Zürcher Gewaltschutzgesetz
Bilanz nach 10 Jahren: Noch immer rufen Opfer aus Furcht nicht die Polizei

Seit zehn Jahren gilt das Zürcher Gewaltschutzgesetz: Die Kantonspolizei Zürich zieht grundsätzlich eine positive Bilanz. Da aber noch immer viele Betroffene aus Angst vor ihrem Partner von einem Anruf an die Polizei absehen, wird nun eine neue Sensibilisierungs-Kampagne lanciert.

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Mit der Kampagne "Stopp Häusliche Gewalt" will die Kantonspolizei Zürich Betroffene ermutigen, sich so früh wie möglich zu melden. (Gestellte Aufnahme)

Mit der Kampagne "Stopp Häusliche Gewalt" will die Kantonspolizei Zürich Betroffene ermutigen, sich so früh wie möglich zu melden. (Gestellte Aufnahme)

Keystone

Am 1. April 2007 trat im Kanton Zürich das Gewaltschutzgesetz (GSG) in Kraft, das insbesondere in Fällen von häuslicher Gewalt greifen soll. Seit zehn Jahren können die Zürcher Polizisten damit gegenüber Gewalttätigen unter anderem kurzfristig Kontakt- und Rayonverbote aussprechen.

Mit dieser Schutzmassnahme, die vorerst für 14 Tage gilt und ohne Strafanzeige möglich ist, soll das Opfer geschützt und die Situation zwischen den Betroffenen beruhigt werden.

Damit wird nicht mehr wie früher das Opfer aus seinem Umfeld gerissen und in eine sichere Institution gebracht: Heute gelte das Motto, "wer schlägt, der geht", sagte Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Zürcher Kantonspolizei, am Mittwoch vor den Medien.

Zudem ist das kantonale Bedrohungsmanagement aufgebaut worden. In diesem Netzwerk arbeiten verschiedene Behörden, Opferhilfestellen und weitere Institutionen eng zusammen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde laut Brunner stetig verstärkt und optimiert.

Wirkungsvolle Massnahmen

Eine Studie des kriminologischen Instituts der Universität Zürich zeigt "eine positive Wirkung der Massnahmen", wie Rahel Ott von der Kapo-Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt sagte.

So gaben neun von zehn befragten Opfern ein Jahr nach dem Vorfall an, dass sich ihre Situation dank der angeordneten Massnahme verbessert habe. Ebenso viele sagten denn auch, dass sie die Polizei in einem ähnlichen Fall wieder alarmieren würden. "Drei Viertel meinten gar 'auf jeden Fall'."

Aufschlussreich ist gemäss Studie auch, weshalb die Opfer die Polizei alarmiert haben: Die Bestrafung des Täters steht demnach nicht im Vordergrund - lediglich 18 Prozent gaben dies als Grund an.

Deutlich häufiger wünschten sich die Opfer, die in der Befragung mehrere Antworten geben konnten, eine Ende der Gewalt (69 Prozent), Schutz (65 Prozent), eine Problemlösung (41 Prozent) und den Schutz von Kindern und anderen Personen (24 Prozent).

Allerdings zeigte sich in der Studie auch, dass sich viele gar nicht erst an die Polizei wenden. Die meisten von ihnen, die auf eine Alarmierung verzichten, haben Angst vor dem Täter, schämen sich oder glauben, die Situation selber in den Griff zu kriegen.

"Das wollen wir ändern", sagte Brunner. Mit der Kampagne "Stopp Häusliche Gewalt" will die Kantonspolizei Zürich Betroffene ermutigen, sich so früh wie möglich zu melden. "So kann rechtzeitig geholfen werden, und es können schwerwiegende Gewalttaten verhindert werden", heisst es in einer Mitteilung der Polizei.

Ein Dutzend Fälle am Tag

Gewalt in partnerschaftlichen und familiären Beziehungen kommt gemäss Brunner "in allen Altersstufen, Kulturen und sozialen Schichten" vor.

Pro Tag rücken die Zürcher Polizeien über ein Dutzend Mal wegen häuslicher Gewalt und Familienstreitigkeiten aus: 2016 wurden insgesamt 5037 Vorfälle registriert. Bei jedem fünften davon wurden Schutzmassnahmen angeordnet. Gemäss der Studie sind 90 Prozent der Opfer weiblich, 93 Prozent der Täter sind männlich.

Schutzmassnahmen werden vor allem in bestehenden Partnerschaften (53 Prozent) oder nach deren Ende (31 Prozent) verhängt. In jedem zehnten Fall wird Gewalt in einer Eltern-Kind-Beziehung angewandt - wobei die Gewalt etwas häufiger vom Kind als von den Eltern ausgeht. Konflikte unter Geschwistern, in der Verwandtschaft oder in Wohngemeinschaften machen den Rest der Fälle aus (6 Prozent).