Kantonsrat
Beim Bürkliplatz soll Zürich trotz Kritik ein Restaurant im See erhalten

Beim Bürkliplatz in Zürich soll ein Seeuferrestaurant auf Stelzen im See entstehen. Der Kantonsrat hat diese Forderung gestern in Richtplan verankert. Der Zürcher Stadtrat steht der Idee jedoch kritisch gegenüber. Er will stattdessen das Schifffahrts-Tickethäuschen aufwerten.

Matthias Scharrer
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Pläne für ein Seeufer-Restaurant beim Bürkliplatz in Zürich gibt es schon lange, doch bis heute ist es nicht in Sicht.

Pläne für ein Seeufer-Restaurant beim Bürkliplatz in Zürich gibt es schon lange, doch bis heute ist es nicht in Sicht.

Matthias Scharrer

Das Zürcher Seeufer beim Bürkliplatz zählt zu den meistbesuchten Orten der Stadt. Doch wer hier ein Restaurant direkt am See sucht, hält vergebens Ausschau: Ausser einem Kiosk mit Wurstgrill beim Ticketstand der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) ist gastronomisch nichts los. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Kantonsrat geht: Dieser hat sich gestern im Rahmen der Richtplan-Teilrevision für ein Seeufer-Restaurant beim Bürkliplatz ausgesprochen. Zu stehen kommen soll es auf Stelzen im See, nahe bei der Quaibrücke. Dafür sprachen sich SVP, FDP, EDU, CVP, BDP und GLP aus.

Die Linke kritisierte den entsprechenden Richtplan-Eintrag: «Man wird die Sicht auf die Alpen verbauen für ein Seerestaurant, das nur wenigen Gutbetuchten zur Verfügung stände», warnte Andrew Katumba (SP, Zürich). Die hohen Baukosten würden nur einen Betrieb im oberen Preissegment zulassen. Ausserdem wäre der Betrieb aufwendig, und das Restaurant müsste über einen Zugang mitten durchs Uferschutzgebiet erschlossen werden.

«Der Kantonsrat sagt Nein zu ökologischen Massnahmen an Gewässern, aber Ja zu einem Restaurant auf dem Wasser», hielt Martin Neukom (Grüne, Winterthur) fest. Zudem stelle der Kanton die Gemeindeautonomie infrage, hätten sich doch sowohl der Zürcher Stadtrat als auch der Gemeinderat kritisch zu dem Vorhaben geäussert.

Seit der Euro 08 im Gespräch

Die Idee eines neuen Seerestaurants ist nicht neu. Vor zehn Jahren hatte sie starken Auftrieb erhalten: Damals lockte ein im Zuge der Fussball-Europameisterschaft 2008 auf dem See erstellter provisorischer Betrieb die Massen an. Ein Jahr später lancierte Severin Pflüger (FDP) im Zürcher Gemeinderat einen Vorstoss für ein Seerestaurant, der eine knappe Mehrheit finden sollte. Auch im Kantonsrat erhielt eine entsprechende Motion aus dem bürgerlichen Lager 2013 eine Mehrheit. Und in den von Stadt und Kanton erarbeiteten Leitbildern fürs Seebecken von 2009 und 2018 war das Seerestaurant auch schon enthalten. Nur: Faktisch kam das Projekt nicht voran.

Nun macht der Kantonsrat mit seinem Richtplaneintrag weiter Druck. Erich Bollinger (SVP, Rafz) räumte zwar ein, das Projekt sei logistisch schwer zu realisieren. Dennoch wolle man es privaten Investoren ermöglichen, das Restaurant im See zu realisieren. «Es besteht Handlungsbedarf», doppelte Lorenz Schmid (CVP, Männedorf) nach. Die Aufwertung am Bürkliplatz sei ein Bedürfnis. Doch auch für ihn ist klar, dass ein neues Restaurant dort in naher Zukunft wohl nicht gebaut wird: «Es geht um einen Richtplaneintrag, der es unseren Nachkommen ermöglichen würde, über ein Seerestaurant weiter nachzudenken», sagte Schmid. Eine Realisierung werde ohne das Mitwirken der Stadt nicht möglich sein.

Mögliche Alternative: Das Tickethäuschen der Schifffahrtsgesellschaft.

Mögliche Alternative: Das Tickethäuschen der Schifffahrtsgesellschaft.

Matthias Scharrer

Stimmvolk ohne Mitbestimmung

Um dennoch zu verdeutlichen, wer auf dem See das Sagen hat, sprach sich die bürgerliche Kantonsrats-Mehrheit dagegen aus, dass die Stadt Zürich für das Projekt einen referendumsfähigen Gestaltungsplan erstellen dürfe. Stattdessen sei es Sache der kantonalen Baudirektion, einen entsprechenden Gestaltungsplan in Eigenregie zu erarbeiten – ohne dass die Stimmberechtigten darüber entscheiden könnten. So sehe es das kantonale Planungs- und Baugesetz vor, betonte der scheidende Baudirektor Markus Kägi (SVP). Er erwähnte auch, dass das Seeuferrestaurant bereits im Anfang Juli veröffentlichten Leitbild fürs Zürcher Seebecken enthalten sei. Es habe allerdings mehrere Einwendungen dagegen gegeben.

Eine mögliche Alternative deutete SP-Kantonsrat Katumba an: Statt ein Restaurant auf Pfählen im See zu planen, könnte man das Tickethäuschen der ZSG aufwerten. «Da hätte niemand etwas dagegen», so Katumba. «Wir sind mit der Stadt im Gespräch», erwiderte Baudirektor Kägi.

Urs Spinner, Generalsekretär des Stadtzürcher Hochbaudepartements, bestätigte dies auf Anfrage. «Der Stadtrat ist gegenüber dem Seerestaurant kritisch eingestellt», sagte Spinner. Die Stadtregierung sei mehr daran interessiert, bei der ZSG-Ticketeria das Angebot für Leute, die am See etwas essen und trinken wollen, zu verbessern und allenfalls zu vergrössern.

Seen und Bäche

Linke scheitert mit Anträgen für mehr Natur

Der Zürcher Kantonsrat brütet über einer Teilrevision des Richtplans: Die Anträge von linker Seite für mehr Natur – etwa für freie und begehbare Seeufer oder mehr Renaturierungen von Bächen – fanden gestern keine Mehrheiten. Die Schlussabstimmung über die Teilrevision wird nach den Herbstferien stattfinden. Bereits jetzt ist klar, dass weiterhin die bürgerliche Mehrheit dem Richtplan ihren Stempel aufdrücken wird. So stutzte sie ihn etwas zurück. Es heisst nun schlicht: Die Bebauung am Zürichseeufer sei sorgfältig weiterzuentwickeln. Und die Bauvorschriften für den Uferbereich hätten sich am Bestand zu orientieren, es sei Rücksicht auf die konkrete Situation zu nehmen.

Der Regierungsrat wollte hier noch festgehalten haben, dass am Ufer «ein grosszügiger Durchblick» zu gewährleisten und entlang der Seestrasse «eine parkähnliche Bepflanzung» anzustreben sei. Das war im Parlament aber nicht mehrheitsfähig. Auch der Antrag von SP und Grünen, wonach «sämtliche See- und Flussufer frei, durchlässig, begehbar und öffentlich zugänglich zu halten sind und der Bevölkerung als wertvoller Naherholungsraum dienen», wurde verworfen. Der Entwicklung des Uferbereichs werde gemäss den Vorgaben des Richtplans Sorge getragen, sagte Sonja Rueff (FDP, Zürich). Eine detailliertere Regelung sei auf Stufe des Richtplans nicht nötig.

Die bürgerliche Seite stufte den Zusatz, mit dem die Linke die schon öfters geführte Seeuferweg-Debatte erneut aufwarf, deshalb als überflüssig ein. Ebenso erteilte sie Anträgen für mehr Renaturierungen von Gewässern wie Reppisch, Töss und Sihl eine Absage. Damit werde das von Bund und Kanton vereinbarte Ziel, pro Jahr fünf Kilometer zu revitalisieren, verfehlt, kritisierte Thomas Forrer (Grüne, Erlenbach). (sda/mts)