Zürcher Theaterverein
Berty Bauknecht ist die Grande Dame des Theaterpublikums

Berty Bauknecht hat über 2000 Theatervorstellungen besucht, ist seit 2009 Präsidentin des Zürcher Theatervereins und hat ein Leben lang Freiwilligenarbeit geleistet: Sie ist aus dem Publikum definitiv nicht wegzudenken.

Michael Rüegg
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Berty Bauknecht

Berty Bauknecht

Es war Liebe. Das Mädchen aus dem kleinen Unterländer Bauerndorf schlich, wann immer möglich, in der Mittagspause aus der Töchterschule in Hottingen in die Proben des Schauspielhauses. Dort stand oft «ihr» Kurt als Statist auf der Bühne. Nach der Probe eilten beide zurück ins Gymnasium, sie in ihres, er in seines – oft noch mit Schminke im Gesicht.

Berty Bauknechts Liebe galt nicht nur Kurt, den sie später heiratete, sondern gleichwohl dem Theater. Beiden blieb sie ein Leben lang verbunden. Kurt studierte Ingenieurwesen an der ETH, Berty verdiente die Brötchen als Anwaltssekretärin, führte die mehrsprachige Korrespondenz der Kanzlei, begleitete ihren Mann zwischendurch für zwei Jahre nach Paris. An der Sorbonne besuchte sie Vorlesungen über Literaturgeschichte. Zurück in Zürich wurde Kurt Bauknecht der erste Professor für Informatik an der Uni Zürich. Berty war offiziell Hausfrau, arbeitete aber auch für ihren Mann und seine Forschungen, für die reformierte Kirche, in Schulkommissionen, für Vereine. Alles freiwillig, einen Lohn bezog sie nie, gelegentlich gab es Sitzungsgelder oder kleine Entschädigungen.

Präsidentin des Zürcher Theatervereins

Bauknecht war fünfzehn Jahre lang Präsidentin des Ehemaligen-Vereins der heutigen Kantonsschule Hottingen, bevor sie 2009 das Präsidium des damals maroden Zürcher Theatervereins übernahm – und das Ruder herumriss. «Wenn ich A sage, sage ich auch B», so die dreifache Grossmutter.

Zum Zürcher Theaterverein stiess die resolute Dame, die – wie sie selbst sagt – vielen «zu burschikos ist», bereits 1964. Sie organisierte Theaterreisen in jeden Winkel Europas. Kaum ein Opernhaus, das sie nicht besucht hat.

Ihr Verein sei offen «für Kreti und Pleti», sagt Bauknecht. Ihm haftet nichts Elitäres an, im Gegensatz zu den «Freunden des Schauspielhauses» oder jene des Opernhauses, wo manch eine Dame der Goldküsten Mitglied ist, weil man unbedingt dabei sein muss, wenn man jemand sein will. Nein, beim Theaterverein seien die meisten, weil sie über die Zürcher Theaterwelt auf dem Laufenden sein wollen. «Und wegen der vielen Vergünstigungen, die man in den Theatern hat», sagt Bauknecht ehrlich.

Verein entstand aus einem Leserzirkel

Entstanden ist der Verein vor 95 Jahren aus einem Lesezirkel im Quartier Hottingen heraus, den es schon zu Gottfried Kellers Zeiten gab. Dort, wo viele Gymnasiallehrer und Professoren wohnten, war das Bildungsniveau höher als das Durchschnittseinkommen: «Lehrer haben damals schlecht verdient», so Bauknecht. Der Gründungspräsident, Ernst Zahn, einst ein in Deutschland gefeierter Schweizer Heimatdichter, der längst in Vergessenheit geraten ist: «Das Theater ist ein Kulturerfordernis. Unentbehrlich als Erziehungsstätte muss es gleichberechtigt werden mit Kirche und Schule.»

Sinn und Zweck des Vereins war es, dem späteren Schauspielhaus für den Betrieb dringend nötige Gelder aufzutreiben. Im ersten Jahresbericht aus dem Vereinsjahr 1918/19 schrieb Zahn: «Wie töricht sind die so geläufigen Märchen, der Verwaltungsrat verstehe nun einmal nicht zu sparen.» Kritik, die man im Verlauf des Jahrhunderts noch oft lesen konnte. Kassier des damaligen Vorstandes war übrigens ein gewisser Julius Bär, ein aus Deutschland eingewanderter Bankier, dessen Name noch heute für die grösste Schweizer Privatbank steht.

2013 zählt der Verein rund 1500 Mitglieder, wieder mehr als zu Bauknechts Amtsantritt. Wie viele derartige Gesellschaften war auch der Theaterverein über die Jahre nicht von Querelen und Durststrecken verschont geblieben. Doch darüber mag Bauknecht nicht reden. Sie will nach vorne blicken. Als sie vor bald vier Jahren die Vereinsleitung übernommen hat, musste sie die Finanzen sanieren. Es war das Jahr, als der Verein das erste Mal in seiner Geschichte keine Beiträge an die Zürcher Theater auszahlen konnte. Rote Zahlen, ein schwarzes Jahr. Bauknecht musste Kosten senken, auch die für die zehnmal jährlich erscheinende eigene «Theater-Zeitung». Und sie wollte neue Mitglieder gewinnen. 100 Franken kostet eine reguläre Jahresmitgliedschaft. «Bis Ende 2013 sogar nur 50», wirbt Bauknecht. Dafür erhalten Mitglieder Rabatte auf Tickets der meisten Zürcher Häuser, inklusive Tonhalle. Bis zu 40Prozent auf speziell angekündigte Vorstellungen, zum Beispiel im Opernhaus oder im Schauspielhaus.

22 Stunden lang «Faust»

Seinem Ziel, das Theaterschaffen zu unterstützen, ist der Verein treu geblieben. Aus den Gewinnen richtet er Beiträge an Produktionen verschiedener Bühnen aus. Und aus einem Legat heraus hat er einen Wohnfonds gebildet. Dieser zahlt jedes Jahr vier bis fünf jungen Bühnenkünstlern einen Beitrag an die Lebenskosten in Zürich.

Ins Theater geht Bauknecht seit Jahrzehnten rund jede Woche einmal. Ihre längste Vorstellung war ein 22-stündiger «Faust». «Vielleicht machen mir meine Kinder irgendwann den Vorwurf, ich hätte zu viel Geld fürs Theater ausgegeben», sagt die Präsidentin.

Ihr Tag sei übrigens nicht mehr zu 24 Stunden ausgefüllt, sagt sie fast etwas wehmütig. Aber zu tun habe sie dennoch einiges: «Seit 15 Jahren betreue ich eine Patientin der Psychiatrischen Klinik Burghölzli.» sagt Bauknecht. Mit ihr gehe sie häufig ins Kino, nicht ins Theater. Dann nimmt Bauknecht Mantel und Tasche, verabschiedet sich und bricht auf. Ins Schauspielhaus, zu Bruno Ganz – ausnahmsweise ohne den regulären 10-Prozent-Rabatt; es handelt sich um ein Gastspiel.

Informationen über den Zürcher Theaterverein unter: www.theatervereinzh.ch