katholiken kollidieren mit den Dogmen, hochgehalten von Chur. Und Chur ist für die Zürcher auch Eleganti, auch wenn er im Limmattal wohnt. Hier im Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren ist er bereits zum Gesprächsthema geworden.

Es ist nicht einfach, unbefangen auf einen Menschen zuzugehen, der aufgrund seiner Äusserungen und Haltung in der öffentlichen Meinung einen schlechten Ruf geniesst. Doch Marian Eleganti macht es einem einfach. Der Mann, der beim ersten Treffen die Eingangstüre des Pfarrhauses in Dietikon öffnet, lächelt freundlich. Dabei hätte man Journalisten gegenüber Reserviertheit, ja Misstrauen erwarten können. Zumindest lässt er sich nichts anmerken.

Hier steht er also, Marian Eleganti, der Bischof. Mittelgrosse Statur, schmales Gesicht, kleine Augen, spitze Nase, fliehendes Kinn. Seine weissen Haare kontrastieren mit der schwarzen Hose und dem schwarzen Rollkragenpullover. Um den Hals baumelt ein Kreuz an einer langen goldenen Kette.

Manchmal wirkt Marian Eleganti fast etwas scheu. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Im persönlichen Gespräch wird er sich umso resoluter zeigen, je ernster das Thema wird. Der Bischof kann sich wehren – verbal.

Das zeigt sich auch beim zweiten Gespräch, das er selbst angeregt hat. Der Grund: Marian Eleganti fühlte sich wiederholt falsch verstanden. Werde er zu Podien oder in eine TV-Sendung eingeladen, dann erhalte er immer die Rolle des bösen Geistlichen zugeteilt, beklagt er sich. Er erhalte so keine faire Chance zur Verteidigung.

Tage später wird er der Limmattaler Zeitung eine öffentliche Erklärung zukommen lassen, in der er sich entsetzt zeigt über «den flächendeckenden Shitstorm», dem Huonder ausgesetzt sei. Man könne doch nicht allen Ernstes glauben wollen, dass dieser «die Todesstrafe für homosexuelle Akte neu eingefordert hätte». Abgesehen von den Fehlern, die Huonder eingestanden habe, zeige dieser Fall exemplarisch auf, dass so viele in der Schweiz die katholische Kirche einfach falsch verstehen wollten. Eleganti vermisst den Respekt vor Andersdenkenden.

Sich verteidigen, das tut Marian Eleganti sehr stringent, so man ihn lässt. Er ist in seiner Meinung sicher, weiss sie sachlich präzise vorzutragen. Und er kennt die Argumente seiner Kritiker haargenau. Er hat Antworten parat. Die Beweisführung sitzt. Mit Behauptungen muss man Eleganti nicht kommen. Wer sich nicht auskennt in kirchlichen, theologischen, philosophischen, historischen, selbst gesellschaftlichen Fragen, wer sich nicht vorbereitet hat auf das Gespräch, der ist ihm unterlegen.

+++ Das muss man über den Konflikt wissen

Um Marian Eleganti als Bischof und Menschen erfassen zu können, müssen wir uns die aktuelle Situation vergegenwärtigen, in der sich die Zürcher Katholiken befinden.
Das Bild von Marian Eleganti ist nämlich geprägt vom Verhältnis der Zürcher zu «Chur». Die Rollen sind verteilt. Hier in Zürich die Modernen und Guten, dort am Bischofssitz in Chur die Altbackenen und Bösen, wozu auch Eleganti gerechnet wird.

Viele Priester begehren seit Jahren auf, weil sie den Graben zwischen Gläubigen und Bischof Huonder nicht mehr hinnehmen wollen und sie sich in die «innere Emigration» getrieben sehen. Die Stimmung beim Klerus ist derart schlecht, dass die Spannungen sogar schon die Zürcher Regierung beschäftigt haben. Auch die Führung der Zürcher Kirchensynode unter Benno Schnüriger begegnet dem Churer Bischof öffentlich mit Abneigung. Über Huonder sagte der Zürcher Synodalpräsident Benno Schnüriger 2011: «Wir müssen schauen, dass sein Einfluss auf den Kanton Zürich möglichst gering ist.» Am 9. März 2014 demonstrierten viele Gläubige für eine Abberufung Huonders – allerdings vergebens.

Die Bischöfe selbst – und mit ihnen Marian Eleganti – nehmen alle Kritik scheinbar stoisch entgegen. Von ihrer Haltung weichen sie für gewöhnlich um kein Jota ab. Diesen Sommer allerdings sah sich der Präsident der Bischofskonferenz, Markus Büchel, zum Einschreiten genötigt. Schwulenhetze – ob falsch verstanden oder nicht –, das ging ihm dann doch zu weit. Büchel entschuldigte sich ohne Wenn und Aber, während Huonder sind wand.

+++ Zürich hat genug vom Provisorium

Vitus Huonders und Marian Elegantis Diözese umfasst die Kantone Zürich, Graubünden, Glarus, Uri, Schwyz Obwalden und Nidwalden. Seiner Grösse entsprechend hat das Bistum Chur zwei Bischöfe. Vitus Huonder ist der Diözesanbischof, dem Marian Eleganti vom Papst als sogenannter Weihbischof zur Seite gestellt ist. Man könnte seinen Status als Hilfsbischof erklären, doch täte man seiner Bedeutung unrecht.

Man muss zudem wissen. Der Kanton Zürich (zusammen mit Uri Glarus, Obwalden und Nidwalden) wurde 1819 provisorisch dem Bistum Chur zugeteilt, nachdem das Bistum Konstanz erlosch, dem er zugeteilt war. Doch aus dem Übergang wurde nichts. Die Pläne der Zürcher Katholiken, sich von Chur abzuspalten sind fortgeschritten, doch ob der Papst dem Ansinnen je entsprechen wird, ist völlig offen.

Klar ist: Die Zürcher Katholiken fühlen sich als Sonderfall der Geschichte. Die regelmässigen Kontroversen um Huonder – in den 1990er Jahren waren es jene um Bischof Wolfgang Haas – bestärkt die Sezessionsbewegung in ihrer Haltung. Spaltung ist für Eleganti übrigens keine gute Konfliktlösung. Sein Stil ist nicht die Teilung, sondern die Überzeugung, dass zusammen gehöre, was schon zusammen ist.

All dies zeigt, dass sich Marian Eleganti mitten in einem gesellschaftspolitischen Richtungsstreit seiner Diözese befindet. Seine Position hat er deutlich gemacht: Er kann mit einigen für ihn publikumswirksam vorgetragenen Zürcher Positionen wenig bis nichts anfangen.

Streit um Segnung homosexueller Paare (SRF, Sternstunde Religion, 12.04.2015)

Streit um Segnung homosexueller Paare (SRF, Sternstunde Religion, 12.04.2015)

So eng verbunden sich Vitus Huonder und Marian Eleganti in Kirchenfragen sind, die besten Freunde sind sie deswegen nicht, wie aus verschiedenen Quellen zu erfahren ist. Dennoch zeigt sich Eleganti gegenüber Huonder loyal. Aber er lässt im zweiten Gespräch durchblicken, dass jener die Wirkung seiner öffentlichen Auftritte besser durchdenken müsste.

Nie wurde wirklich öffentlich, warum Eleganti die Leitung des Priesterseminars in Chur nach nur drei Jahren wieder abgab. Abgeben musste? Wenig später – im Juni 2014 – bezog er seine Wohnung im Limmattal. Es ist ein Zufall und dennoch symbolhaft: Dietikon ist am äussersten Rand des Bistums Chur gelegen. Weiter weg geht nicht. Doch nun lebt der Konservative mitten unter seinen kirchlichen Gegnern – er ist ihr Stachel im Fleische.

Doch in Marian Elegantis Leben ist und war so manches konflikthaft.

+++ Eleganti singt

Beim Besuch im Dietiker Pfarrhaus St. Josef in Dietikon bietet Marian Eleganti einen ersten Einblick in seine Welt. Der Jugendbischof ist entwaffnend offen, bietet eine Besichtigung der Wohnung an. Er zeigt Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gästezimmer und Büro. Und dann ist da noch das Zimmer, das wie eine Kapelle eingerichtet ist: Ein kleiner Altar, darüber von der Decke hängend die berühmte Dreifaltigkeits-Ikone von Dan Siluan, der über seine Geschichte als Bankräuber ein Buch geschrieben hat. An einer Wand hängt der gekreuzigte Jesus. Zwei Instrumente fallen auf: eine Akkordzither und eine Gitarre.

Eleganti spielt sogar auf beiden Instrumenten etwas vor; den gesungenen Psalm 66 erst, dann ein Lied, begleitet auf der Gitarre, das auch an einem Lagerfeuer vorgetragen werden kann. Plötzlich wird er wahrhaftig: «Der singende Bischof», wie er auch schon genannt wurde.

Wenn Bischof Eleganti singt, dann hat er diesen fröhlichen, fast unschuldigen Ausdruck im Gesicht und seine Augen leuchten. Das tun sie auch, wenn er über seine eigentliche Arbeit als Jugendbischof erzählt. Dafür wechseln wir ins Wohnzimmer.

+++ Der Jugendbischof und die Liebe

Wir nähern uns Marian Eleganti über dessen Tätigkeit an. Er erzählt darüber, wie viel Freude es ihm bereite, mit Jugendlichen einen Gottesdienst zu feiern. Zum Beispiel in Zürich immer am letzten Mittwoch des Monats in der Liebfrauenkirche. Elegantis Werbung für diesen Anlass: «Gestaltet von jungen Leuten für junge Leute. Erfahre die alte Kirche in neuer Frische und mach dir Gedanken über Gott, die Welt und dich.» Eleganti hat von den Evangelikalen gelernt, von den Multimediashows des International Christian Fellowship, ICF Zürich, zum Beispiel.

So predigt Marian Eleganti zur Frage: "Was ist das Leben?"

Auf seiner Internetseite Jugendbischof.ch präsentiert sich Eleganti auf einer Foto mit poppig-grüner Sonnenbrille. Der Bischof macht auf jung – und hat sichtlich Spass dabei. Seine Predigten können im Netz nachgehört werden, er ist bewandert mit den Sozialen Medien. Es gibt Video-Crashkurse in «Katholisch?».

Doch wozu ein Jugendbischof? Er ist von der Bischofskonferenz ernannt und dient als direkter Draht zu den jungen Gläubigen. Eleganti war am Anfang für die ganze Schweiz zuständig, heute für die deutschsprachigen Gebiete, weil ihm in den zurückliegenden Jahren als Regens die regelmässigen Anfahrtswege zu Sitzungen und Meetings in die Westschweiz zu weit waren.

Eleganti reist viel, auch in die Welt hinaus, nach Brasilien oder Bosnien oder nächstes Jahr nach Krakau, dorthin eben, wo sich gerade viele Jugendliche versammeln.

Kern seiner Mission ist die Seelsorge. «Ich versuche Jugendliche immer in eine Beziehung zu Christus zu bringen, und sie im Alltag die Spuren Gottes entdecken zu lassen», sagt Eleganti. Konkret bedeutet dies, er bietet Jugendlichen Lebenshilfe bei Fragen, die sie bewegen: Liebe, Sexualität, Ausbildung. «Ich helfe Jugendlichen, Entscheidungen zu treffen, indem ich sie unterstütze, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen.»
Eleganti sagt: «Es geht um die Gotteserfahrung.» Was er meint: Es gilt einen Weg zu finden, Gott zu spüren, einer inneren Stimme auf dem rechten Weg zu folgen. Was schwierig klingt, ist für Eleganti einfach: «Man erkennt, wenn Gott einen leitet.» Kein Wunder prangt auf Elegantis Wappen der lateinischen Spruch: «Cor ad cor loquitur» («Das Herz spricht zum Herzen»).

Ist das alles nicht etwas schwierig zu fassen, schwierig zu verstehen für Jugendliche? Eleganti wird energisch: «Nein. Der Mensch hat von Natur aus ein Gespür für Gut und Böse, Wahrheit und Lüge.» Er müsse nur wieder lernen, auf seine innere Stimme zu hören.

Und was ist mit der äusseren Stimme? Eleganti ist Benediktinermönch, lebt zölibatär. Wie kann er Jugendliche da beraten, wo es bei Jugendlichen doch vor allem um eines geht: Liebe, Partnerschaft, Sex? Eleganti: «Die Jungen vermitteln mir nicht den Eindruck, als hätte ich keine Ahnung vom Leben. Jugendliche haben einen guten Riecher dafür, ob jemand glaubwürdig ist oder nicht.»

Die Liebe. Davon ist auch ein Bischof nicht gefeit. Beim zweiten Gespräch kommt Marian Eleganti darauf zurück. Er erzählt von einer Liebe zu einer Frau. Das war noch vor der Priesterweihe, zu einer Zeit, in der er als Suchender durch die Welt wandelte. Aus der Liebe sei später Freundschaft geworden. Die Frau habe einen anderen geheiratet. Das Zölibat stellt Eleganti trotz seiner Erfahrungen nicht in Frage. Er verhehlt aber nicht, dass der Umgang mit den Gefühlen nicht einfach sei. Menschlich eben. Ein Priester und Bischof müsse damit umgehen können. Helfen würden Gespräche, Supervision. Doch Eleganti sieht seine Berufung als Mann der Kirche.

+++ Ein Leben geprägt von der Italianità

Der Weg dahin war für Marian Eleganti ein steiniger, einer mit Umwegen und Sackgassen.

Marian Eleganti wurde 1955 in Uznach geboren, als zweites von vier Kindern. Vater Eugen Eleganti führte ein Bauunternehmen, Mutter Irma den Haushalt. Die Elegantis haben italienische Wurzeln. Der Jugendbischof sagt selbst, die Italianità präge seinen Charakter. Er sei emotional, temperamentvoll, in Diskussionen impulsiv, bisweilen ungeduldig. Davon ist während der Gespräche nur andeutungsweise etwas zu bemerken. Er hält sich zurück, wird nie laut, doch man spürt, dass das Feuer der Emotion in ihm lodert.

Eleganti war nach eigenen Angaben ein Suchender, der in jungen Jahren eine «grosse Liebe zu Christus entwickelt» hat. Arzt oder Priester wollte er werden. Er wurde Priester. Er begann nach Abschluss der Matura 1974 mit einem Noviziat im Kloster Einsiedeln, brach ab. Sein Theologiestudium setzte Marian Eleganti 1977/78 in Rom fort, schloss es aber erst 1995 mit dem Master und 2003 mit dem Doktorat an der Universität Salzburg ab.

In Rom kam er auch in Kontakt mit einer umstrittenen, bisweilen kirchlich verbotenen, viel später aber anerkannten Laiengemeinschaft: Der «Familie Mariens». 1977 trat Eleganti ihr bei und gehörte ihr bis 1990 an.

+++ Verführt vom Pseudomystiker

An der Spitze der Gemeinschaft stand der suspendierte Priester Josef Seidnitzer. Der Tages-Anzeiger berichtete mehrmals von sexuellen Übergriffen von Seidnitzer an jungen Burschen, weswegen dieser mehrfach zu Haftstrafen verurteilt worden war.

In einem Interview mit der NZZ am Sonntag anlässlich seiner Ernennung zum Weihbischof sagte Eleganti: «Meine Beziehung zu Seidnitzer war immer schwierig. Am Schluss kam es zum offenen Bruch.» Darauf angesprochen bestätigt Marian Eleganti dies. Von den Übergriffen in der Vergangenheit Seidnitzers will er nichts mitbekommen haben. Er nennt Seidnitzer einen Pseudomystiker. Eleganti hatte eine Gemeinschaft gesucht und eine Art Sekte gefunden. Und er spricht davon, welche Krise diese Erkenntnis in ihm ausgelöst habe. Er sagt: «Es kam mir in der Seelsorge zugute, dass ich weiss, wie schnell man sich auf der Suche nach Wahrheit verirren kann.» An einem Jugendgottesdienst in Zürich sagte er: «Kehr um zum Herrn, wende dich der Liebe Gottes zu und glaube einfach, was der Herr sagt.»

Der Bruch mit Seidnitzer führte Eleganti in die Schweiz zurück. Er wurde Novize bei den Missionsbenediktinern der Abtei St. Otmarsberg in Uznach. 1995 wurde er schliesslich zum Priester geweiht, sein Jugendtraum ging in Erfüllung. 1999 wurde er Abt von St. Otmarsberg. Seit 2003 setzt sich Eleganti für Palliativmedizin ein. 2009 schliesslich, ernannte ihn der damalige Papst Benedikt XVI zum Weihbischof von Chur.

+++ Maria und der umstrittene Wallfahrtsort

Etwas ist Eleganti aus seiner Zeit bei der «Familie Mariens» geblieben. Seine spezielle Beziehung zu Maria, der «Muttergottes» wie sie im Volksmund heisst. Das wird im Wohnzimmer seiner Wohnung deutlich, wo eine grosse Marienstatue den Raum beherrscht und andere Devotionalien ausgestellt sind. Aber auch sein selbst gewählter Vorname Marian macht dies deutlich.

Die Marienverehrung gibt es in den christlichen Konfessionen in unterschiedlicher Ausprägung. Die Marienverehrung hat zwar in der katholischen wie orthodoxen Kirche einen hohen Stellenwert. Die katholische Kirche wacht diesbezüglich jedoch kritisch über Glaube und Aberglaube.

Es ist ein schmaler Grat. Elegantis Auftritt am Jugendfestival im Wallfahrtsort Medjugorje in Bosnien im September 2014 brachte ihm deshalb Kritik ein. Die Kirche hat nämlich die Echtheit der dortigen Marien-Erscheinungen nicht bestätigt, unterstützt aber die Betreuung der Millionen von Pilgern, die dorthin reisen. Die Bischofskonferenz erklärte gegenüber dem Tages-Anzeiger Eleganti habe nur seine Aufgabe wahrgenommen und Schweizer Jugendliche betreut.

Weihbischof Marian Eleganti am Jugendfestival in Medjugorje 2014

Weihbischof Marian Eleganti am Jugendfestival in Medjugorje 2014

Kirchenmedien zitierten Eleganti mit den Worten: «Ich glaube einfach nicht, dass so viele Menschen einer Täuschung erliegen. Es ist ja einfach nur der Glaube der Kirche, den wir hier verkünden und so ist die andere Frage, die Auseinandersetzung um Medjugorje schon fast ein bisschen sekundär.» Er sagt aber auch: «Man spürt hier schon allgegenwärtig die Mütterlichkeit Mariens.»

Doch wie steht es nun um Maria? Wir kommen darauf beim zweiten Treffen zu sprechen. Es sei doch normal, dass Maria eine ganz spezielle Rolle in der katholischen Kirche innehabe. Durch sie sei Gott Mensch geworden. Das verleihe ihr eine überragende Stellung innerhalb der Kirche.

+++ Die Homo-Ehe spaltet die Kirche

Um Marian Elegantis theologisches Denken zu verstehen, muss man mit ihm darüber reden, was die Kirche spaltet: Homosexualität, die Homo-Ehe. Das Strahlen im Gesicht des so freundlichen Marian Eleganti erlischt, er wirkt plötzlich etwas angespannt. Nicht, weil er sich der Diskussion entziehen möchte, sondern weil er das Thema der Homo-Ehe als zu aufgebauscht erachtet. Ständig werde er darauf angesprochen. Angesichts der Anzahl Homosexueller in der Schweiz sei das Thema zu dominant – als drehe sich in der katholischen Kirche alles nur um Homosexualität.

Es ist nicht so, dass er bereut, was er in den Diskussionen zum Thema Bürglen gesagt hat, wo Pfarrer Bucheli ein lesbisches Paar gesegnet hat, was diesem den Zorn der Schweizer Bischofskonferenz eintrug. Huonder verurteilte Buchelis Tat. Und Eleganti kritisierte das Verhalten des Pfarrers als «selbstgerecht und zutiefst illoyal». Aber Eleganti will, dass man seiner Argumentation folgen kann.
Wer Bischof Eleganti verstehen will, der muss bereit sein genau hinzuhören. Details entscheiden darüber, ob er als uneinsichtiger stockkonservativer Katholik abgelehnt wird, der Schwule und Lesben oder Geschiedene in Gewissensnot bringt. Oder ob er als dogmatischer Bischof akzeptiert wird, der sich an die geltende kirchliche Lehre hält. Für ihn ist diese keine Paragraphenreiterei sondern Glaubensinhalt.

Ein Abrücken von seiner Haltung kann Eleganti mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Damit wird klar: Der Konflikt ist so nicht lösbar. Entweder ist Eleganti im Gewissenskonflikt oder so mancher Gläubige gerät in Gewissensnot, etwa wenn er nach Scheidung und Wiederverheiratung von der Eucharistie ausgeschlossen wird oder wenn ein gläubiger Homosexueller heiraten will und dies nicht darf.

+++ Wir stossen zu Elegantis Werten vor

Unser Gespräch kippt vom Einzelfall ins Grundsätzliche. Wir stossen zu den zentralen Werten von Marian Elegantis Glauben und Denken vor.

Für Eleganti ist klar: Die Kirche stehe für bestimmte Werte. Beim Zöllibat genauso, wie bei der kirchlichen Haltung zur Homo-Ehe. Eleganti lehnt im Einklang mit der Bischofskonferenz die kirchliche Ehe gleichgeschlechtlicher Paare ab, akzeptiert aber die staatliche eingetragene Partnerschaft. Die Ehe sei per Definition eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Darüber hinaus hätten Kinder ein Anrecht auf eine Mutter und einen Vater.

Bei diesem Thema – er nennt es Genderismus – wird er emotional. Es will ihm nicht einleuchten, dass mittlerweile so viele nicht mehr akzeptieren wollen, wie unlogisch und wider die Natur solche Konstellationen sind. Erst recht, wenn es auch noch um Kinder geht. Ein Kind brauche für seine Entwicklung Vater und Mutter, für ihn eine Frage des Kindeswohls.

Er weiss, dass ihm solche Sätze negativ ausgelegt werden. Eleganti scheut den Diskurs nicht. Trotzdem ist er enttäuscht, wenn er Ablehnung erfährt.

+++ Zeitgeist, was ist das schon!

Die Lehre der Kirche ist für ihn nicht einfach nach Gutdünken (oder Zeitgeist) auslegbar und veränderbar. Katholizismus ist nicht einfach einmal so und einmal anders. Wer die Lehre der katholischen Kirche nicht (mehr) bejahen könne, müsse sich ehrlicherweise fragen, warum er katholisch bleiben möchte. Eleganti verweist auf die diversen Richtungen der evangelikalen Kirche. Es wirkt nicht einmal abschätzig.

Die wiederholte Forderung, die Bischöfe sollten nahe bei den Menschen sein, empfindet er in Bezug auf die Richtigkeit eines Standpunktes als «Leerformel». Nähe zu den Menschen bedeute nicht, deren Positionen und Lebensweisen zu übernehmen. Elegantis Reaktion: «Nur weil gesellschaftlich etwas stattfindet, muss es deswegen noch lange nicht erstrebenswert sein. Entwicklung ist nicht automatisch immer Verbesserung. Und man kann das reale Leben sehr wohl aus der Nähe kennen, ohne alles gut finden zu müssen.»

Natürlich, Auslegungen können geändert werden, auch in der katholischen Kirche. Doch das ist Sache des Papstes und aller Bischöfe, dazu werden Konzilien einberufen. Man ahnt es, so etwas dauert. Länger als den Gläubigen in der Schweiz lieb ist. So mancher Gläubiger will nicht warten.

+++ Mönch Martin zeigt: Es geht auch anders

Die katholische Kirche kann auch anders. Martin Werlen, der ehemalige Abt von Einsiedeln und Fahr, in dieser Funktion auch Mitglied der Bischofskonferenz, hat sich immer dezidiert für eine modern ausgelegte Kirche eingesetzt. Er war und ist ein allseits beliebter Kirchenvertreter und Hoffnungsträger. Anlässlich eines öffentlichen Gesprächs mit der Priorin des Klosters Fahr, Irene Gassmann, vom April, sagte der Benediktinermönch: «Die katholische Kirche ist in der Sackgasse, schon längere Zeit.» Wer in eine Sackgasse gerate, tue gut daran, nicht einfach sitzen zu bleiben und zu warten, bis sich die Umgebung verändere.

Er kritisierte, dass Traditionalisten mit dem Verweis auf den «Zeitgeist» jede Veränderung unterbinden wollten. Das sei auch in anderer Hinsicht gefährlich: «Denn wenn wir den Zeitgeist nicht kennen, reden wir ins Leere, an den Menschen vorbei.» Gefährlich werde es gar, wenn der Zeitgeist vergangener Jahrhunderte zur Tradition erhoben werde. Das führe zu einer erstarrten Kirche.

Der Religionssoziologe Christian Ruch sagte anlässlich einer TV-Sendung zum Fall Bürglen: «Ich bin auch nicht dafür, dass die katholische Kirche jedem Zeitgeist hinterherrennt, aber sie sollte in der Analyse, in der Wahrnehmung der Realität realistischer sein.»

Und: Für so viele der für Marian Eleganti unumstösslichen Sachverhalte, hat der Schweizer Theologe Hans Küng Auswege aufgezeigt – wenngleich er dafür über Jahrzehnte von der offiziellen katholischen Kirche geächtet worden ist.

+++ Die Kirche: ein Fels in der Brandung

Die katholische Kirche ist eine Institution. Gebaut auf einem Fels. Sie ist heute Kritik ausgesetzt von innen wie aussen, sie gleicht deshalb mehr einem Fels in der Brandung. Doch war sie das nicht schon immer?

2000 Jahre reicht ihre Tradition zurück. In dieser Zeit haben sich Imperien erhoben, sind Weltreiche zerfallen. Die katholische Kirche existiert noch immer. Papst Gregor VII hat den Machtkampf mit Kaiser Heinrich IV. gewonnen, die Reformation hat der katholischen Kirche nicht wesentlich geschadet. Und heute? Die Schweizer Gläubigen werfen ihr vor, kein Gehör mehr für die Lebensrealität der Gläubigen mehr zu haben und erzkonservativen Ansichten zu frönen.

Doch wer eine solche Geschichte hinter sich weiss, wer auf einem solchen Fundament der Macht steht, der verliert ob einer Brise Zeitgeist nicht die Bodenhaftung, den wirft ein bisschen Zeitgeist nicht aus der Bahn. Das ist die Haltung, mit der Bischof Marian Eleganti, der aktuellen Diskussion um die Homoehe, die Sakramente für Geschiedene oder der Heiratserlaubnis für Priester begegnet.
Marian Eleganti sagt: «Die Kirche ist grösser als der Zeitgeist.» Es ist ein Schlüsselsatz, der viel zum Verständnis des Jugendbischofs beiträgt.

+++ Dietikons Kirchenpräsident sagt: Nicht die Menschen müssen sich anpassen sondern die Kirche

Wer solche Ansichten vertritt, hat es nicht leicht. Auch im Limmattal nicht.

Der Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren ist mit seinen 15 000 Gläubigen der grösste in der Diözese Chur. Er ist nicht nur geografisch weit weg vom Bischofssitz sondern auch in seiner Haltung. Dietikons Kirchgemeindepräsident Karl Geiger beschreibt dies so: «Für Bischof Huonder und Weihbischof Eleganti hat sich die Gesellschaft der Kirche anzupassen, nicht die Kirche der Gesellschaft. Damit sind wir komplett anderer Meinung.»

Zu Eleganti persönlich will sich Geiger nicht äussern. Dann fügt er doch noch an. Er, Geiger, akzeptiere traditionelles Denken, aber man müsse eine eigene Meinung haben dürfen. Geiger ist der letzte, der sich diesbezüglich zurückhält: «Die Kirche muss sich bewegen, und zwar auf die Menschen zu, sonst hat sie keine Zukunft.» Geiger setzt diesbezüglich grosse Hoffnungen in den neuen Papst Franziskus.

Offiziell hat der Seelsorgeraum mit Eleganti nichts zu tun. Aufgaben sind ihm in Dietikon laut Geiger keine zugewiesen. Das Verbindende ist der Mietvertrag für die Wohnung, in der Eleganti wohnt, und die der Kirchgemeinde gehört.

Doch es ist auch so: Eleganti sucht als Jugendbischof den Kontakt zu den jungen Gläubigen in der Kirchgemeinde. Das kann ihm niemand verbieten, auch wenn es Gläubige gibt, die das gerne sähen. Eleganti nutzt seine Möglichkeiten, das zeigt ein Blick in dessen Agenda: Am 18. September bot er im Zentrum St. Josef einen Gesprächsabend unter dem Titel «Liebe, Leib und Leidenschaft» an. Regelmässig findet nun auch die zielgruppengerechte «Sonntagabendmesse für Ausschläferinnen und Ausschläfer» in Dietikon statt. Der Name: «Youth Sunday Evening».

+++ Eleganti will die Welt verändern

Von einem Jugendtag in Freiburg hat Bischof Eleganti ein grosses Holzherz mit nach Hause bekommen, das aus Puzzleteilen mit aufgemalten Sinnsprüchen besteht. Es liegt beim Besuch am Boden, harrt der weiteren Verwendung. Eleganti hat seine Freude daran und zeigt es vor. Vor allem ein Spruch hat es ihm angetan: «Nur wer anders denkt, kann die Welt verändern.» Eleganti irritiert.

Doch plötzlich wird klar: Wer sogenannt modern argumentiert, der kommt auf die Idee, Eleganti müsste sich bewegen und Veränderungen in der Welt der Kirche begrüssen. Das ist falsch gedacht. Die Gespräche machen deutlich: Nicht die Zürcher Katholiken sind in Elegantis Welt die Andersdenkenden, sondern vielmehr er selbst. Sein Ziel ist es die Welt zu verändern, zumindest diejenige in seinem Wirkungskreis. Als Jugendbischof hat er Einfluss auf die heranwachsenden Gläubigen. Sein Credo an die Jungen und Mädchen: «Erfahre die alte Kirche in neuer Frische.» Die alte Kirche, nicht die neue, für die Zürcher Katholiken beten.

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