Gerichtsurteil
Berufungsprozess im «Fall Bonstetten» steht an

Am kommenden Dienstag, 24.März befasst sich das Obergericht mit dem «Fall Bonstetten». Der Mann, der 2010 seinen Sohn getötet hatte, steht zwischen Verwahrung und einer kürzeren Freiheitsstrafe.

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Während der Staatsanwalt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine Verwahrung verlangt, dürfte der Verteidiger des Mannes eine Reduktion der Freiheitsstrafe fordern. (Symbolbild)

Während der Staatsanwalt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine Verwahrung verlangt, dürfte der Verteidiger des Mannes eine Reduktion der Freiheitsstrafe fordern. (Symbolbild)

Keystone

Am Samstag, dem 27. Februar 2010, hätte Florian seinen fünften Geburtstag feiern können. Doch am Tag zuvor wurde der Junge in einem Winterthurer Hotelzimmer getötet. Sein Vater hatte ihm eine Dosis Schlafmittel verabreicht und ihn mit einem Kissen erstickt. Der Mann aus Bonstetten hatte offenbar befürchtet, dass seine Ex-Partnerin mit dem Sohn nach Brasilien flüchten könnte.

Am Dienstag befasst sich das Obergericht mit dem Fall: Beim Berufungsprozess geht es insbesondere um die Höhe der Strafe. Der Staatsanwalt, der das Delikt als «Mord» einstuft, verlangt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine Verwahrung des heute 65-jährigen Mannes.

Dessen Verteidiger, der bereits vor zwei Jahren vor dem Winterthurer Bezirksgericht lediglich auf «vorsätzliche Tötung» plädiert hatte, dürfte wiederum eine Reduktion auf eine siebenjährige Freiheitsstrafe fordern.

Die Bezirksrichter hatten Florians Vater in erster Instanz wegen Mordes zu 18 Jahren verurteilt. Auf eine Verwahrung verzichteten sie, da die Anforderungen dafür nicht erfüllt seien. Sie hielten im Sommer 2013 auch fest: Angesichts seines Alters bei der Freilassung werde der Mann mit «grösster Wahrscheinlichkeit keine enge Beziehung mehr zu einem Kind entwickeln».

«Ein gewandter Kantenläufer»

Der «Fall Bonstetten» hatte 2010 eine breite Diskussion über die Rolle der Vormundschaftsbehörden ausgelöst. Die damals noch kommunal organisierte, von Laien geführte Behörde hatte dem Schweizer Vater die Obhut des Kindes zugesprochen.

Das wurde in einem späteren Gutachten des Rechtsmedizinischen Instituts, das die «Tätigkeit der Vormundschaftsbehörde» beleuchtete, kritisiert. Zumal der Mann «nicht einfach einmal emotional ausgerastet» sei, sondern «sondern insgesamt das Bild eines gewandten Kantenläufers vermittelt, dessen Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit in allen Belangen kritisch zu hinterfragen gewesen wäre».

Der Treuhänder war bereits 1993 wegen versuchten Mordes zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden (die Strafe sass er ab). Er hatte seinen damals 13-jährigen Sohn aus erster Ehe mit einem Ast geschlagen und ein Tobel hinuntergeworfen. Dieser überlebte, ist seither aber behindert. Sein Vater habe sich an seiner Mutter rächen wollen, weil sie die Scheidung verlangt hatte, sagte der Sohn später den Medien.

Von dieser Vorstrafe hatte die Sozialbehörde Bonstetten später Kenntnis; denn sie wurde 2008, als der Treuhänder wegen Veruntreuung zu einer bedingten Strafe von acht Monaten verurteilt wurde, publik.

Laut des Gutachtens des Forensischen Instituts stand die Behörde dem Schweizer kritiklos zu nahe: Der Vater scheine – gewissermassen ganz natürlich – als das geringere Risiko wahrgenommen worden zu sein. Gerade im Vergleich zur kaum Deutsch sprechenden, offenbar zeitweise im Sexgewerbe tätigen Mutter, hiess es im Gutachten.

Seit der Tat vor fünf Jahren sitzt der Mann im Gefängnis. (og)