Mittagszeit im Schulhaus Leutschenbach: Gestaffelt nach Altersklassen kommen die Schülerinnen und Schüler zur Essensausgabe. Manche spielen auch erst noch eine Partie Billard oder Ping-Pong, andere tollen draussen herum. Das Schulhaus Leutschenbach ist eine von fünf Pilotschulen, in denen die Stadt Zürich seit den Sommerferien das Projekt «Tagesschule 2025» erprobt.

Es zielt darauf ab, Tagesschulen in Zürich flächendeckend einzuführen, wie Stadtrat Gerold Lauber (CVP) gestern vor den Medien bekräftigte. Er hatte zur Medienorientierung über die erste Zwischenbilanz nach 100 Tagen geladen. Doch bevor hier niedergeschrieben wird, wie Lauber und seine Leute ihr Projekt erwartungsgemäss nicht in die Pfanne hauten, sollen Schulkinder zu Wort kommen.


Der 8-jährige Samir hat sich gerade zum Mittagessen gesetzt. Am Buffet bediente der Zweitklässler sich mit Reis, Salat und Sauce. Die Schüler können selber auswählen, was sie aus dem Menuangebot herauspicken. Samirs Fazit nach knapp 100 Tagen Tagesschule: «Es macht Spass, weil ich gerne Pingpong spiele.» Das Freizeitangebot innerhalb der Schule hat es ihm offenbar angetan.

Der 8-jährige Samir (Bildmitte) geniesst das Essen in der Schule mit seinen Kollegen. Im Hintergrund Stadtrat Gerold Lauber (mit rot gestreifter Krawatte)

Der 8-jährige Samir (Bildmitte) geniesst das Essen in der Schule mit seinen Kollegen. Im Hintergrund Stadtrat Gerold Lauber (mit rot gestreifter Krawatte)


Etwas durchzogener fällt die Bilanz des 14-jährigen Amin aus, der im Leutschenbach die dritte Sekundarschulklasse besucht: «Positiv ist, dass man über Mittag nicht mehr extra heimgehen muss. Negativ ist, dass wir weniger Mittagspause und nicht mehr so viel Freizeit haben.» Auch den Lärm beim Mittagessen spricht Amin an: «Es ist laut, wenn über 100 Leute auf einmal da sind.» Die Schüler seien angehalten, beim Essen keine Extrageräusche zu machen, zum Beispiel nicht auf den Tisch zu hauen.erden.

Der Essensraum ist mit Schallschutz-Stellwänden unterteilt. Hinter einer davon lässt sich eine Gruppe 14-jähriger Sekundarschülerinnen nieder. Eine davon ist Tiana. «Eigentlich ist es gar nicht so anders als früher», fasst sie ihre bisherigen Erfahrungen zusammen. «Man lernt sich einfach besser kennen.» Nach kurzem Nachdenken fügt sie an: «Meine Mutter hat manchmal Sehnsucht nach mir – und ich auch etwas nach ihr.» Dennoch überwiege aus ihrer Sicht das Positive an der Tagesschule. «Man wird auch schulisch stärker», sagt sie und verweist auf die Möglichkeit, unter Betreuung von Lehrpersonen Hausaufgaben zu machen.


Schulleiter Claude Saladin führt durch die Räume, in denen sich die Schüler über Mittag tummeln. Nebst den Essräumen gibt es eine Sofaecke, in der auch Handygebrauch erlaubt ist, ein Zimmer mit Tischtennis, einen Tischfussballkasten, einen Billardtisch und einen Ruheraum, in den sich Kinder für ein Nickerchen zurückziehen können. Auch die Bibliothek und die Turnhalle zählen zu den Aufenthaltsräumen, zudem einige Schulzimmer, in denen Hausaufgaben gemacht werden können. In allen offenen Räumen ist eine Lehr- oder Betreuungsperson anwesend.


Für sechs Franken pro Mahlzeit erhalten die Schüler vom Kindergarten bis zur Sekundarschule an den Tagen mit Nachmittagsschule ihr Mittagessen im Schulhaus. Die Mittagspause wurde bei der Einführung der Tagesschule von 110 auf 80 Minuten verkürzt. Sie dient nebst dem Essen auch für Freizeitangebote. Nach der Unterrichtszeit können Eltern wie in einem herkömmlichen Hort Betreuung bis 18 Uhr buchen.


Hohe Einsatzbereitschaft der Lehrer


Saladin zeigt sich überrascht über die grosse Bereitschaft der Lehrpersonen, auch über Mittag Betreuungsarbeit zu leisten. «Wir müssen aber noch Lösungen finden, damit die Gesamtbelastung nicht zu gross wird», so der Schulleiter. Lärm erwies sich laut Lauber in allen fünf am Pilotversuch beteiligten Schulen als Problem. Auch diesbezüglich laufe die Suche nach Lösungen, etwa durch abgetrennte Räume. Insgesamt zeigt sich der CVP-Stadtrat mit dem bisherigen Verlauf des Pilotversuchs zufrieden: «Die Angst, dass der Staat den Eltern ihre Kinder wegnehmen würde, erwies sich als unbegründet. Das Angebot stösst auf hohe Akzeptanz.»

Weniger als zehn Prozent der Kinder seien beim Pilotstart abgemeldet worden.
Seither hat Projektleiterin Mylène Nicklaus in den fünf Pilotschulen 22 nachträgliche Anmeldungen und 9 Abmeldungen verzeichnet. Die nachträglichen Anmeldungen von Kindern, die unbedingt auch noch in die Tagesschulen wollten, habe man aus Kulanz akzeptiert. Bei den Abmeldungen, die eigentlich während des Schuljahres ebenfalls nicht möglich wären, handle es sich um Fälle, in denen Eltern das Anmeldeformular offenbar falsch verstanden hätten.


Der Zürcher Stadtrat will den Pilotversuch 2018 auf weitere Schulen ausweiten, sofern der Gemeinderat das nötige Geld bewilligt. Längerfristig verspricht sich Lauber von Tagesschulen Sparpotenzial gegenüber dem heutigen System, in dem die Gemeinden nebst der Schule bedarfsgerechte Betreuungsangebote wie Horte zur Verfügung stellen müssen.


Kanton will Tagesschulen fördern


Mit Interesse verfolgt man den Stadtzürcher Pilotversuch auch in der kantonalen Bildungsdirektion, ist doch die Förderung von Tagesschulen eines der Legislaturziele des Regierungsrats. Die Vernehmlassung zu einer entsprechenden Änderung des Volksschulgesetzes ist seit Juli abgeschlossen, die Auswertung läuft noch.

«In der Tendenz wurde die Gesetzesänderung weitgehend positiv aufgenommen», sagt auf Anfrage Marion Völger, die Chefin des kantonalen Volksschulamts. «Die Bedürfnisse sind aber je nach Gemeinde sehr unterschiedlich.» Deshalb wolle der Kanton auf dem eingeschlagenen Weg fortschreiten. Die angestrebte Gesetzesänderung, die nächstes Jahr in den Kantonsrat kommt, schafft eine gesetzliche Grundlage für Tagesschulen. Sie überlässt es aber den Gemeinden, ob sie das Angebot einführen wollen.