Zürich
Belkis Osman-Besler betreut Asylsuchende: «Seelsorge dient den Menschen, nicht der Antiradikalisierung»

Belkis Osman-Besler betreut muslimische Asylsuchende in den Bundesasylzentren in Zürich und Embrach. Sie hört denen zu, die Dampf ablassen wollen, betet für sie und springt auch mal als Geburtsbegleiterin ein.

Katrin Oller
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Belkis Osman-Besler ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Eltern kamen 1963 hierher.

Belkis Osman-Besler ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Eltern kamen 1963 hierher.

Enzo Lopardo

Wer ins Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal in Zürich will, muss sich strengen Kontrollen unterziehen. Esswaren und Flüssiges sind verboten. Alle Besucher werden kontrolliert und müssen ihre Ausweise hinterlegen. Die Zugangskontrollen kamen bei der Eröffnung des Zentrums vor einem Jahr in die Schlagzeilen. Sogar Stadtrat Raphael Golta (SP) kritisierte das Regime, da es strenger war als jenes der Stadt Zürich im Testzentrum Juch in Oerlikon.

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht im kleinen Raum auf der Seite des grün-grau-rosa­farbenen Baus. Dieser wird vom Gemeinschaftszentrum Wipkingen betrieben und dient als Treffpunkt der Quartierbevölkerung mit den Asylsuchenden. Kinderzeichnungen hängen an den Wänden, Tische und Stühle laden zum zusammensitzen ein, eine Küchenzeile zum zusammen kochen.

«Der GZ-Raum ist eine ­Pufferzone», sagt Belkis Osman-Besler. Sie arbeitet seit bald viereinhalb Jahren als muslimische Asylseelsorgerin. Im GZ-Raum ist vieles möglich, was im Zentrum verboten ist, zum Beispiel selber zu kochen. «Einer Gruppe Frauen hab ich den Raum auch schon fürs Haarefärben empfohlen, da die Mittel im Zentrum konfisziert würden.» Hier führt Osman regelmässig Gespräche über die Flucht, das Leben in der Schweiz, Ängste, die Vergangenheit und die Zukunft.

Im Extremfall dauert der Aufenthalt ein Jahr

«Die meisten fragen zuerst, wie es nun weitergehe», sagt Osman. Denn während ihres Aufenthalts auf dem Dutt­weiler-Areal bekommen die Asyl­suchenden einen Aufenthaltsstatus zugeteilt oder erfahren, dass sie das Land gleich wieder verlassen müssen, etwa wenn sie bereits in einem EU-Land einen Asylantrag gestellt haben. Nach vier Monaten sollten die Asylsuchenden das Zentrum verlassen haben. «In einem ­Extremfall dauerte der Auf­enthalt aber über ein Jahr», sagt Osman, «das wird dann sehr ­belastend.»

Nicht nur in solchen Fällen ist die Asylseelsorge wichtig. Die zwei muslimischen und die zwei christlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger kümmern sich um diejenigen, die mit ihnen ­reden möchten, werden auf ­diejenigen aufmerksam gemacht, die sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren und sprechen selber Frauen und Männer im Zentrum an.

«Oft führe ich Gespräche mit Frauen», sagt Osman, die Arabisch und Türkisch spricht. Die meisten sind Muslime. Aber das heisst nicht, dass sich nicht auch Angehörige anderer Religionen an sie wenden dürfen. Sie gebe keine religiösen Unterweisungen, sagt Osman. Dennoch sei die Religion oft Thema. Viele bitten Osman, sie in ihre Gebete einzubeziehen. Auch können die Bewohner bei ihr den Koran, Gebetsteppiche oder -ketten beziehen. Sie hat auch schon Bibeln herausgegeben.

Prostitution als Stigma

Belastend ist für Osman, wenn Frauen erzählen, dass sie von ihren Ehepartner oder Familien unterdrückt und verfolgt wurden – und dies durch den Glauben begründet wurde. «Dass ganze Gesellschaften so reagieren können, ist für mich unverständlich.»

Auch Menschenhandel und Prostitution sind Thema in den Gesprächen. «Dann fliessen oft Tränen, weil die Frauen sonst mit niemandem über ihre Erfahrungen sprechen können.» Die anderen Frauen im Zentrum seien nicht bereit, die Betroffenen aufzufangen, sagt Osman, wegen Vorurteilen und des Stigmas der Prostitution.

Was weit in der Vergangenheit liege, könne sie gut ertragen, sagt Osman. Aber wenn die Frauen auf der Flucht von ihren Ehemännern getrennt wurden, oder nicht wissen, wo ihre Kinder sind, nimmt das die 54-jährige Mutter von vier erwachsenen Kindern auch selber mit.

Osman ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Eltern kamen 1963 aus der Türkei in die Schweiz. Während sie ihre Kinder grosszog, machte sie mehrere Ausbildungen, etwa um Religion in Moscheen zu unterrichten. Auch der interreligiöse Dialog hat sie interessiert, deshalb wurde sie Vorstandsmitglied der Vereinigung islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ): «Ich fühle mich verantwortlich für diesen Austausch, weil ich auf beiden Seiten zu Hause bin.»

Deswegen passte sie perfekt, als das Staatssekretariat für Migration (SEM) 2016 die muslimische Seelsorge in Zürich als Pilotprojekt ins Leben rief und einen Imam sowie eine Frau für die Stellen suchte. Obwohl das Projekt positiv bewertet wurde, wollte das SEM nach zwei Jahren die Kosten nicht mehr tragen und riskierte, das Angebot einzustellen. Deshalb schritt der Kanton Zürich ein und integrierte die beiden Asylseelsorger in den Verein Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen (QuaMS). Dieser war gerade dabei, eine muslimische Notfallseelsorge im Kanton Zürich aufzubauen.

«Fast nichts ist beständig»

Mit gegen 100000 Franken beansprucht die Asylseelsorge fast ein Drittel des Vereinsbudgets von QuaMS, das derzeit lediglich bis 2021 gesichert ist. «In diesem Umfeld ist fast nichts beständig. Da gewöhnt man sich daran», sagt Osman. Das Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal ist bereits das dritte, in dem sie tätig ist. Deshalb änderten auch immer wieder die Richtlinien, Ansprüche und Kontrollen.

Viele Bewohner leiden laut Osman unter den strengen Kontrollen im neuen Bundesasylzentrum. Manches geht auch den Seelsorgern zu weit. Einen Teppich für den Raum der Stille musste Osman etwa wieder mitnehmen, weil er gegen die feuerpolizeilichen Regeln verstosse. «Mit etwas mehr Goodwill würde vieles leichter für die Bewohner», sagt Osman. Manche seien aber auch froh um die Kontrollen. Vor allem Frauen, die ohne männliche Begleitung im Zentrum seien, fürchteten sich so weniger vor Übergriffen.

Derzeit arbeiten Osman und ihr männlicher Stellenpartner je zu 30 Prozent im Zürcher Asylzentrum und sind an fünf Tagen die Woche vor Ort. Zusätzlich gehen sie abwechslungsweise einen Tag pro Woche ins Bundesasylzentrum in Embrach. «Das ist viel zu wenig.» In Embrach kenne sie die Betreuerinnen und Betreuer kaum und müsse immer wieder zuerst abklären, welche ihrer Gesprächspartner überhaupt noch im ­Zentrum seien. Doch derzeit scheitert die Aufstockung der Stellenprozente an der Finanzierung.

Familien trauen sich nicht mehr aus dem Zentrum

Dieses Problem habe sich dieses Jahr noch verstärkt, da sämtliche Asylsuchenden, die wegen Corona in Isolation mussten, von Zürich nach Embrach verlegt wurden. Auch sonst sei die Pandemie ein grosses Thema für die Bewohner. Familien mit kleinen Kindern getrauten sich nicht mehr aus dem Zentrum aus Angst vor dem Virus.

Dass neben christlichen auch muslimische Seelsorger vor Ort seien, sei zentral, sagt Belkis Osman. Wegen des gemeinsamen kulturellen Hintergrunds könne sie vieles besser verstehen und ohne Vorurteile akzeptieren. Dadurch fühlten sich die Bewohner freier und fassten eher Vertrauen. «Vielen hilft schon, dass ich als Seelsorgerin an die Zimmertür klopfe und nach ihnen frage.» Sie könne auch oft Unklarheiten oder Missverständnisse klären.

Als Vermittlerin zwischen den Welten sprang sie kürzlich sogar als Geburtsbegleiterin ein. Die Ärzte riefen sie ins Spital, weil eine Bewohnerin des Asylzentrums explizit nach ihr verlangt hatte. Sie durfte für den Kaiserschnitt sogar mit in den Operationssaal und konnte für die Frau übersetzen.

Gedanken äussern, die man sonst nicht äussern würde

Osman wehrt sich dagegen, dass die muslimische Seelsorge in erster Linie eine Antiradikalisierungsmassnahme sei. Dieses Argument wird oft für die politische Rechtfertigung vorgebracht: «Wir gehen auf die Menschen ein, um herauszufinden, was sie brauchen», sagt sie. Es solle in den Gesprächen möglich sein, Dampf abzulassen und Gedanken zu äussern, die man sonst niemandem erzählt – und dies ohne Konsequenzen.

Natürlich gebe es Bewohner – oft junge Männer – die glaubten, alle hätten sich gegen sie verschworen. «Da steuere ich dagegen», sagt Osman. Nur schon durch ihre Anwesenheit und ihre Person passiere viel. «Ich lebe muslimisch und bin dennoch Teil dieser Gesellschaft. Nur schon als Frau passe ich nicht ins Schwarzweissdenken, das sich diese Männer aufgebaut haben.»