Klar ist: Wer seinen Doktor in der Medizin macht, kommt oft schneller zum Ziel, als wer sich etwa mit dem Titel Dr. phil. schmücken möchte: Anstatt drei oder vier Jahren doktorieren angehende Ärzte oft nur ein paar Monate lang.

Das wird sich allerdings bald ändern. Diesen Sommer schliessen an den Schweizer Universitäten erstmals Medizinstudenten nach Bologna-System ab. In diesem Zusammenhang hat die Konferenz der Schweizer Uni-Rektoren (CRUS) schon 2011 die Richtlinien für Doktorate überarbeitet. Für Dissertationen in der Medizin haben sie neu einen Mindestaufwand festgelegt: Der Titel wird nur verliehen, «wenn nach dem Studienabschluss und einer Forschungstätigkeit von mindestens einem Jahr (oder gleichwertigem Umfang) eine schriftliche Arbeit vorgelegt wurde».

Ziel der CRUS war es eigentlich, einheitliche Vorgaben für alle Dissertationen in der Schweiz zu schaffen. Doch laut Generalsekretär Raymond Werlen gelang es nicht, die Medizin mit allen anderen Fachrichtungen unter einen Hut zu bringen. Schuld ist das Ausland. Der Dr. med. wird nämlich auch dort zu einfacheren Konditionen vergeben als andere Titel. «Wir hätten in der Schweiz nicht mit dieser Tradition brechen können, ohne unsere Studierenden zu benachteiligen», sagt Werlen.

Um dennoch einen Mindeststandard festzulegen, hat die CRUS im Sinne eines Kompromisses die Einjahresfrist für Mediziner beschlossen. Das sei mehr, als bisher verlangt werde, aber immer noch deutlich weniger als in anderen Fächern, sagt Werlen. Aus diesem Grund gilt der Dr. med. auch nicht als gleichwertig mit den Doktortiteln anderer Fakultäten.

Die Umsetzung der neuen Vorgabe ist den einzelnen Universitäten überlassen. An der medizinischen Fakultät in Zürich ist sie den Studenten bisher weitgehend ein Rätsel. «Für uns ist zwar klar, dass die Hürde nun höher ist. Was das für die Dissertation genau bedeutet, wissen wir aber nicht», sagt ein Student, der anonym bleiben möchte.

Was gilt jetzt?

Tatsächlich lassen die offiziellen Dokumente der Universität Zürich viel Interpretationsspielraum. In der neuen Promotionsverordnung für Mediziner steht nur, die Doktorarbeit dürfe frühestens ein Jahr nach Studienende eingereicht werden. Zum konkreten Arbeitsaufwand steht nichts. Auch das online verfügbare «Handbuch Dissertation» bleibt vage. Dort heisst es, dass eine Dissertation erfahrungsgemäss «zwischen einem und vier Jahren dauert». Ob die Jahre als Vollzeitaufwand oder berufsbegleitend gemeint sind, wird nicht klar.

Uni-Sprecherin Nathalie Huber sagt auf Anfrage sogar, die neue Regelung stelle gar keine höheren Anforderungen. Es handle sich lediglich um eine formale Anpassung. Die jungen Ärzte sind da jedoch anderer Meinung: «Ich bin froh, dass ich nicht nach der neuen Regelung dissertieren muss. Der Aufwand wäre viel grösser», sagt einer, der sein Studium in Zürich 2009 abgeschlossen hat. Heute steht er kurz vor Abschluss seiner Doktorarbeit. Da er sie parallel zum Berufseinstieg geschrieben hat, verzögerte sich der Abgabetermin. Den effektiven Aufwand schätzt er insgesamt aber auf drei oder vier Monate.

Obschon inzwischen vielerorts nach Bologna studiert wird, sind die Vorgaben für medizinische Doktorarbeiten international verschieden geregelt. Während in Deutschland ähnliche Regeln gelten wie hierzulande, gibt es etwa in Österreich, Tschechien, Ungarn oder den USA den Doktortitel gratis zum Studienabschluss. Aus diesem Grund ist der Schweizer Ärzteverband (FMH) schärferen Vorgaben gegenüber kritisch: «Für uns ist es wichtig, dass es keine Inländerdiskriminierung gibt», heisst es dort. Die Hürden sollten für Schweizer nicht höher sein als im Ausland.

Eine Frage des Ansehens

Diese Meinung teilt Urs Stoffel, Präsident des Zürcher Ärzteverbands. Er weist aber darauf hin, dass der Doktortitel in der Medizin heute nicht mehr notwendig ist, um einen Facharztausweis zu machen. Studenten, die sich für die Forschung weniger interessierten, könnten sich in der Praxis auch ohne Dissertation behaupten. Für die Studierenden an der Uni Zürich ist das schwer vorstellbar. Die Doktorarbeit wegzulassen, sei kaum eine Option, sagt einer: «Der gesellschaftliche Druck, den Titel zu führen, ist gross.» Ohne Doktor dürfte er nur noch «med. prakt.» vor seinen Namen schreiben. Ob man damit gleich angesehen sei wie als Dr. med., sei fraglich.