Zentralbibliothek Zürich
Bildschön über Jahrhunderte: «Hundert Zürcher Ansichten» zeigen den Wandel der Stadt

Schätze aus der Zentralbibliothek zeigen, wie Zürich und Umgebung sich gewandelt haben.

Matthias Scharrer
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 Predigerchor an der mittelalterlichen Stadtgrenze; Aquarell von Heinrich Maurer aus dem Jahr 1822.
4 Bilder
Alte Zürichbilder
 Aussicht vom Albis gegen Zürich, von Heinrich Keller, 1807.
 Blick auf das Belvoirgut, von Rudolf Weymann, 1841.

Predigerchor an der mittelalterlichen Stadtgrenze; Aquarell von Heinrich Maurer aus dem Jahr 1822.

Zur Verfügung gestellt

Zu ihrem 100. Geburtstag, der dieses Jahr gefeiert wird, hat die Zentralbibliothek Zürich (ZB) sich und geneigten Betrachtern ein schönes Geschenk gemacht: Der soeben erschienene Bildband «Hundert Zürcher Ansichten» zeigt, wie sich Zürich und Umgebung im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Zu sehen sind Bilder aus der Zeit zwischen 1540 und 1865, also vom ausgehenden Mittelalter bis zur Industrialisierung. Die Originale befinden sich in der ZB.

Bruno Weber, der dort während 35 Jahren die graphische Sammlung leitete, hat die 100 Bilder ausgewählt und im Buch mit aufschlussreichen Kommentaren versehen. Zu sehen sind neben Ansichten von Zürich auch solche von Winterthur und kleineren Zürcher Gemeinden, der Kyburg und des Rheinfalls. Als Appetithäppchen hier nun eine kurze Zeitreise durch die Jahrhunderte anhand von vier ausgewählten Bildern.

Um 1540

 Zürich um 1540: Der von anonymer Hand gefertigte Holzschnitt ist die älteste druckgrafische Abbildung Zürichs. 

Zürich um 1540: Der von anonymer Hand gefertigte Holzschnitt ist die älteste druckgrafische Abbildung Zürichs. 

Zur Verfügung gestellt

Die älteste druckgraphische Abbildung Zürichs entstand um 1540. Laut Weber stammt das anonyme Werk vermutlich von einem Wandkalender. Es zeigt die spätmittelalterliche Stadt am Fluss, umgeben von Stadtmauern, die im Norden bis zum heutigen Standort der ZB bei der Predigerkirche reichten. Im Süden begrenzte der Fröschengraben die Stadt. Er wurde im 19. Jahrhundert für den Bau der Bahnhofstrasse zugeschüttet, dem auch das mittelalterliche Kratz-Quartier zum Opfer fiel. Im Westen reichte Zürich bis zum heutigen Central, im Osten bis zum Zürichsee.

Der Zürichseeausfluss war vor dem Bau der Quaianlagen noch deutlich breiter als heute. Ruderkähne mit und ohne Segel zeigen die Bedeutung des Gewässers als Verkehrsweg an. In der Limmat sind Stege mit Bauten zu sehen, zu denen Wasserräder gehörten. Beim Seeausfluss steht der Wellenbergturm mitten im Wasser. Er diente jahrhundertelang als Gefängnis. Die Stadt ist umgeben von Weinbergen. Links vom Lindenhof ist das Oetenbachkloster zu erkennen. Es wurde 1902 für den Bau der städtischen Amtshäuser abgerissen. Das Grossmünster hatte noch spitze Turmdächer, die später nach einem Brand ersetzt wurden.

1795

 Die Limmat als Handelsweg: Stadtansicht des Malers Johann Jakob Aschmann aus dem Jahr 1795. 

Die Limmat als Handelsweg: Stadtansicht des Malers Johann Jakob Aschmann aus dem Jahr 1795. 

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Auf einem Bild des Thalwiler Malers Johann Jakob Aschmann aus dem Jahr 1795 ist reger Verkehr von Handelsschiffen mit Brennholz und Fässern auf der Limmat zu sehen. Das Grossmünster hat bereits die heutigen Spitzhauben. Auch das 1698 fertiggestellte Rathaus mit seinem Schiffstunnel existiert bis heute. Sieben Jahre nach dieser friedlichen Stadtansicht malte Aschmann ein ganz anderes Bild Zürichs: Es zeigte, wie die Stadt im Kampf um den französischen Revolutionsexport 1802 bombardiert wurde.

1849

 Romantisches Zürich, gemalt von Heinrich Siegfried 1849 aus der Perspektive des Feuerwächters. 

Romantisches Zürich, gemalt von Heinrich Siegfried 1849 aus der Perspektive des Feuerwächters. 

Zur Verfügung gestellt

Nach Aschmanns kühler zeichnerischer Präzision der Aufklärung malt Heinrich Siegfried 1849 ein romantisches Zürich: Am Horizont leuchten die schneebedeckten Alpen im Sonnenaufgang. Zürich erwacht. Und wächst. Die mittelalterlichen Stadtmauern sind längst gefallen, die Stadt breitet sich aus. Beim Bauschänzli steuert eines der ersten Dampfschiffe auf den Zürichsee zu und lässt den Hafen beim heutigen Sechseläutenplatz links liegen. Erkennbar ist auch der damals tägliche Gemüsemarkt auf der Rathausbrücke, die deshalb auch Gemüsebrücke heisst. Siegfried gestaltete das Bild aus der Perspektive des Feuerwächters, der vom Turm der St. Peter-Kirche aus aufpasste, dass Zürich nicht brannte.

1856

 Das Eisenbahnzeitalter hat begonnen: Durchs Limmattal und über das 1856 eröffnete Bahnviadukt zuckeln Dampfzüge. 

Das Eisenbahnzeitalter hat begonnen: Durchs Limmattal und über das 1856 eröffnete Bahnviadukt zuckeln Dampfzüge. 

Zur Verfügung gestellt

Johann Baptist Isenring malte 1856 ein für die damalige Zeit sensationelles Bauwerk ab. Das Eisenbahnzeitalter hatte begonnen. Und nachdem die Spanisch-Brötli-Bahn seit 1847 durchs Limmattal zwischen Zürich und Baden hin und her zuckelte, gab es nun einen bahntechnisch bedeutenden Neubau zu bestaunen: das Bahnviadukt, das in Wipkingen über die Limmat führte. Mit ihm wurde die Strecke von Zürich über Oerlikon und Winterthur zum Bodensee fertig. Die Stadt wuchs fortan noch schneller. Der Erddamm, auf dem die Bahn zum Viadukt fuhr, wurde 1895 abgebaut. Auf ihm entstand die Röntgenstrasse. Die Limmatbrücke wurde 1898 ersetzt. Die Wiesen und Felder wichen Wohn- und Industriequartieren.