Umso mehr, als dass man sich in Winterthur nun bewusst wird, dass dann Castor-Transporte mit hochradioaktivem Atommüll durch den Hauptbahnhof Winterthur rollen würden. Bei diesem Gedanken kriegt wohl der eine oder andere weiche Knie.

Das Zürcher Weinland, bei der Standortsuche offiziell Zürich Nordost genannt, ist zusammen mit den zwei Gebieten Nördlich Lägern und Jura Ost eines von drei geologischen Standortgebieten, in deren Untergrund hochradioaktive Abfälle endgelagert werden könnten.

Die drei Gebiete kommen gemeinsam mit Südranden, Jura-Südfuss und Wellenberg auch für die Lagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle infrage. Voraussichtlich 2017 wird der Bundesrat entscheiden, welche der sechs Standortgebiete im Auswahlverfahren verbleiben. Danach erteilt der Bundesrat die Rahmenbewilligung, die vom Parlament genehmigt werden muss. Sie untersteht dem fakultativen Referendum.

Transporte durch Basel-Stadt

Fiele der Endlagerentscheid auf das Weinland, würden die radioaktiven Abfälle in 40 bis 50 Jahren in Castor-Behältern aus dem Zwischenlager im aargauischen Würenlingen mit der Bahn zum «Tor zum Endlager» nördlich von Marthalen transportiert. Dort, rund zwei Kilometer vom Dorf entfernt, würde der Atommüll in einer «heissen Zelle», einem Hochsicherheitstrakt also, in kleinere Behälter umverpackt und ins Tiefenlager hinabbefördert.

Die Bahnwagen mit den Transportbehältern würden voraussichtlich von Würenlingen über Bülach, Embrach und Winterthur ins Weinland fahren. Während des Einlagerungsbetriebs wäre monatlich mit einem Transport mit hochradioaktiven Abfällen zu rechnen sowie jede Woche mit einem mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen.

Auch die Transporte mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen für ein Endlager im schaffhausischen Gebiet Südranden würden diese Route nehmen. «Eine Route über deutsches Gebiet würde keinen Sinn machen», sagt Markus Fritschi, Bereichsleiter Lagerprogramme bei der nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra).

Zurzeit besteht ein Wiederaufarbeitungsmoratorium bis 2016, und es werden keine Brennelemente mehr ins Ausland transportiert. Diese Transporte sowie die Rückführung der Abfälle aus der Wiederaufbereitung führten jeweils von Frankreich her durch die Stadt Basel. Die Vorschriften für solche Transporte sind international einheitlich.

Laut Fritschi ist es denkbar, dass künftige Castor-Transporte in der Nacht erfolgen, um stark frequentierte Bahnlinien nicht zu sehr zu beeinträchtigen. Dabei dürfen Mensch und Umwelt nicht gefährdet werden. Zu diesem Zweck werden die Transportbehälter verschiedenen Tests unterworfen, um extreme Unfallbedingungen zu simulieren.

So müssen die Behälter zum Beispiel einen halbstündigen Feuertest bei einer mittleren Flammentemperatur von mindestens 800 Grad unbeschadet überstehen. Oder sie werden aus neun Metern Höhe auf ein unnachgiebiges Fundament fallen gelassen. Selbst ein Flugzeugabsturz auf einen Castor-Behälter oder die Explosion eines Tankwagens in unmittelbarer Nähe wird simuliert.

Wenig Widerstand aus Winterthur

Der Widerstand gegen ein mögliches Endlager im Weinland war bisher ziemlich verhalten. Im Bezirk Andelfingen wird mehrheitlich bürgerlich gewählt, währenddem der Widerstand gegen ein Endlager ein klassisches links-grünes Thema ist.

Erst recht wenig war bis anhin aus der Stadt Winterthur zu hören. «Am Ende könnte der Standort Weinland gewählt werden, weil der Widerstand hier am kleinsten ist», warnt CVP-Politiker Matthias Baumberger. Sollte sich das Weinland als bester Standort erweisen, sei das aber zu akzeptieren, sagt er.

Ähnlich äussern sich FDP und SVP. Auch Stadtpräsident Michael Künzle sagt, man werde sich «einer von der Allgemeinheit anerkannten, sinnvollen Lösung nicht verschliessen».

Ganz anders der Grüne Christian Griesser: «Wir müssen uns für unsere Region und gegen das Endlager einsetzen. Wir werden nicht klein beigeben.» Er kritisiert, dass der Atommüll nicht rückholbar versenkt werden soll.

Zuerst müssten alle Fakten auf den Tisch, sagt EVP-Fraktionspräsident Nik Gugger: «Solange keine Auslegeordnung vorhanden ist, stehen weitere Schritte für mich nicht zur Debatte. Wir können die Tür nicht von vornherein zuschlagen.»