Viadukt
Bereits zum zweiten Mal verliert die Markthalle langjährige Mieter

Nach dem Bachser Märt verlässt auch Braschler’s Comestibles die Finefood-Halle im Viadukt. In der Kritik steht die Vermieterin – aber nicht nur.

Florian Niedermann
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Hier gibt es kein Gemüse in Bio-Qualität. Einige Händler finden daher, dass es in der Markthalle neben Käsers Schloss einen weiteren Gemüsehändler braucht. Key

Hier gibt es kein Gemüse in Bio-Qualität. Einige Händler finden daher, dass es in der Markthalle neben Käsers Schloss einen weiteren Gemüsehändler braucht. Key

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Und wieder kehrt ein bekannter Händler der Markthalle im Viadukt im Zürcher Kreis 5 den Rücken. Der Gastro-Belieferer und Fischhändler Braschler’s Comestibles gibt seine einzige Verkaufsfiliale auf Ende des Monats auf. Ebenso zieht sich der italienische Spezialitäten-Anbieter Saltinbocca aus den Bögen zurück. Aus dem Kreis der Händler wurden schon vor drei Jahren Misstöne laut, als der Bio-Lebensmittelhändler Bachser Märt dem Viadukt den Rücken kehrte. In der Kritik stand vor allem die Stiftung für preisgünstige Wohn- und Gewerberäume (PWG), welche auch die Flächen in der Markthalle vermietet. Bis heute sind diese Stimmen nicht verhallt, die Händler zeigen sich aber auch selbstkritisch.

Auf Anfrage kommentieren weder Braschler’s noch Saltinbocca ihren Auszug. Mehrere andere Mieter in der Finefood-Halle äussern sich dazu nur anonym. Sie bestätigen aber den Verdacht, den Braschler’s Abgang erweckt: Es fehlt die Laufkundschaft. Besonders um die Mittagszeit herrscht in den Verkaufsgassen zwar reger Betrieb. Doch der Grossteil dieser Besucher kommt nicht, um seine Einkäufe zu erledigen, sondern um sich etwa mit Piadine oder Pies zu verpflegen. Die Zahl der Take-away-Anbieter hat in den letzten Jahren zugenommen; einige ursprüngliche Angebote wie etwa Bio-Gemüse fehlen dafür heute gänzlich. Nach dem Weggang des Bachser Märts kritisierte unter anderen die Weinhandlung Südhang gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass die Markthalle sich zu einer «Fresshalle» entwickle. Von der ursprünglichen Vision eines Einkaufsorts für hochwertige biologische und regionale Produkte habe die PWG sich längst verabschiedet.

Konzept bleibt unklar

Seither hat sich laut Patrik Gertschen, Filialleiter bei Südhang, wenig geändert. Es sei weiterhin nicht klar, welches Konzept die PWG für die Markthalle verfolge. «Wir Händler haben kein Interesse daran, dass zwar Verpflegungskunden angelockt werden, aber viel weniger solche, die hier einkaufen wollen», so Gertschen. Um dem entgegenzuwirken, müsste die Vermieterin den Angebotsmix ändern. Maya Jones, Geschäftsführerin bei The British Cheese Centre, teilt seine Meinung, weist aber darauf hin, dass nicht nur die PWG die ursprüngliche Vision aus den Augen verloren habe. «Heute sind hier alles Einzelkämpfer. Vom anfänglichen Willen, den Verkaufsstandort gemeinsam attraktiver zu machen, ist wenig zu spüren.» Da dieser Zusammenhalt nicht mehr bestehe, wäre es an der PWG, den Lead zu übernehmen, so Jones: «Doch ist in dieser Richtung nicht mehr viel passiert.»

Langjährige Mieter der Markthalle empfinden es als Verlust, dass sich die Händler immer weniger als Gemeinschaft verstehen. In der Anfangszeit nach der Eröffnung des Viadukts hatten sie sich in einer Betriebsgesellschaft zusammengeschlossen, die als Ansprechpartnerin gegenüber der PWG fungierte und gemeinsame Marketingaktionen durchführte. Doch sie löste sich vor allem wegen persönlicher Zwiste bald wieder auf.

Dies sei einer der Gründe gewesen, warum der Bachser Märt die Filiale in der Markthalle aufgegeben und sich in der Kalkbreite niedergelassen habe, sagt Geschäftsleiter Patrick Honauer. An den Standort als Konglomerat von Einzelkämpfern habe man nicht mehr geglaubt. «Eine nachhaltige Shopping-Mall, als die sie geplant war, müsste man einer zentralen Regie unterstellen. Ansonsten geraten die Ziele leicht aus dem Blickfeld», sagt er. Dass die Händler heute verkaufen könnten, was sie wollen, und dort gar Auto-Promotionen stattfanden, kratze an der Glaubwürdigkeit der Markthalle, so Honauer. Das Problem ist seiner Ansicht nach nicht nur die Vermietungspraxis der PWG, sondern auch die Führungslosigkeit der Händler. Der Bachser Märt und andere grosse Mieter arbeiteten seinerzeit darauf hin, eine Genossenschaft zu gründen, die als Hauptmieterin die gesamte Markthalle mietet und selbst verwaltet. Doch nach der Auflösung der Betriebsgesellschaft war daran nicht mehr zu denken.

«Verpflegung ist ein Bedürfnis»

Daniel Bollhalder von der Stiftung PWG wehrt sich gegen die anhaltende Kritik der Händler. Er bestätigt zwar, dass die Ausrichtung der Markthalle nicht mehr die einer reinen Finefood-Mall ist. «Wir reagieren damit auch auf die Nachfrage der Kunden. Angesichts der vielen Arbeitstätigen im Umfeld des Viadukts ist es ein Bedürfnis, sich dort verpflegen zu können.» Dass der Standort aber zu einer «Fresshalle» verkomme, stimme absolut nicht. «Wir hatten etwa diverse Anfragen von Pizza-Verkäufern und Dönerläden. So etwas wird es hier nie geben», so Bollhalder. Er räumt ein, dass es betreffend Laufkundschaft «noch Luft nach oben» gebe. Doch habe sich die Situation gemäss Händlerumfragen der PWG in den sechs Jahren seit der Eröffnung des Viadukts stetig verbessert: «Die Kundenströme nahmen zu, die Umsatzzahlen der Mieter stiegen. Wir sind auf dem richtigen Weg», sagt Bollhalder.

Die PWG will auch weiterhin versuchen, die Dachmarke Im Viadukt mit Events zu bewerben. Bei der kritisierten Auto-Promotion habe es sich aber um einen einzelnen Versuch gehandelt, sagt Bollhalder: «In diese Richtung haben wir seither nie wieder etwas versucht.» Der Genossenschaftsidee wäre die PWG zwar sehr zugetan. Nach dem Zerfall der Markthallen-Betriebsgesellschaft zweifelt man aber auch dort daran, dass ein solcher Zusammenschluss möglich wäre.