Bahnhofstrasse
Biologe entrüstet über geplante Baumfällungen an Bahnhofstrasse

Die Stadt hat vor, die verkrüppelten jungen Linden beim Bahnhof zu fällen und durch neue zu ersetzen. Und: Wegen der geplanten Sanierung sollen 72 weitere Bäume weichen. Das kritisiert ein Zürcher Pflanzenbiologe stark.

Marius Huber
Drucken
Diese Linden müssen bei den Bauarbeiten weichen.

Diese Linden müssen bei den Bauarbeiten weichen.

Keystone

Die Zürcher Bahnhofstrasse mag in vielerlei Hinsicht Weltspitze sein, aber bei der Lebenserwartung der Bäume schneidet sie schlecht ab. Am augenfälligsten wird das am unteren Ende, beim Hauptbahnhof. Dort siechen zwei Reihen junger Linden dahin, die erst vor etwa zehn Jahren gepflanzt worden sind. «Ein himmeltrauriger Anblick», sagt Lukas Handschin, Kommunikationsleiter von Grün Stadt Zürich. «Diese Bäume konnten sich nie richtig entwickeln.» Unter optimalen Bedingungen kann eine Linde bis zu 1000 Jahre alt werden. An der Bahnhofstrasse bringen es die ältesten Exemplare auf etwa 70 Jahre.

Die Stadt hat nun vor, die verkrüppelten Bäumchen beim Bahnhof zu fällen und durch neue zu ersetzen. Und sie geht noch viel weiter: 72 von insgesamt 177 Linden entlang der Luxusmeile müssen in den nächsten eineinhalb Jahren weichen. Auslöser ist die Erneuerung der Strasse (Ausgabe vom Mittwoch). Die Bäume seien aber in so schlechtem Zustand, dass sie demnächst ohnehin hätten ersetzt werden müssen, versichert das Tiefbauamt.

Unfug oder Notwendigkeit?

Der Zürcher Pflanzenbiologe Andreas Diethelm hält den Kahlschlag für «groben Unfug». Er widerspreche jeder gärtnerischen Vernunft. Denn es seien gerade die älteren Bäume, die an diesem unwirtlichen Standort noch die besten Überlebenschancen hätten. «Ich frage mich, ob in Zürich bei der Planung die Baumfachleute in die Ferien geschickt worden sind.» Hans-Jürg Bosshard, in Zürich verantwortlich für die Strassenbäume, wehrt sich: In vielen Fällen gehe es aus baulichen Gründen nicht anders.

Er versuche, im Rahmen der anstehenden Arbeiten das Optimum herauszuholen für die neu gepflanzten Bäume. Linden seien keine besonders widerstandsfähige Gattung. An der Bahnhofstrasse andere Bäume zu pflanzen, sei aus historischen Gründen nicht möglich - und weil die Linden dank des herrlichen Dufts beliebt seien. Die Luxusmeile ist für sie aber ein hartes Pflaster, darin ist Bosshard mit Diethelm einig.

Die Probleme beginnen laut Grün Stadt Zürich schon beim Klima: Wegen der steinernen Häuser wird es dort im Sommer mehrere Grad heisser als auf dem Land. «Die Bäume stehen im Dauerstress», sagt Kommunikationsleiter Handschin. Hinzu kämen die beengten Verhältnisse im Untergrund. Die Bahnhofstrasse sei untertunnelt und unterkellert, Tresorräume und Kabelstränge rauben den Linden den Platz. «Normalerweise wäre das Wurzelwerk eines Baumes gleich gross wie seine Krone», gibt Handschin zu bedenken.

Die ohnehin geschwächten Bäume sind an der Bahnhofstrasse weiteren Einflüssen ausgesetzt, an denen sie ersticken, verhungern und verdursten. Dazu gehören zum Beispiel Lieferwagen, die nah an die Stämme heranfahren. Selbst wenn die Wurzeln dabei keinen physischen Schaden nehmen, wird das Erdreich komprimiert. Die Folge: Die Bäume können über ihre Wurzeln nicht mehr atmen, der Wurzelstock verfault.

«Streusalz gibt ihnen den Rest»

Und dann ist da noch das Streusalz. Für den Biologen Diethelm ist es der Baumkiller Nummer eins. «Damit gibt man den Linden den Rest.» Es verdränge die Nährsalze im Wurzelbereich, verkruste die Böden und gelange als Gischt auf die Blätter, die verdorren und abfallen. Der Stadtrat hat zwar vor zwei Jahren entschieden, den Einsatz von Salz zu reduzieren. Die Bahnhofstrasse gehört aber zu jenen Zonen, die bei Minusgraden weiterhin konsequent gesalzen werden - zur Sicherheit der vielen Passanten.

Um die Linden künftig besser vor Umwelteinflüssen zu schützen, wird das Tiefbauamt im Rahmen der Bauarbeiten um alle Stämme runde, gusseiserne Gitter legen, die auf einem Fundament ruhen. Sie sollen den Druck der Autos abfedern. Diethelm kritisiert, das töne zwar gut, löse aber die wesentlichen Probleme nicht.

Die Eisengitter dienten als Abtropfsiebe für den Salzmatsch und als Aschenbecher für giftige Zigarettenstummel. Die Linden seien Lebewesen - was sie wirklich bräuchten, sei genug Platz zum Leben. Handschin von Grün Stadt Zürich gibt ihm im Prinzip recht. «An der Bahnhofstrasse dienen sie aber in erster Linie als grüne Kulisse, die keiner missen möchte.»

Aktuelle Nachrichten