Zürich
Biedermann als Brandstifter - 50 Jahre Hottinger Telefondesaster

Vor 50 Jahren legte ein Feuer in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich rund 30'000 Telefonanschlüsse lahm. Was uns heute als Lappalie erscheint, war damals ein Desaster von historischem Ausmass. Es machte bis über die Landesgrenze hinaus Schlagzeilen - auch dank einem Brandstifter, den man irgendwie verstehen konnte.

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Der Monteur des Telefonamtes, Fritz Hürlimann, der am 22. Februar 1969 absichtlich ein Feuer in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich gelegt hat, vor dem Zürcher Obergericht Anfang November 1969.
8 Bilder
Hier sind die Wiederherstellungsarbeiten durch die Telefonmonteure in vollem Gange, aufgenommen im März 1969.
Ein stark in Mitleidenschaft gezogenes Schaltpult.
Durch den Brand in der Telefonzentrale Hottingen waren viele Verbindungen unterbrochen, weshalb in der Fraumünsterpost ein reger Andrang auf die Telefonkabinen und Telexapparate enstand, aufgenommen am 26. Februar 1969
Biedermeier Brandstiftung
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, warennach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, waren nach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, waren nach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.

Der Monteur des Telefonamtes, Fritz Hürlimann, der am 22. Februar 1969 absichtlich ein Feuer in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich gelegt hat, vor dem Zürcher Obergericht Anfang November 1969.

Keystone

"Biedermann als Brandstifter" titelte die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit". Der Täter Fritz Hürlimann war ein als hochanständiger und hilfsbereit geschilderter vierfacher Vater, Abwart und Monteur in der Telefonzentrale Hottingen. Gleich nachdem er das fatale Streichholz entzündet hatte, schickte er seinen ältesten Sohn mit dem Velo zur Polizeiwache, damit diese die Feuerwehr benachrichtige. Telefonieren ging ja nicht.

Danach machte sich der 46-Jährige selber mit dem Taxi auf zur Hauptwache, wo er gelassen ein minutiöses Geständnis ablegte. Hürlimann hatte rund 20 Jahre bei der damaligen PTT gearbeitet, die Hälfte davon in Hottingen. In der Zeit machte er kaum Karriere. Seine Vorgesetzten hätten ihn gedemütigt und schikaniert, erzählte er. Als man ihm dann auch noch einen jungen Schnösel als Chef vor die Nase setzte, war seiner Meinung nach genug Heu unten.

Vorher noch ein Jass und ein Schoppen

Er überlegte sich eine Woche lang, wie er seinem Arbeitgeber am besten schaden könnte und entschied sich für einen Brandanschlag. Am arbeitsfreien Samstag sollte es geschehen, damit keine Menschen zu Schaden kämen. Am Freitagabend verteilte er zwölf Kilo Putzlumpen in den Verteilerkästen und stellte 15 Liter Benzin parat. Dann ging er in seine Stammkneipe auf einen Jass und einen Schoppen und legte sich ins Bett.

Er gab dem Schicksal gleichsam die Chance, ihn zu stoppen. Aber nichts geschah, keiner kam zufällig vorbei und entdeckte die Vorbereitungshandlungen. Am Samstag wartete Hürlimann, bis seine Frau mit seinem Jüngsten die Wohnung verlassen hatte - er wollte nicht, dass sich das Kleine erschreckte.

Dann ging er rüber in die Zentrale, setzte die Brandmelder ausser Betrieb, goss Benzin auf die Lappen, öffnete die Fenster, damit dem Feuer nicht die Luft ausging und steckte um 9.46 Uhr sein Zündhölzchen in Brand. Um 10.03 Uhr kam die Feuerwehr.

Der Monteur des Telefonamtes, Fritz Hürlimann, der am 22. Februar 1969 absichtlich ein Feuer in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich gelegt hat, vor dem Zürcher Obergericht Anfang November 1969.
8 Bilder
Hier sind die Wiederherstellungsarbeiten durch die Telefonmonteure in vollem Gange, aufgenommen im März 1969.
Ein stark in Mitleidenschaft gezogenes Schaltpult.
Durch den Brand in der Telefonzentrale Hottingen waren viele Verbindungen unterbrochen, weshalb in der Fraumünsterpost ein reger Andrang auf die Telefonkabinen und Telexapparate enstand, aufgenommen am 26. Februar 1969
Biedermeier Brandstiftung
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, warennach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, waren nach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.
Vor 50 Jahren, am 22. Februar 1969, waren nach einer Brandstiftung in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich 30'000 Telefonanschlüsse zerstört.

Der Monteur des Telefonamtes, Fritz Hürlimann, der am 22. Februar 1969 absichtlich ein Feuer in der Telefonzentrale Hottingen in Zürich gelegt hat, vor dem Zürcher Obergericht Anfang November 1969.

Keystone

Vorzimmerdamen mutieren zu Kurieren

Zu dem Zeitpunkt waren die telefonischen Nervenbahnen in den Stadtkreisen 7 und 8 bereits ausser Funktion. Unter den betroffenen Stellen waren unter anderen 13 Spitäler. Das habe ihm leid getan, sagte Hürlimann aus. Aber er habe auf die Fähigkeiten der Behörden vertraut, mit dem Notstand umzugehen.

Und er täuschte sich nicht. In Windeseile wurde in einem generalstabsmässigen Zusammenspiel von Polizei, Behörden, Militär und Privatbetrieben ein Notfall-Kommunikationsnetz aufgebaut. Zunächst wurden Funkwagen der Polizei in den betroffenen Quartieren stationiert, dort konnten Privatpersonen wichtige Mitteilungen aufgeben, die zur Hauptwache gefunkt und von dort telefonisch an die Empfänger weitergeleitet wurden. Später wurden auch Notsprechzellen eingerichtet, namentlich in Schulhäusern.

Spitäler und Ärzte wurden aufgefordert, sich ein telefonisches Gastdomizil in einem nicht betroffenen Gebiet zu suchen, mit dem dann Nachrichten per Kurier ausgetauscht werden konnten. Vorzimmerdamen allgemein mutierten zu Kurierinnen, die Zettel von hier nach dort brachten. Man half sich, wo man konnte. Die von der Funkstille betroffene "NZZ" fand zum Beispiel Unterschlupf beim "Tagesanzeiger".

Schon zwei Tage nach der Katastrophe konnte man an jedem Schweizer Kiosk die erste Ausgabe des Zürcher Notnummern-Telefonbuchs kaufen; ein privater Sponsor hatte es finanziert.

Danach vermisste man die Stille

Etwa 7,7 Millionen Franken betrug die Schadenssumme, Schadenersatz für Geschäftsbetriebe eingeschlossen. Hürlimann erhielt vier Jahre Haft.

Als nach knapp zwei Monaten - einen Monat früher als geplant - die rund eine Million Drähtchen ordnungsgemäss verlötet waren und alle 30'000 Anschlüsse wieder funktionierten, waren nicht alle Betroffenen glücklich: Man habe die Stille während des Telefonausfalls sehr genossen, wurden Zeitzeugen im Rahmen einer Ausstellung 2009 zitiert.

Kathrin Hürlimann, die Enkelin des Brandstifters, drehte übrigens 2013 einen animierten Kurzfilm über ihren Grossvater. "Grandpère" wurde mehrfach ausgezeichnet.