Bettlerbanden
Bettler mieten Kleinkinder und hoffen so aufs grosse Geld

Stadtpolizei Zürich stellt massive Zunahme fest und lanciert Präventionskampagne. Mit Standaktionen und Flugblättern warnt sie Passanten – und weist darauf hin, dass das Betteln im Kanton Zürich verboten ist.

Matthias Scharrer
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Stadt- und Kantonspolizei Zürich verzeichnen deutliche Zunahme an Bettelei.

Stadt- und Kantonspolizei Zürich verzeichnen deutliche Zunahme an Bettelei.

Keystone

Die Zahl der Bettler hat in der Stadt Zürich diesen Sommer «massiv zugenommen», wie die Stadtpolizei Zürich gestern mitteilte. Die meisten von ihnen kamen aus dem Ausland – vor allem aus Osteuropa. Oft seien sie in Banden organisiert und schreckten vor Menschenhandel nicht zurück, wie Bruno Sommer, Präventionschef bei der Stadtpolizei Zürich, erklärt: «Sie mieten Kleinkinder und gehen mit ihnen für einen Tag betteln. Das erbettelte Geld müssen sie ihren Hintermännern abliefern.»

Auch Menschen mit Behinderungen würden aus Osteuropa herangekarrt, um auf Betteltour zu gehen. Zudem seien vielfach Trickdiebe und Betrüger unter den Bettlern. Sie wiesen etwa gefälschte Spenderlisten vor, die vom vielen Kopieren kaum noch leserlich seien, um Passanten Geld zu entlocken. Oder gäben vor, helfen zu wollen, wenn diese ihr Portemonnaie zückten – und zupften ihnen nebenbei geschickt Geldnoten heraus.

Präventionskampagne lanciert

Die Stadtpolizei Zürich geht davon aus, dass hinter den Bettlern vielfach kriminelle Organisationen stecken. Wie stark die organisierte Bettelei verbreitet ist, lässt sich nicht genau beziffern. Sommer schätzt, dass täglich zehn bis zwölf Personen in der Stadt Zürich unterwegs sind, vor allem an der Bahnhofstrasse, rund um Einkaufszentren und Bahnhöfe. Polizeilich rapportiert waren bis Ende Juli 2012 in der Stadt Zürich rund 650 Fälle von Bettelei. Damit war die Zahl des gesamten Vorjahres bereits erreicht.

Um der Bettelei Einhalt zu gebieten, lancierte die Stadtpolizei Zürich gestern eine Präventionskampagne. Mit Standaktionen und Flugblättern warnt sie Passanten – und weist darauf hin, dass das Betteln im Kanton Zürich verboten ist.

Bettlern, die von der Polizei erwischt werden, wird das erbettelte Geld abgenommen und sie werden gebüsst, wie Brigitte Vogt, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage sagte.

Die Stadt Bern verfolgt seit 2009 mit dem Projekt Agora eine andere Strategie: Bettelnde Kinder werden in ein Heim gebracht, und die Behörden bemühen sich darum, dass sie so schnell wie möglich wieder in ihre Herkunftsländer kommen.

Darauf abgestützt stellte der schweizerische Städteverband diesen Frühling ein Massnahmenpaket gegen organisierte Bettelei zusammen. Das Projekt Agora stiess aber auch auf Kritik: Es ziele auf eine «zigeunerfreie Schweiz» ab, monierte der Jenischen-Vertreter Vernanz Nobel.

In Zürich kam ein Vorgehen nach dem Berner Vorbild allerdings bisher nicht zur Anwendung – obwohl die Bereitschaft dazu bestände: «Wir wären parat. Aber bisher haben wir keine Kinder aufgegriffen, die ohne Bezugspersonen betteln gehen», so Stapo-Sprecherin Vogt.

Personenfreizügigkeit als Auslöser

Das Phänomen der Bettlerbanden aus Osteuropa ist auch in Winterthur bekannt. «Das kommt in Wellenbewegungen», sagt Bianca Lussi, Sprecherin der Stadtpolizei Winterthur. Im Januar und Februar dieses Jahres verzeichnete die Stadtpolizei Winterthur mit über 80 entsprechenden Meldungen eine auffällige Häufung. In den Sommermonaten Juni, Juli und August waren es noch 32 – etwa gleich viele wie im Vorjahressommer.

Auf dem gesamten Kantonsgebiet – ohne die Stadt Zürich – kam der grosse Anstieg der Bettelei kurz nach der Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien: Im Jahr 2010 lag die Zahl der polizeilich registrierten Fälle mit 210 noch knapp über dem Vorjahresniveau. Ein Jahr später hatte sie sich mit 425 mehr als verdoppelt. Inzwischen scheint sich der Anstieg zu verlangsamen: Bis Ende Juli 2012 verzeichnete die Kantonspolizei Zürich 238 Fälle von Bettelei, wie Kapo-Sprecherin Esther
Surber auf Anfrage sagte. Rumänien sei mit Abstand der Spitzenreiter unter den Herkunftsländern der Bettler, gefolgt von der Schweiz und der Slowakei.