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Bilderschatzkiste geht online – und ermöglicht Zeitreisen durch das alte Zürich

Die neu online greifbaren Bildbestände des Baugeschichtlichen Archivs laden ein, die Geschichte der Stadt Zürich zu erleben.

Matthias Scharrer
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Fotos aus dem Baugeschichtlichen Archiv Zürich.
6 Bilder
Aus der Blütezeit des Historismus: Ein als Kaiser Friedrich II. Verkleideter reitet beim Sechseläuten-Umzug 1891 mit.
Die Rudolf-Brun-Brücke im Jahr 1911.
Von 1865 bis 1962 stand neben dem Rathaus die Fleischhalle. Jahrzehnte nach ihrem Abbruch lancierte die Stadt Zürich gleichenorts das 2014 realisierte temporäre Projekt Hafenkran, um eine städtebauliche Debatte über diesen Freiraum auszulösen.
Der Abbruch der Papierwerd im Jahr 1950 lockte viele Zuschauer an.
Auf dem Limmatquai verkehrt das Rösslitram. Im Hintergrund sind die Schlote der alten Escher-Wyss-Fabrik am Neumühlequai beim Stampfenbach erkennbar. Das Foto entstand gegen 1890.

Fotos aus dem Baugeschichtlichen Archiv Zürich.

Baugeschichtliches Archiv Zürich (BAZ)

Es ist, wie wenn man eine Schatzkiste öffnet: Seit dieser Woche sind die Bildbestände des Baugeschichtlichen Archivs der Stadt Zürich (BAZ) online gratis verfügbar. Dies sei als Beitrag zur Open-Data-Strategie der Stadt zu sehen, teilte das Amt für Städtebau mit. In der Schatzkiste sind über 100'000 gut sortierte Fotos. Sie dokumentieren die Geschichte der Stadt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Im Fokus des BAZ stehen Gebäude. Doch nebenbei geben die Bilder auch Einblicke ins Alltagsleben im öffentlichen Raum.

Gibt man etwa den Suchbegriff «Limmat» ein, gefiltert mit «Aussenaufnahmen», so erscheinen 518 Bilder. Sie zeigen grösstenteils die Gegend rund ums Limmatquai. Doch Langeweile kommt beim Betrachter nicht auf, denn während er sich durch die Fotos klickt, begibt er sich auf eine so bisher nicht mögliche visuelle Zeitreise.

Irritierend erscheint beispielsweise eine undatierte Nachtaufnahme vom Limmatquai, die der Fotograf Gottfried Gloor etwa 1938 von der Bahnhofbrücke aus gemacht hat. Auf diesen Zeitpunkt deutet die Stumpenreklame in der Bildmitte hin, die mit dem 100-Jahr-Jubiläum einer 1838 gegründeten Tabakfabrik warb. Irritierend ist das Bild aber aus einem anderen Grund: Es zeigt eine Häuserinsel inmitten der Limmat, die es heute so nicht mehr gibt – die sogenannte Papierwerd. 1950 wurde sie abgebrochen, was mit einem weiteren spektakulären Foto dokumentiert ist. 1960 entstand gleichenorts das heute von Coop genutzte Globus-Provisorium. Der Insel-Charakter ging dabei verloren, denn ein Limmatarm wurde trockengelegt und zur Autounterführung. Ein Foto mit Fokus auf die Rudolf-Brun-Brücke von 1911 zeigt die alte Häuserinsel von der anderen Seite. Auf der Brücke mischen sich Fussgänger, Handkarren und Oldtimer. «Schritt fahren», mahnt ein Verkehrsschild am Zugang zur Brücke. Im Hintergrund wirbt das Kino Radium.

Blütezeit des Historismus

Die Zeitreise führt immer weiter in entlegene Zeiten und Themen. So ist zu sehen, wie beim Sechseläuten 1891 das Volk einem als Kaiser Friedrich II. verkleideten Reiter zujubelt. Es ist ein Bild aus der Blütezeit des Historismus: 1891 fand auch erstmals die Bundesfeier statt, die sich auf die angebliche Gründung der Schweiz im Jahr 1291 bezog. Friedrich II. wiederum konnte als Vorreiter der Zürcher Zunftherrschaft gefeiert werden: Unter ihm wurde Zürich im Jahr 1218 reichsfrei.

Ein verschwundener baulicher Akzent am Limmatquai taucht mit der 1865 erstellten und 1962 abgebrochenen Fleischhalle neben dem Rathaus auf. Und natürlich darf auch das Rösslitram bei dieser Zeitreise entlang der Limmat nicht fehlen, etwa auf einem undatierten Foto, das gegen 1890 entstanden sein dürfte. Das von einem Pferd gezogene Tram verkehrte in Zürich von 1882 bis 1900. Im Hintergrund sind die Fabrikschlote der alten Escher-Wyss-Fabrik am Neumühlequai zu sehen. Erst in den 1890ern baute Escher-Wyss den neuen Standort beim heutigen Escher-Wyss-Platz in Zürich-West.