Singing Christmas Tree
Bis es allen kalt den Rücken hinunterläuft

Der Eventorganisator André Kofmehl betreut den Singing Christmas Tree am Zürcher Werdmühleplatz seit 14 Jahren. Die Idee dafür stammt ursprünglich aus den USA.

Alfred Borter
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Die roten Mützen sind charakteristisch für die Sängerinnen und Sänger.zvg

Die roten Mützen sind charakteristisch für die Sängerinnen und Sänger.zvg

Der Singing Christmas Tree, vor 14 Jahren ins Leben gerufen, hat so grossen Erfolg, dass mittlerweile sogar Zürich-Tourismus mit dieser Attraktion in aller Welt wirbt, und so kommt es, dass Kamerateams auch aus dem USA, aus Russland, aus der Türkei und neuerdings aus Japan gekommen sind, um die spezielle Atmosphäre einzufangen.

Der studierte Jurist Kofmehl befasst sich hauptberuflich mit dem Schienenquietschen, dem er abhelfen will; er ist weltweit bekannt als chemisch versierter Tüftler, der eine Methode gefunden hat, wie sich die Reibung zwischen dem Rad einer Bahn oder eines Trams und der Schiene so verändern lässt, dass das lästige Kreischen vermindert oder gar behoben werden kann.

Es darf auch fetzig sein

Aber sein Hobby ist der Singing Christmas Tree, der am Werdmühleplatz in Zürich und vorher bei der Pestalozziwiese an der Bahnhofstrasse Hunderten von Kindern und erwachsenen Chorsängern eine Auftrittsmöglichkeit geboten und den Stadtbesuchern die Gelegenheit gegeben hat, beim Einkaufsbummel einige fröhliche oder besinnliche Augenblicke zu erleben.

Kofmehl betreibt nämlich auch ein Büro für Kulturpromotion, hat etwa an der Expo 2002 und später in der ganzen Schweiz zusammen mit dem Dirigenten und Musikpädagogen Michael Gohl Veranstaltungen unter dem Titel «Respect-sounds» mit Tausenden von Schülern organisiert. Er selber, der seit frühester Jugend vorwiegend im Familienrahmen Musikinstrumente gespielt und gesungen hat, hat sich zum Ziel gesetzt, vor allem den Lehrkräften nahezubringen, dass sie mit ihren Kindern wieder vermehrt singen sollten. Er stellt fest, dass der gemeinsame Gesang auch auf die Gruppendynamik in der Klasse einen positiven Einfluss hat.

Im Singing Christmas Tree kommen Schulklassen, ja ganze Schulhäuser zum Einsatz, aber nicht nur. «Was toll ist beim Singen», verrät Kofmehl, «ist, dass auch ein ‹Brummli› mitsingen kann.»

Am Schluss singt die Heilsarmee

Den Auftakt am Tag, wenn erstmals die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse eingeschaltet wird, macht jeweils der Soul- & Gospelchor Zürich, zum Abschluss singt die Heilsarmee Zürich Zentral. Jedes Jahr können auch mehrere neue Chöre mitmachen, und dabei entdeckt Kofmehl hin und wieder wahre Juwelen. Das Kinderjodelchörli Mosnang aus dem Kanton St. Gallen etwa hat mit Naturjodel die Zuhörerinnen und Zuhörer begeistert. «Da lief es manchem Zuhörenden kalt den Rücken hinunter», bemerkte er. Aber auch die allerliebsten Wylandmeisli aus Andelfingen, zum Teil nicht älter als vierjährig, haben sich in die Herzen des Publikums gesungen.

Die Chöre sollten mindestens zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger umfassen, aber auch hundertköpfige Chöre sind willkommen. Die Maximalzahl liegt bei einem Kinderchor bei 135. Zum Teil werden sie von einem kleinen Orchester begleitet, zum Teil wird die Instrumentalmusik im Playbackverfahren hinzugefügt. Was für Kofmehl zentral ist: Die Chöre müssen ein gewisses Niveau aufweisen. Was sie vortragen, ist weitgehend ihnen überlassen; traditionelle Weihnachtslieder sind eher wenige darunter. Wichtig ist, dass die Zuhörer beim Vortrag nicht gelangweilt werden: Daher darf es durchaus auch einmal fetzig sein.

Ursprünglich aus den USA

Die Idee stammt ursprünglich aus den USA. Der Conceptionist Beat Seeberger fand, es würde der Shopping-Meile Bahnhofstrasse gut anstehen, etwas Ähnliches anzubieten. Gesagt, getan: Kofmehl verwirklichte die Idee, zunächst bei der Pestalozzianlage, jetzt am Werdmühleplatz, ergänzt mit einem Weihnachtsmarkt. Dies hat einen schonen Nebeneffekt: Mit dem Glühweinstand lässt sich ein Teil der Ausgaben decken.

Kofmehl, der nächstes Jahr ins AHV-Alter kommt, denkt natürlich noch lange nicht aus Aufgeben. Der Singing Christmas Tree ist ihm ans Herz gewachsen. Ausserdem hegt er eine grosse Idee, die och der Realisierung harrt: Am 1. August 2012 wird im Gotthardmassiv der Vier-Quellen-Weg eröffnet, und da möchte er gerne 2000 Kinder aus dem Bereich der vier Flüsse Rhein, Rhone, Reuss und Ticino vereinigen, welche an den vier Ausgangspunkten dieser Flüsse singen. Die Idee wird umgesetzt, sobald sich ein Sponsor findet.