Nachgefragt bei der Psychologin
Besuchsrecht getrennter Eltern in Zeiten von Corona: «Es geht um Übergangslösungen»

Es gibt Fälle, wo Elternteile das Social Distancing vorschieben, um dem anderen Elternteil zu verbieten, ihr Kind zu sehen. Das Marie-Meierhofer-­Institut für das Kind (MMI) hat daraufhin ein Merkblatt entworfen. Darüber sprachen wir mit Psychologin Giulietta von Salis.

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Giulietta von Salis, Psychologin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind.

Giulietta von Salis, Psychologin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind.

zvg

Das Marie-Meierhofer-­Institut für das Kind (MMI) hat ein Corona-Merkblatt für getrennt lebende Eltern mit Kindern publiziert. Weshalb?

Giulietta von Salis: Wir haben in Beratungen Kontakt mit vielen getrennten Familien. Vor allem in hochstrittigen Familien kam es vor, dass der Kontakt zu den Kindern mit Corona als Begründung unterbunden wurde. Auch wurden die begleiteten Besuche sistiert vonseiten der Fachpersonen oder der Eltern. Wir ­waren alarmiert, da sich ein ­Kollateralschaden der Pandemie abzeichnete. Denn für die Entwicklung eines Kindes ist es am besten, eine intensive Beziehung zu beiden Elternteilen zu haben – und dass sie nicht abrupt unterbrochen wird. Einen Elternteil nicht mehr zu sehen, kann Kinder traumatisieren.

Wenn jemand im Spital arbeitet und täglich mit dem Virus in Kontakt kommt – sollen die Kinder dann trotzdem zum möglicherweise an­steckenden Elternteil?

Da muss man jede Situation individuell prüfen. Solche Sorgen kann man mit dem Kinderarzt besprechen. Das psychische Risiko beim Kontaktverlust ist auch sehr gross. Man darf die emotionalen Bedürfnisse nicht hinter dem physischen Risiko zurückstellen.

Probleme gibt es vor allem in Familien, wo schon ­Uneinigkeit besteht. Was raten Sie diesen?

Bei Streit helfen Drittpersonen wie Erziehungsberaterinnen oder Kinderärzte. Im Kanton Zürich gibt es die Kinder- und Jugendhilfezentren. Auch Kindergärtnerinnen, Kita-Leiterinnen oder Verwandte können beigezogen werden. Oder Berufsbeistände, die schon mit der Familie vertraut sind. Auch die Kesb kann in einer extrem angespannten Situation in einem Gespräch helfen. Kindesschutzmassnahmen gelten aber weiter. Es geht um Übergangslösungen.

Ältere Kinder können ­virtuell Kontakte pflegen. Kleine weniger. Wie geht man damit um?

Es gibt kleine Kinder, die sich schon gewohnt sind, über Video zu kommunizieren. Wichtig ist, schon den Allerkleinsten zu erklären, warum sie eine Person nicht sehen können, auch wenn das Kind noch nicht alles versteht. Zudem gibt es viele Möglichkeiten, Kontakt zu halten. Etwa wurden bei einem Baby, das zur Risikogruppe gehört, die Besuche der Eltern unterbrochen. Diese haben daraufhin vorgeschlagen, mit der Pflegemutter und dem Kinderwagen spazieren zu gehen, aber auf Distanz zu bleiben. So hört das Kind die Stimmen und spürt die Präsenz der Eltern. (kme)