Zürich
Berufsfischer André Züger: «Zur Zeit ist es harzig mit den Fischen»

Die Berufsfischer sind an der Limmat längst ausgestorben – auf dem Zürichsee hingegen gibt es noch deren 18. Einer davon ist André Züger.

Lina Giusto
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Reportage Berufsfischer Zürichsee Der erste Fisch der ins Netz ging ist eine Felche - Brotfisch der Schweizer Gewässer
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Reportage Berufsfischer Zürichsee Die Egli aus dem Zürichsee sind sehr beliebt
Berufsfischer Zürich
Reportage Berufsfischer Zürichsee André Züger bedeckt die frischen Fische sofort mit Eis
Reportage Berufsfischer Zürich Schwebenetze sind 90 Meter lang und 10 Meter hoch
Reportage Berufsfischer Zürichsee Albeli, sind zwergwüchsige Felche und zwei grosse Felche (Brotfisch der Schweiz)

Reportage Berufsfischer Zürichsee Der erste Fisch der ins Netz ging ist eine Felche - Brotfisch der Schweizer Gewässer

Lina Giusto

Es ist kurz nach acht Uhr morgens als André Züger, Berufsfischer aus Hurden, sein Boot am Steg anlegt. Hinter ihm liegen bereits fünf Stunden Arbeit. Die Ausbeute aus den über 20 Netzen ist für heute einmal erfreulich: 44 Kilogramm Egli und 32 Kilogramm Felchen. Diese Menge liegt aber immer noch weit unter jener eines guten Fanges.

Bei 150 Kilogramm spricht der junge Fischer von einem sehr guten Tag. «Es ist ein schlechtes Fischjahr – schweizweit»,erklärt der kräftige Berufsfischer mit den dunkelblonden kurzen Haaren. Er glaube, dass es genug Fische im See habe, aber sie bewegen sich kaum und schwimmen deshalb nicht in die Netze.

Los geht’s

André Zügers Stimmung war kurz vor vier Uhr morgens alles andere als optimistisch: «Zur Zeit ist es harzig mit den Fischen. Ich hole zwischen 5 und 20 Kilogramm täglich rein – das reicht nicht zum Überleben», sagt der 27-jährige Hurdner. Züger wirft den Motor an, die Fahrt hinaus auf den dunklen Zürichsee beginnt. Vom Zürcher Obersee steuert er das Boot über den Kanal in den Untersee.

Als erstes fährt Züger die vier Schwebenetze an, die vor Richterswil im See liegen. 90 auf 10 Meter gross ist ein solches Netz. An beiden Enden sind Boyen befestigt, diese bestimmen die Seetiefe, auf welche die Netze absinken sollen. Die Netze vor Richterswil liegen sieben bis acht Meter unter der Seeoberfläche. Rhythmisch zieht er das Netz mit der linken Hand aus dem Wasser, dreht mit der rechten Hand eine Schlaufe, bevor er das Netz Schlaufe für Schlaufe auf der Eisenstange aufreiht. Das erste Netz ist schnell im Boot; zerknirscht sagt er: «Eine Felche auf 900 m2 – das ist übel.» In der Schweiz ist die Felche der Brotfisch, da er in den Voralpenseen am häufigsten vorkommt.

«Ich habe mir auch schon überlegt, einen anderen Beruf zu wählen – gerade an Tagen wie diesen», sagt Züger. Trotzdem liebe er den See, auf dem er seit fast 27 Jahren täglich unterwegs ist. Er geniesse es, von Wind und Möwen begleitet zu werden. Sechs Tage die Woche holt Züger die Netze rein, die er am Vorabend auswirft. Nur am Sonntagmorgen hat er frei – dann ist Fischen im Zürichsee verboten. Die Familienfischerei Weber in Hurden gibt es seit 4 Generationen. Vor zwei Jahren hat Züger zusammen mit seinem Cousin die Fischerei von Onkel Hermann Weber übernommen – zu dritt fischen sie im Kanton Zürich und Schwyz. Die Lehre hat André Züger am Sempacher See absolviert. Zur Schule musste er in Starnberg am See in Deutschland, denn eine Ausbildung zum Berufsfischer gibt es in der Schweiz nicht.

Nächster Halt

Züger holt die nächsten drei Netze aufs Boot; der Fischkorb ist noch immer fast leer. «Dieses Jahr ist alles anders», sagt der junge Fischer kopfschüttelnd. Nur etwas ist gleich geblieben; sobald Züger das Boot anhält kommen die Möwen – sie würden ihn kennen und wüssten, dass es hier was zu futtern gibt. «Der Graureiher besucht mich regelmässig. Meist sitzt er vorne auf dem Bug», freut sich der junge Fischer.

«Die Netze sind voll mit Kalk, was untypisch ist für diese Jahreszeit», sagt Züger auf der Fahrt in Richtung Bäch. Dort liegen 18 Grundnetze in 23 Metern Tiefe. Ein solches Netz ist 90 Meter lang und 2,5 Meter hoch. «Ein erstes Albeli – das ist eine zwergwüchsige Felchenart», erklärt der Fischer, während er eines der Grundnetze aus dem See zieht. Auch dieser Fang sei eher ungewöhnlich, denn Albeli gäbe es im Sommer eigentlich weniger.

Der nächste Fisch im Netz ist so klein, dass Züger ihn wieder in den See zurück setzt. «Wir fangen nur Fische, die sich ein bis zwei Mal fortgepflanzt haben», erklärt er. So könne man einen natürlichen Fischbestand in den Gewässern wahren. Dieser Grundsatz gelte für alle Gewässer in der Schweiz. «Wir haben gesunde Fische, dank unseren sauberen Seen», fügt Züger hinzu.
Das Interesse am Seefisch habe zugenommen. Wenn der Fischfang schlecht ist, wie dieses Jahr, kaufe man von anderen Schweizer Fischern ein, um die Nachfrage decken zu können. «Man kennt sich und die Fischer sind untereinander solidarisch. Wir versuchen uns gegenseitig nicht zu unterbieten und damit am Leben zu lassen», sagt der Zürcher Fischer als er beginnt das erste Eglinetz aus dem See zu ziehen. Sie liegen im oberen Teil des Zürichsees, unterhalb des Seedamms zwischen Rapperswil und Pfäffikon. Die Autobrücke Obersee-Zürichsee ist bereits gut befahren – der Tag ist angebrochen.

Die Hoffnung bleibt

Rund fünf Egli sind auf den ersten zwei Metern des Netzes eingegangen. Mit jedem Meter taucht eine neue rote Flosse aus dem grünen Zürichseewasser auf. Züger grinst: «Ich glaube der Tag hat sich doch noch gelohnt». Das sei der beste Fang seit zwei Wochen, freut er sich. Aber es sei nichts im Vergleich zu den Jahren 2008 und 2009. Damals habe er im Juli alleine eine Tonne Egli gefangen – genauso vom Felch. Rekord hat in diesem Jahr nur der Netzverschleiss von André Züger: «Ich weiss nicht warum, aber so viele Netze wie dieses Jahr, sind mir noch nie kaputt gegangen», sagt er kopfschüttelnd.

Die Arbeit ist hart, trotz regelmässiger Rückenschmerzen liebt André Züger seinen Beruf. «Ich mag den Winter auf dem See, dann bin ich alleine mit der Natur», sagt er. Die Verarbeitung der Fische ist aufwendig. Das Entschuppen und Filetieren der Fische, sowie die Belieferung der rund 15 Restaurants; all das nehme mehr Zeit in Anspruch als das Auswerfen und Einholen der Netze. Für Züger ist klar: «Auch wenn der Frust manchmal gross ist, am Nachmittag werde ich die Netze wieder voller Hoffnung in den See werfen.»