Die 29-Jährige, die am 13. Februar 2019 gewaltsam ihren Tod in Dübendorf fand, wurde Opfer eines Stalkers, wie die Staatsanwaltschaft Zürich Ende letzte Woche mitteilte. Der psychisch beeinträchtigte Täter ist mittlerweile verhaftet worden und hat die Tat gestanden. 

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin aus dem Kanton Aargau, fordert seit langem einen besseren Schutz von Stalkingopfern. Sie hat 2014 eine Motion zum Thema Stalking eingereicht. Feri wünscht sich, dass Stalking zu einem Strafbestand erklärt wird. 

Aber was ist Stalking? Das Wort kommt vom englischen Verb «to stalk», zu Deutsch sich heranschleichen. Unter Stalking verstehen Fachpersonen, wie die Sozialarbeiterin Natalie Schneiter von der Fachstelle für häusliche Gewalt und Stalking der Stadt Bern, eine wiederholte Belästigung über einen längeren Zeitraum. Wo genau die Grenze zwischen einer Kontaktaufnahme oder einem Werben und Stalking verläuft, ist nicht klar und gründet sich auf ein individuelles Empfinden. Schliesslich fühlen sich gewisse Personen früher belästigt als andere, fährt Schneiter fort. Sie fügt an: «Stalking ist eine massive Einschränkung der Lebensqualität des Opfers. Sie fühlen sich bedroht und haben Angst. Viele trauen sich nicht mehr nach draussen und ziehen sich zurück.»

Stalking kann viele Dinge beinhaltet, zum Beispiel Anrufe, Emails, SMS, Briefe oder Karten, die auch Drohungen beinhalten können. Die Täterschaft verfolgt die Opfer, lauert ihnen zu Hause auf, oder beschädigt gar deren Eigentum. Manchmal werden auch böswillige Gerüchte verbreitet. Betroffen sind Männer und Frauen. Physische Gewalt wie im Fall aus Dübendorf, so Schneiter, komme jedoch selten vor. Der Fall der getöteten Kita-Mitarbeiterin sei «die höchste Eskalationsstufe» – und eine Ausnahme. 

Stalking wegen Zurückweisung

Die grösste Anzahl Stalkingfälle entwickelt sich nach den Erfahrungen von Schneiter nach Zurückweisung oder dem Ende einer Beziehung. Es gibt aber auch Beziehung suchendes Stalking, ähnlich wie bei der Kita-Mitarbeiterin aus Dübendorf. Der (oder die) Täter(in) sucht dabei den Kontakt zum Opfer. Das kann aus Liebe und sexueller Anziehung oder aus dem Wunsch nach einer Freundschaft geschehen. 

Daniela B., die selber von ihrem Freund nach dem Ende ihrer Beziehung gestalkt wurde, erzählt, wie ihr Ex sie verfolgte, ihr die Pneus aufstach und ihr Auto mutwillig sabotierte, sodass sie nicht von zu Hause wegfahren konnte. Sie fühlte sich «verfolgt und beobachtet», berichtet Daniela. «Er wusste immer, was ich machte.» Zwei oder dreimal war sie auf der Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt, nachdem der Stalker ihr die Pneus beschädigt hatte. Doch die Polizei konnte nicht wirklich handeln, hatten sie doch wenig gegen den Exfreund in der Hand, obwohl Daniela die Täterschaft kannte. Sie fühlte sich hilflos, «weil man kann nichts dagegen machen». Es sei wirklich ein «doofes Gefühl», wenn man Opfer von Stalking wird. 

Kein Strafrechtsbestand

Im Gegensatz zu Deutschland ist «Stalking» in der Schweiz per se kein Strafbestand. Daher gibt es auch keine guten Statistiken, die landesweit aussagekräftig wären, zu den Fällen. Einzig einzelne Tatbestände des konkreten Stalking-Falles, wie Nötigung, Tätlichkeiten oder Sachbeschädigung, können strafrechtlich geahndet werden. 

Yvonne Feri möchte, dass sich das ändert und dass alle Opfer ernst genommen werden. Auch Personen, die von «weichem» Stalking betroffen sind und «nur» durch SMS oder Anrufe ohne Drohungen belästigt werden, sich an die Polizei wenden können. Sie sagt: «Der Bundesrat muss über die Bücher.» Sie wünscht sich, dass die Opfer besser geschützt werden, und verlangt eine Untersuchung zum Thema. Schutzhäuser seien oft finanziell und vom Platz her am Anschlag. «Die Politik muss aktiv werden.» Momentan läuft eine Verhandlung zur Thematik in der Rechtskommission. Zuständig sind aber die Kantone – und die handhaben Stalking unterschiedlich. Feri wünscht sich also, dass Stalking ins Strafgesetzbuch aufgenommen wird. 

Was tun?

Der erste «ganz wichtige» Schritt bei Stalking sei den Kontaktabbruch ganz klar zu kommunizieren und eine deutliche Grenze aufzuzeigen, rät Sozialarbeiterin Schneiter. Opfer sollen aus der entstandenen Dynamik aussteigen und weitere Kontaktaufnahmen ignorieren.

Ganz wichtig ist laut Schneider auch, dass man das Stalking gut dokumentiert. Man solle keine Hinweise löschen oder wegwerfen, sondern alles chronologisch aufzeichnen und datieren. Schneiter empfiehlt auch, dass sich Opfer an mögliche Zeugen wenden. «Man kann auch Drittpersonen einbeziehen», fügt die Sozialarbeiterin an.

Einige Täter weichen auf weitere Involvierte aus. Doch Schneiter mahnt auch, man solle spätestens dann zur Polizei gehen, wenn ein Stalker oder eine Stalkerin mit Gewalt droht. Tragische Fälle, wie jener der 29-Jährigen aus Dübendorf, sollen nie wieder passieren, sind sich Feri und Schneiter einig. 

Hier finden Sie den gesamten Talk:

Stalking – Belästigt, verfolgt, getötet

Stalking – Belästigt, verfolgt, getötet

Der Tod der 29-jährigen Kita-Betreuerin aus Dübendorf schockiert. Hätte er verhindert werden können? Was können Betroffene tun, die verfolgt und belästigt werden? Experten erzählen vom psychischen Leid der Opfer und zeigen die juristischen Möglichkeiten auf.